Seeschlacht

„Where’s the Beef?“

Der Pulverdampf hat sich verzogen. Vereinzelte Nachhutgefechte sind noch festzustellen, aber Armin Laschet hat sich gegen Markus Söder durchgesetzt. Damit hat er gezeigt, dass er das Spiel mit der Macht beherrscht, zumindest innerparteilich. Aber ist es nicht paradox, dass ausgerechnet bei der Union das Auswahlverfahren des Kanzlerkandidaten zu einer so breiten und kontroversen Diskussion geführt hat? Die SPD hat sich mit ihrer frühen Entscheidung für Olaf Scholz vor einer offenen Diskussion gedrückt, bei der die Parteispitze aus einer Position der Schwäche heraus agierte und weder Inhalte und Positionen noch Kriterien wie „persönliche Sympathie, Vertrauen oder Charaktereigenschaften“ thematisierte, um Reiner Haseloff zu zitieren, der sich mit seinen irritierenden Äußerungen keine neuen Freunde gemacht hat. Aber das ist ein eigenes Thema.

Wie offen und basisdemokratisch die Grünen vorgegangen sind, lässt sich leicht erkennen: Diesmal eben nicht. Hier haben es die beiden Parteivorsitzenden unter sich ausgemacht und werden dafür aus der Partei heraus auch noch gelobt. Verkehrte Welt! Hätte es das gleichzeitige, zähe Ringen bei der Union nicht gegeben, wären sie nicht so leicht davon gekommen.

Es sollte aber jenseits des medienwirksamen Schauspiels eigentlich um Inhalte und Überzeugungen gehen, mit denen um die Stimmen der Wähler gekämpft wird, also um Positionen und Motive, Einstellungen und Ziele. Wofür jemand politisch und inhaltlich eintritt, das ist des Pudels Kern. Für was brennt der Kandidat oder die Kandidatin? Wofür steht vor allem die jeweilige Partei? Die Frage aus amerikanischen Wahlkämpfen „Where’s the beef?“ ist doch genau richtig und wird in den kommenden Monaten hoffentlich auch hierzulande die entscheidende sein.

Dass sich die SPD so schwer tut, sich aus ihrem Umfragetief herauszuarbeiten, hat auch damit zu tun, dass der Kandidat und das Führungsduo an der Parteispitze bei dieser Frage zu keiner gemeinsamen Antwort kommen beziehungsweise ihnen nicht vertraut wird, was immer sie auch antworten. Und bei den Grünen? Der Wille zur Macht wird sicherlich so manche Äußerungen hervorbringen, die das Vertrauen in ihre Gradlinigkeit und Standfestigkeit in Frage stellen dürften. Hier liegt auch die Antwort darauf, wie Armin Laschet an die Sache herangehen sollte: Wenn er verdeutlicht, wofür er mit der Union steht, wenn er inhaltliche Klarheit zeigt und Themen, Überzeugungen und Ziele kommuniziert, wird er an Unterstützung und Sympathie gewinnen. Das wird er wissen und daraus erklärt sich für mich seine Entschlossenheit und sein Durchsetzungswille.

Am Ende des Tages bleibt nur die Hoffnung, dass die drei Kanzlerkandidaten nicht den gesamten Wahlkampf lang mit Fragen nach ihrer persönlichen Eignung beschäftigt sein werden. Jetzt sollten ihre Parteien und deren Programme wieder stärker in den Fokus rücken. Was sind deren Kernanliegen, Pläne und Ideen für die nächsten Jahre? Darauf und auch auf die Grundüberzeugungen und Ziele der Kandidaten im jeweiligen Wahlkreis sollte sich das Interesse konzentrieren. Die Wählerinnen und Wähler warten auf Antworten auf die Herausfordeungen, mit denen sie sich gerade jetzt konfrontiert sehen. Welche Partei hat dafür die besseren Ideen, die besseren Visionen? Welche Person dann auch ein guter Kanzler wird, lässt sich ohnehin immer erst aus der Rückschau beurteilen. Das hat die Geschichte der Bundesrepublik doch wohl zu Genüge gezeigt.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Pixelharvester, Pixabay License

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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