Titelbild DER SPIEGEL 29/2020

Söder gerät unter Druck – Das war auch höchste Zeit

Zugegeben, ich habe das nicht ernst genommen, was mir ein guter Freund vom Chiemsee gerade geschickt hat. „Söder muss weg“, heißt es da auf einem Flugblatt, das in manchen Briefkästen bayerischer Bürger gelandet war. Ein sogenanntes „Bündnis-Landtag-abberufen.de“  fordert dazu auf, in einem Volksbegehren unter dem Stichwort „Landtag abberufen“ dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef die „Rote Karte“ zu zeigen. Wenn man auch der Meinung sei, ist da auf dem Flugblatt weiter zu lesen, und die „Schnauze voll von substanzloser Panikmache, aufgeblasenen Horrormärchen, sinnfreien Schikanen und abstrusen Diskriminierungen“ habe, dann solle man diesem „freidrehenden Polittheater jetzt die Rote Karte“ zeigen. Wer dies auch heute noch für einen schlechten Witz der natürlich linken, am besten kommunistisch gesteuerten Opposition hält, der wurde am Wochenende auf der Landesversammlung der Jungen Union(JU) Bayern im niederbayerischen Deggendorf eines Besseren belehrt. Dort fand das statt, was die SZ heute mit der Überschrift „Auflehnung gegen Söders One-Man-Show“ beschrieb. „Wir streichen Markus Söder“ beschloss die CSU-Jugend in einem Antrag mit 75 Prozent-Ja-Stimmen. Der Antrag hieß: „Es ist Zeit, ein schlagkräftiges, frisches Team hinter unserem starken Zugpferd Markus Söder zu bilden.“ Das Zugpferd Markus Söder aber flog raus, beschlossen die jungen Damen und Herren, es blieb allein das „schlagkräftige Team“. Beifall, notiert die SZ, „Jubel, Applaus, die JU hat tatsächlich Söder gestrichen.“ Und ein paar Zeilen weiter wird ein Delegierter mit den Worten zitiert: „Die JU hat heute Söders One-Man-Show beendet!“

Das ist natürlich nicht das Ende des mächtigen CSU-Mannes aus Nürnberg, der gelegentlich, breitbeinig dastehend, den Eindruck erweckt, als hielte er sich für den Allmächtigen. Dies könnte aber ein erster Warnschuss gewesen sein, der auf Söder abgefeuert worden ist. Den Mann, von dem es heißt, er dulde niemanden neben sich auf Augenhöhe, er würge Debatten ab, in denen sich Meinungen abzeichneten, die nicht seiner Ansicht entsprächen. Söder verwechselt ganz offensichtlich wieder mal Größe mit Länge, will sagen: 1,94 Meter Länge misst der Mann, was aber nicht bedeutet, dass er ein Großer sei. Und nur weil er in Bayern und vor allem in der CSU die alles dominierende Figur ist, heißt das noch lange nicht, dass er außerhalb des Freistaats auch alle anderen überstrahlen würde. Bayern, Herr Söder, ist schön, keine Frage, mag sein die Vorstufe zum Paradies, wie das Horst Seehofer mal gesagt hat, aber politische Provinz wie andere Bundesländer.

Er ist nicht die Lichtgestalt

Söder ist nicht die Lichtgestalt, für die er sich hält, weder  in Deutschland und auch nicht in Bayern. Oder hat niemand mitbekommen, dass er bei der letzten Landtagswahl gerade mal 37 Prozent der Stimmen gewonnen und damit die absolute Mehrheit der Mandate eingebüßt hatte? Und wahr ist ja auch, dass die CSU bei der letzten Bundestagswahl bundesweit gerade noch die fünf-Prozent-Hürde überspringen konnte. Alles nur wegen Laschet? So hätten es Söder und sein Generalsekretär Markus Blume gern dargestellt. Weil sie ja der Meinung waren und sind, dass man mit Armin Laschet den falschen Kanzlerkandidaten aufgestellt habe. Der Richtige wäre- selbstredend- Söder gewesen, Markus Söder, der MP aus Bayern, der CSU-Chef. Das schlechteste Wahlergebnis für die CDU nach dem Zweiten Weltkrieg, Platz zwei hinter dem ewigen Gegner, der SPD. Eine Klatsche, würde man im Fußball sagen, demütigend das Ergebnis. Für die sieggewohnten Christdemokraten, die nun mal überzeugt sind, dass für sie Platz 1 reserviert sei, damit sie den Kanzler stellen. Armin Laschet ist der Verlierer. Ok. Aber andere, wie eben Söder haben dazu einiges beigetragen.

