Titel "lovemobil"

Von wegen „Lügenpresse“

Besser kann man den Schreihälsen, die immer wieder „Lügenpresse“ und „fake-news“ brüllen, nicht das Maul stopfen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat vorgemacht und öffentlich demonstriert, wie schonungslos es mit sich selbst umgehen und einen eigenen Mega-Flop entlarven kann. So geriet das Desaster mit der vielfach preisgekrönten Dokumentation „Lovemobil“ zu einem Glanzstück öffentlich-rechtlicher Glaubwürdigkeit; das in Zeiten, in denen nicht nur die AfD, sondern auch Kräfte in der Union einem Substanzverlust von ARD und ZDF das Wort reden.

Da hatte die freie Filmemacherin Elke Lehrenkrauss einen Film für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) gefertigt, der das Elend von Prostituierten in schmuddligen Wohnmobilen am Rand von Landstraßen angeblich dokumentiert. Die Autorin hatte behauptet, dank jahrelanger einfühlsamer Recherchen und Kontakte sei sie ganz, ganz dicht und regelrecht intim an Nutten, Freier und Zuhälter gekommen. Nur so seien diese spektakulären Drehs möglich geworden. Alles, was sie zeige, sei echt.

Der Streifen wurde mit Preisen überhäuft. So etwas Authentisches aus diesem Milieu hatte man ganz selten oder noch nie gesehen. Es hätte immer weitergehen können, denn niemand merkte etwas, auch nicht die kritischen Jurys und Organistoren diverser Filmfestivals. Sogar der höchst renommierte Grimme-Preis winkte und schien sicher.

Dann aber grätschte das junge und quirlige Rechercheteam des NDR-online-Formats „strg_F“ dazwischen. Aufgescheucht durch eine von außen herangetragene Information recherchierte die Truppe akribisch und gnadenlos. Der Befund: Die vermeintliche Dokumentation ist keine Dokumentation, sondern ein Konvolut gestellter Szenen. Die Prostituierten sind keine Prostituierten, die Zuhälter keine Zuhälter, die Freier keine Freier, sondern allesamt Laiendarsteller. Das einzige, was man bewundern kann: Deren schauspielerischen Talente. Die Autorin versuchte es anfangs noch mit der Rechtfertigung, ihr sei es gelungen, eine „viel größere Realität zu schaffen“ als es mit Abbildung der Wirklichkeit möglich gewesen wäre. Donald Trump lässt im Kleinen grüßen. Inzwischen aber hat sie sich entschuldigt

Da hat also der NDR selbst eine eigene NDR-Produktion zerschossen und das sofort an die ganz große Glocke gehängt. Das Debakel mit der Nicht-Dokumentation wurde auf allen verfügbaren Kanälen dokumentiert und damit öffentlich gemacht.

Wie eingangs behauptet: Ein Glanzstück öffentlich-rechtlicher Glaubwürdigkeit ! Ich habe Jahrzehnte für ARD und NDR gearbeitet; deshalb hier noch meine ganz persönliche Meinung: Gegen entschlossene und dreiste Täuschungen ist keine Redaktion gefeit. Sie muss auf die Seriosität, Integrität und Ehrlichkeit unabhängiger Filmemacher*innen vertrauen können. Was im Interesse der Zuschauer*innen jetzt nicht passieren darf: Dass an der Senderspitze Rückversicherer dominieren und eine verschreckte und verunsicherte Obrigkeit im öffentlich-rechtlichen System immer mehr und immer neue Kontrollen einzieht und Hürden aufbaut. Dann gingen Unbefangenheit, Risikobereitschaft und Kreativität der Macherinnen und Macher weitgehend verloren. Hundert Prozent fehlerfrei kann nur sein, wer gar nichts mehr macht.

idlquelle: Screenshot Youtube

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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