Spargelfeld

Wer den Spargel stechen soll

Nicht, dass die Anhänger der AfD durch die Coronakrise gänzlich von der medialen Bildfläche verschwunden wären. Im Ganzen gesehen ist es um das rechte Lager jedoch ruhiger geworden. Einerseits liegt das daran, dass die Pandemie derzeit andere Themen komplett überlagert. Doch die AfD weiß diese Ausnahmesituation für sich auch zu nutzen. Die vom Verfassungsschutz inzwischen offiziell erfolgte Einstufung des sogenannten „Flügels“ als rechtsextrem (25.03.2020) lädt zum
Herunterfahren öffentlichkeitswirksamer Aktivitäten regelrecht ein.

Doch es ist komplizierter: Das süffisante Lob von AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland zu den Grenzkontrollen, von denen er sich erhofft, dass sie einen dauerhaften Bestand haben werden, zeigt klar, dass das Virus den Interessen der Rechtspartei entgegenkommt. Die Szene lehnt sich insofern durchaus auch zurück, feiert beispielsweise genüsslich die Schwierigkeiten der EU in der aktuellen Krise, die so manche Fehleinschätzung mit sich gebracht hat. Mit Genugtuung aufgenommen wird ebenfalls das vom Bund jüngst erlassene Einreiseverbot für Saisonarbeitende in der Landwirtschaft.

Hilfskräfte bis aus der Mongolei

Ein näherer Blick auf diese Thematik tangiert den deutschen Geschmacksnerv aber auch das Portemonnaie, denn schon bald, wenn die Spargelsaison an einem noch unbestimmten Tag nach Ostern beginnen wird, droht unser liebstes Gemüse zur überteuerten Mangelware zu werden. Ein Statement von Julia Klöckner, der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, verdeutlicht die Lage: „Diese Entscheidung trifft unsere Landwirte enorm hart, weil sie mit diesen Saisonarbeitskräften rechnen, weil sie sie brauchen, und diese Kräfte auch eingearbeitet sind. Das bereitet uns große Sorge.“

Tatsächlich geht es alleine schon im April um rund 45.000 Menschen, die normalerweise bei der Spargelernte im Einsatz sind. Und nicht nur der Spargel wird von fehlenden Hilfskräften betroffen sein: Erdbeeren, Kartoffeln, Wein, Zwiebeln und viele weitere Agrarerzeugnisse wollen auch im Corona-Jahr 2020 unsere Münder erreichen. Insgesamt gesehen ist Deutschland per anno auf mehr als 250.000 Hilfskräfte angewiesen, die bislang vorwiegend aus Osteuropa und Westbalkan kamen, aber auch bis aus Usbekistan und der Mongolei. Insbesondere wurden in Ostdeutschland gerade die Arbeiter eingesetzt, die am wenigsten Kosten verursacht haben und ohne aufsehen auf den Feldern gearbeitet haben.

Schüler, Studenten und Langzeitarbeitslose sowie Asylsuchende sollen einspringen

Ersetzt werden sollen sie durch Studierende, Arbeitssuchende und Asylsuchende, wobei auf der neu eingerichteten Homepage https://www.daslandhilft.de/ sogleich um die 16.000 Bewerbungen von Freiwilligen vorlagen, die sich mit „helfenden Händen“ in der Landwirtschaft einbringen möchten (Stand 26.03.2020). Diese Zahlen werden zwar fraglos weiter steigen, doch ist davon auszugehen, dass Engpässe trotzdem entstehen, weil sich potenziell eben doch schon rein zahlenmäßig nicht genug Leute finden werden. Um die Lücken in der Personaldecke zu stopfen, will die AfD eine alte DDR-Tradition neu aufleben lassen: Schülerinnen und Schüler ab der 10. Klasse sollen bei der Feldarbeit ebenfalls helfen. Als „pädagogisch sinnvoll“ bezeichnet Götz Frömming, der bildungspolitische Sprecher der Rechtspopulisten, diese Idee.