Das Wahl-Debakel auch in Bayern- 31,7 vh- ist selbst in der CSU nicht ohne Ärger über die da oben verklungen. Die da oben heißt aber jetzt auch: bei dem da oben, bei Söder sehen mehr und mehr der CSU-Freunde die Fehler der Wahlkampf-Kampagne, sie werfen ihm vor, den Kandidaten Laschet nicht nur nicht genügend unterstützt, sondern diesen zusätzlich noch gedemütigt zu haben, indem man kurz vor der Bundestagswahl noch den CSU-Generalsekretär Blume erklären ließ, natürlich stünde man besser da mit einem Kanzlerkandidaten Söder. Welch eine Unverschämtheit! Söder ist ein schlechter Verlierer. Und jetzt, bei der JU in Deggendorf, hatte Söder am Samstag wiederholt, wo er den Hauptgrund für die Wahl-Misere sah: „Am Ende wollten die Deutschen einen anderen Kanzlerkandidaten.“ Die Fehler liegen also wo anders, nicht in München, schon gar nicht bei ihm. Die Herzen der Parteijugend, so die SZ, fliegen Ilse Aigner zu und vor allem Manfred Weber, dem Europa-Politiker. Söder wird das nicht verborgen geblieben sein.

Wo der Barthel den Most holt

Man fragt sich ja als politischer Beobachter, warum sich die viel größere CDU all die Rempeleien aus München hat gefallen lassen, die Sticheleien und Stänkereien. Wo eigentlich sind die Verteidiger von Armin Laschet, die einem wie Söder in den Arm gefallen wären und ihm verbal mal gezeigt hätten, wo der Barthel den Most holt. Man hätte sich das früher gewünscht, dass einflussreiche Christdemokraten öffentlich aufgestanden wären gegen Markus Söder. Einer wie Friedrich Merz eben. Der Sauerländer hat jetzt, nachdem Laschet längst resigniert hat, von einem „Tiefpunkt unserer Zusammenarbeit und unseres Umgangs miteinander “ gesprochen. In einem Brief an seine Anhänger spielt Merz, der als möglicher Nachfolger von Laschet als CDU-Parteichef gehandelt wird, auf die mangelnde Hilfe von CSU-Chef Söder an. Merz nennt das Verhalten der CSU im Wahlkampf für eine „bürgerliche Partei unangemessen“. Und wörtlich schreibt er: „Das war stillos, respektlos und streckenweise rüpelhaft.“

Merz hat Recht. Söder hat den Spaltpilz zwischen CDU und CSU gelegt, da ist keine Brücke zwischen ihm und Laschet. Die Vereinbarkeit, die sie vor zwei Wochen unterzeichnet hatten über die Fortsetzung der Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU, ist doch das Papier nicht wert, auf dem das geschrieben worden ist. Es ist doch die reinste Heuchelei, wenn es dort heißt, man schließe sich wegen „gemeinsamer politischer Ziele“ zusammen. Der Umgang Söders mit Laschet war und ist, wie das Treffen der JU in Deggendorf gezeigt hat, respekt- und stillos. Die CDU muss sich aufraffen, um ihr Gesicht zu wahren und Söder dessen Grenzen aufzeigen. Man darf auch an Kreuth erinnern 1976, daran, was passieren kann, wenn einer wie Söder so weitermacht. Dann muss die CDU den Mumm aufbringen und sich in München nach einer Immobilie umsehen, um dort eine Zentrale für einen bayerischen Landesverband der CDU einzurichten. Dann wäre es vorbei, Herr Söder, mit der Herrschaft der CSU. Und mit ihrer politischen Karriere, die einzig ihrem unerträglichen Egoismus dient. Ein für allemal. Das Benehmen diesen Herrn nervt. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Das einzig zuverlässige an Söder ist seine Unzuverlässigkeit.

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 117 Abonnenten.



Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Söder gerät unter Druck – Das war auch höchste Zeit' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht