Markus Lanz, ZDF

Markus Lanz ging mir auf die Nerven – Jahresrückblick im ZDF

Dass man schon im November das Jahr 2020 Revue passieren lässt, gut fünf Wochen vor dem Ende eines ereignisreichen Jahres, das erfuhr der Fernsehzuschauer gestern im ZDF. Eines vorweg: Der schlechteste Mann in der Sendung war der Moderator Markus Lanz. Er fiel seinen vielen Gästen fast immer ins Wort, ließ sie nicht ausreden und fuhr stets fahrig mit Fragen, die keine waren, dazwischen. Mir ging er sehr auf die Nerven, weil er nicht moderierte, weil er die Sendung nicht führte, weil er seine hochmögenden Gäste nicht zum Reden brachte, sondern sich selber gern reden hört. Es war eine Selbstdarstellung, oder wie es im Magazin „Focus“ hieß, eine“ eitle Selbstbespiegelung“ des Markus Lanz.

Hektische Life-Schaltungen unterbrachen die Fragerunden, weil er neben dem Jahresrückblick aktuell sein und den Zuschauern die Ergebnisse des Corona-Gipfels der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten liefern wollte. „Heute sind wir so life wie noch nie“, frohlockte der hektische Moderator, der atemlos durch die Sendung raste. Dass Corona im  Mittelpunkt stand, überraschte nicht. Der Zeitgenosse erinnerte sich, wie zu Jahresbeginn die ersten Meldungen aus dem chinesischen Wuhan nach Europa kamen, über einen gefährlichen Virus wurde da berichtet, aber noch war die Pandemie, zu der sich Corona entwickelte, weit weg. Mitte Februar waren wir noch beim Langlaufen im Chiemgau, trafen uns mit Freunden im Bayerischen Wald. Wir redeten über Corona, aber dachten damals eher an eine Grippe. Nun ja, es ist anders gekommen in diesem Jahr. Corona ließ uns nicht los, das Virus prägte unser Leben, den Urlaub, das Freizeitverhalten, Kneipen zu, Kneipen auf, wieder zu, Masken vors Gesicht, Abstand halten, Husten in die Armbeuge. Auch sprachlich lernten wir dazu: Ein Wumms nannte Bundesfinanzminister Olaf Scholz die größte Schuldenaufnahme der Republik, um den Laden am Laufen zu halten (Merkel-Sprech), um Firmen, kleine, mittlere und größere Selbständige zu bezahlen, deren Unternehmen still, ohne Arbeit weiterliefen, ohne dass sie Einnahmen schufen.

Zurück zu Markus Lanz Rückblick. Karl Lauterbach, das Gesicht der Krise war dabei, ein alter Bekannter wohl bei den Sendungen von Lanz, der immer wieder einwarf, was er bei früheren Sendungen von ihm oder anderen Gästen erfahren hatte. Der Virologe Hendrik Streeck betonte, er sei nie wirklich ein Freund von Christian Drosten gewesen. Wen interessiert das eigentlich außer Markus Lanz, der davon gesprochen hatte? Streeck und der Kreis Heinsberg gehören zusammen, der Ort des ersten deutschen Hotspots, der Bonner Forscher, der das Thema zur Studie machte. Der dortige Landrat Stephan Pusch erklärte, wie er das Heft des Handelns in die Hand genommen hatte. Dann war die Ärztin Jordis Frommhold dabei, Susanne Herpold, eine der ersten Covid-19-Erkrankten in Deutschland, Leopold Heß, dessen Vater an der Pandemie starb. Tim Mälzer, einer der bekannten TV-Köche im Lande, durfte seine gewiß nicht einfache Lage erklären und darauf hinweisen, dass er zu Weihnachten nicht öffnen, sondern alles bis März schließen werde,

Eingeblendet wurde Armin Laschet, der Mühe hatte, seine Sicht der Dinge zu sagen, weil Lanz unbedingt den Wettstreit zwischen dem CDU-Ministerpräsidenten und dem bayerischen Regierungschef Markus Söder herausstellen wollte, wobei Söder bisher gar nicht zum Kreis der Kanzlerkandidaten der CDU gehört, die übrigens das Sagen hat in diesem Wettbewerb- und nicht die viel kleinere CSU. Aber das nur am Rande. Söder war dann auch auf dem Bildschirm zu sehen, um zu erläutern, dass Weihnachten ein Fest der Familie sei, Silvester eines der Freunde, aber bitte, wenn überhaupt im kleinen Kreis. Dann erschien Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher in der Runde, der lobte das finanzielle Engagement des Bundes in der Corona-Krise.

Hanau war ein Thema, der Rechtextremismus, der Anschlag mit elf Toten, aber da war die Betroffene Ajla Kurtovics, die ihren Bruder dabei verloren hatte, schon verschwunden Also musste Annalena Baerbock, die Grünen-Chefin, erklären, was war und was man machen sollte gegen diesen mörderischen Rassismus, was sie wacker tat. Aber das Thema wurde nur angerissen, denn die Zeit war auch durch das fehlende Konzept des Moderators, der die Zügel nicht in der Hand hatte, vorbeigerast. Und noch wollte er unbedingt Amerika abwickeln, das Festhalten des amtierenden Präsidenten Trump an seiner Legende, man habe ihm, Trump, die Wahl geklaut. Gut, dass er in die USA schaltete und die wirklich sehr guten Korrespondenten aus Washington und New York berichten ließ. Elmar Theveßen nutzte die wenige Zeit, um die gefährliche Politik des eigentlich abgewählten Trump zu erklären. Und Johannes Hano schilderte aus der früher Hauptstadt der Welt genannten Stadt New York, dass diese Metropole wie ausgestorben sei. Das waren nur wenige Momente, aber das war Journalismus vom Feinsten.

Nein, Markus Lanz hätte man nicht zur besten Sendezeit auf den Bildschirm lassen sollen, sondern-wenn überhaupt- erst nach Mitternacht, wenn die meisten schon eingeschlafen sind. Besser noch wäre eine Sendung ohne Lanz gewesen.

Bildquelle: ZDF, Screenshot

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Markus Lanz ging mir auf die Nerven – Jahresrückblick im ZDF' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    27. November 2020 @ 14:47 Riegel Hilde

    Warum lädt Markus LANZ eigentlich Gäste ein,die er dann doch nie ausreden lässt?
    Ich wundere mich,daß er überhaupt noch Teilnehmer findet.
    Ich schlage vor,den Titel der Sendung zu ändern in „Monolog mit Markus Lanz“!!!

    Antworten


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