Gescheiterte Versuche mit Langzeitarbeitslosen

Nun hat es in den vergangenen Jahren bereits Versuche mit Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten in der Landwirtschaft gegeben. Dies jedoch ohne Erfolg, wie Simon Schumacher, der  Geschäftsführer im Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauern (VSSE) berichtet. Denn ob nun Hartz4-Empfänger oder Geflüchtete – es sei gar nicht einmal so sehr das Problem, die Leute für den Knochenjob anzuwerben. Vielmehr mangele es an der Zuverlässigkeit, täglich zu erscheinen und die ganze Saison über durchzuhalten. Und was die Asylsuchenden angehe, so fänden die bei vorhandener geistiger Flexibilität auch sehr schnell etwas Besseres, als täglich zehn Stunden lang in gebückter Haltung Spargel oder Erdbeeren zu ernten. Derlei Erkenntnisse haben dazu geführt, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium für die bereits eingereisten Saisonkräfte aus Osteuropa veränderte Bedingungen schaffen möchte: Sie sollen länger bleiben und 115 anstatt wie bisher 70 Tage sozialversicherungsfrei arbeiten dürfen. Für die AfD sind solche Maßnahmen vollkommen überflüssig. „Wir müssen unseren Mangel an Saisonarbeitskräften selbst lösen. Wir haben genug Sozialhilfeempfänger, die nach dem Prinzip ‚fordern und fördern‘ in Arbeit gebracht werden können“, posaunte Alexander Gauland auch in Richtung der verzweifelten Landwirte. Die bereits vorhandenen schlechten Erfahrungen mit Erntehelfern aus dem eigenen Land werden in rechten Kreisen also komplett ignoriert. Doch wer nicht hören will, muss bekanntlich fühlen.

Gute Möglichkeit für AfD-Wähler, die Liebe zum Heimatland zu beweisen: Ran an die Spargelernte

Wenn es in Deutschland tatsächlich zu einer Gemüseverknappung kommen sollte, dann sind wir alle Betroffen. Im positiven Sinne könnte eine solche Situation vielleicht sogar dazu anregen, die Wertschätzung von niederschwelligem Arbeiten generell und insbesondere von Saisonarbeit zu verbessern. Saisonarbeiter, die über viele Monate auf den Feldern arbeiten sind ohne Krankenversicherung. Darüber hinaus würde in der Bevölkerung vermutlich die Einsicht gestärkt, dass eine gut funktionierende Lebensmittelversorgung auch von den ausländischen Saisonkräften mit geringen Einkomme abhängig ist.  Ein nach außen abgeschottetem Deutschland ist nicht nur weltfremd – es würde unsere Wirtschaft und Wohlstand negativ beeinflussen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Peter H, Pixabay License

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Gül Keskinler

Gül Keskinler lebt seit einigen Jahrzehnten in Deutschland. Die „Deutsch-Türkin“ ist Chefin der Agentur für Interkulturelle Kompetenz EKIP in Köln, die Konzepte für Bildung, Qualifizierung und Kompetenzerweiterung entwickelt und umsetzt. 2006 - 2016 ehrenamtliche DFB-Integrationsbeauftragte.


'Wer den Spargel stechen soll' hat 3 Kommentare

  1. Avatar

    28. März 2020 @ 02:11 Nergiz Bölükbaşı

    Ein Virus Namens Covid-19 vermag mehr offen zu legen als mann vermutet. Das ist auch gut so, das auch Alle auch sie die sich es als selbstverständlich alles was Sie begehrten auf dem Tisch zu haben gewöhnt waren, das auch noch zu Spott Preisen.
    Während mann jedoch sich auf der einen Seite freut das die Preise für Spargel den eigentlichen Wert endlich schöpfen werden, ärgert mann sich über den Verlust der Zusammengehörigkeit der europäischen Zusammenarbeit. Ob es aber die , die aus dem Ausland für eine Saison kommen Arbeiter sind oder die im Innland schon Ansässigen Migranten oder Flüchtlinge sind, im Endeffekt werden die Spargel von Menschen mit Auslands Identität geerntet.

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  2. Avatar

    28. März 2020 @ 19:30 Habnix

    Deutsche vom Feld durch schlechte Bezahlung vertrieben und durch die Globalisierung Billigarbeiter aus Osteuropa und Fernost inklusive Corona und sonstiges für Mensch und Umwelt herbeigeholt. (y) Bravo!!!

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  3. Avatar

    28. März 2020 @ 19:39 Habnix

    >> Darüber hinaus würde in der Bevölkerung vermutlich die Einsicht gestärkt, dass eine gut funktionierende Lebensmittelversorgung auch von den ausländischen Saisonkräften mit geringen Einkomme abhängig ist. <<

    -Abhängigkeiten

    -Globalisierung

    -Globalisierungsgegner

    -Optimistischen Verdrängungskünstler

    Wenn das eine mit Absicht herbei geführt wurde und scheinbar nichts mit dem anderem zu tun hatte, oder hat und so das eine zum anderen kam, dann ist es immer noch Absicht gewesen.

    —————————————————————————————————————————
    Verwechseln wir bitte nicht unseren vom Konzern-Kapital erlaubten Freiraum nicht mit Freiheit,denn der erlaubte Freiraum ist nur ein Knast ohne Gitter der mit Freiheit nichts zu tun hat, aber die Kunst zu beherrschen sich Unabhängig zu versorgen ist die wahre Freiheit.Wir, das sind über 90% der Weltbevölkerung, dürfen nicht von Freiheit reden, da über 90% der Weltbevölkerung Lohnabhängig sind,was gleichbedeutend ist mit Versklavung durch Lohnabhängigkeit.

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