Gehirn

Mein Wunsch für’s neue Jahr: Herr, schmeiß Hirn vom Himmel

Zugegeben – der Spruch vom lieben Gott, der den Menschen Vernunft geben, also Hirn vom Himmel schmeißen möge, ist alt und nicht mehr originell. Aber er bringt meinen Wunsch für das neue Jahr treffend zum Ausdruck. Denn, die These sei gewagt: Mit mehr Vernunft bei Regierenden wie Regierten im abgelaufenen Jahr stünden wir heute im Kampf gegen Corona viel besser da.

Wieviel Zeit haben unsere Politiker dem aggressiven Virus gelassen, dass es sich bei uns so richtig schön breit machen konnte. Und mit wieviel Unvernunft, Egoismus und Disziplinlosigkeit haben viel zu viele Bürger die rasante Ausbreitung von Corona regelrecht provoziert.

Alles schon vergessen ? Wie hoffnungsvoll es in Deutschland im Frühsommer nach dem ersten Lockdown ausgesehen hatte ? Dann ging unter den Länderministerpräsidenten der Wettstreit los, wer was als erster wieder öffnet und seinen Bürgern die alte Lebensqualität am großzügigsten zurückgibt. Die Virologen warnten eindringlich, Corona sei längst nicht besiegt, das Virus werde, wenn wir nicht weiter extrem vorsichtig bleiben, ab Herbst, wenn es kälter wird, wieder unerbittlich zuschlagen. Sie warnten vergeblich, denn in den Fußgängerzonen, Kaufhäusern, Freizeitparks und wo sonst noch wurde wieder fröhlich und bedenkenlos gedrängelt.

Als die Infektionszahlen geradezu zwangsläufig wieder nach oben schnellten und ein zweiter Lockdown unvermeidlich schien, konnte sich die kakophone Riege der Ministerpräsident*innen nur auf einen Lockdown light einigen. Der aber war weder „Lock“ noch „down“, sondern nur „light“ und brachte nichts. Experten wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnten permanent vor dem dicken Ende. Aber sie wurden als Miesmacher verspottet. Wissenschaftler wurden ignoriert, die in Dauerschleife forderten, nur ein erneuter harter – nicht nur leichter – Lockdown mit massiven Einschränkungen aller Kontaktmöglichkeiten könne noch das Schlimmste verhindern. In Talkshows zeigte sich die Expertin des Göttinger Max-Planck-Instituts, Viola Priesemann, fassungslos und regelrecht verzweifelt, dass Politiker wie Bürger einfach nicht die simple Gleichung kapieren wollten: „In dem Moment, in dem die Fallzahl niedrig ist, ist die Eindämmung viel, viel leichter“.

Dann vor Weihnachten die unschöne Bescherung: Der harte Lockdown, nur leider viel zu spät. Inzwischen sind bei uns die Infektions- und Todeszahlen auf derart hohem Niveau, dass Deutschland, im Frühjahr noch das Musterland im europäischen Vergleich, zu einer Corona-Krisenrepublik geworden ist. Und jetzt wollen die Zahlen nur wenig und langsam wieder runtergehen. Das könnte daran liegen, dass viele Menschen den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen haben und immer wieder versuchen, Ge- und Verbote nonchalant zu ignorieren oder sehr großzügig zu ihren Gunsten auszulegen. Wenn man sah, wieviele Menschen sich über die Weihnachtstage aus vermeintlich einer Familie oder zwei Haushalten getroffen haben, konnte man sich über die Renaissance der Deutschen Großfamilie nur wundern.

Und schon gibt es neue Indizien, als dürfe auch 2021 die Unvernunft triumphieren. So bahnt sich unter den Kultusministern der Länder neuer Streit darüber an, wie es nach dem 10. Januar an den Schulen weitergehen soll. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wollen unabhängig von den Infektionszahlen flächendeckend bis zur siebenten Klasse öffnen. Hamburg hingegen bereitet die Eltern schon mal auf Fernunterricht zumindest bis Ende Januar vor. Thüringen kann sich erleichterte Prüfungen vorstellen. Corona, so scheint es, darf den deutschen Föderalismus und seine wohl immanente Unvernunft so richtig lieb gewinnen.

Und gleich auch noch der nächste Blödsinn im Zusammenhang mit Corona: Der Verkauf von Sylvester-Böllern und Raketen ist bundesweit verboten. Aber die Pyromanen, die Reste vom vorigen Jahr haben oder noch gefährlicheres Zeug aus Osteuropa oder China horten, dürfen vielerorts trotzdem zündeln. Das ist ebenfalls von Region zur Region unterschiedlich. Wie sinnlos und geradezu dümmlich: Verkauf von Krachern und Raketen zu verbieten, aber deren Einsatz dann doch zu erlauben. Da können sich Ärzte und Pflegekräfte in völlig überlasteten Krankenhäusern auch in der Pandemie wie jedes Jahr auf Brandwunden und schwerere Sylvester-Verletzungen schon mal vorbereiten.

Viele Deutsche, so schrieb ein kluger Zeitgenosse, haben zur Sylvester-Knallerei ein ähnlich irrationales Verhältnis wie die Amerikaner zum Schusswaffen-Besitz. Sie sehen ihre Grundrechte eingeschränkt, wenn sie nicht die Luft mit Schadstoffen verpesten, Millionen sinnlos verpulvern und Haus- und Wildtiere durch Krach und Blitze brutal quälen dürfen.

So viel Hirn, wie der Herr vom Himmel schmeißen müsste, hat er vielleicht gar nicht vorrätig.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann, Pixabay License

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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