Corona-Virus

Wir gehen gestärkt aus der Corona-Krise hervor -Interview mit Christian von Scheve

Im gesellschaftlichen Leben, dem Reallabor für Soziologen, herrscht unter dem Diktat von Lockdown, Homeoffice und Quarantäne wenig Betrieb. Auf dem weitläufigen Campus der Freien Universität in Berlin, an der Christian von Scheve (47) lehrt, sind nur ein paar Studenten unterwegs. In der U-Bahn von seinem Dahlemer Arbeitsplatz zum Interview nach Mitte trifft der Professor auf wenige Fahrgäste, keine Touristen. Ein ganzes Land wie ausgebremst – was bedeutet das für das soziale Miteinander, den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Dieser Frage widmet sich ein interdisziplinäres Forscherteam der drei Berliner Universitäten seit Ende letzten Jahres unter Leitung von Christian von Scheve.

Herr Professor von Scheve, wie würden Sie den Zustand unserer Gesellschaft nach über einem Jahr Pandemie und mehreren Lockdowns beschreiben?

Klar ist, dass ein ganz zentraler Bestandteil dessen, was uns zu sozialen Wesen macht, weggebrochen ist: Es fehlt uns das Zusammenkommen mit anderen Menschen, das ja auch immer einen rituellen Charakter hat. Denken Sie an das Händeschütteln, an Umarmungen, das gemeinsame Essengehen, den Besuch im Theater, Kino oder Museum, aber auch an die Gottesdienste – und natürlich an die Vorlesungen (lacht).

Welche Folgen hat das?

Wir wissen heute noch nicht, in welchem Ausmaß dieser Prozess unsere
sozialen Beziehungen verändern wird. Aber sicher ist schon jetzt: Das Fehlen dieser physischen Begegnungen kann durch die medialen Kontakte nicht ausgeglichen werden.

Warum nicht?

Soziale Interaktion hat zwei Seiten. Eine funktionale Seite, das ist der
Austausch, das Gespräch, die Debatte mit anderen. Hier kann man sicher am ehesten mit Formaten wie Videokonferenzen oder Skype umgehen. Doch die andere Seite, das Zusammenkommen selbst, verschafft uns Befriedigung, Erfüllung, bringt uns Gewinn, ist also ein Wert an sich.

Warum ist das so?

Weil es uns immer wieder vor Augen führt, dass wir Teil einer sozialen Einheit sind. Das können die Familie, die Nachbarschaft, der Verein, die Gemeinde sein, aber auch die Besucher einer Theatervorstellung oder eines Konzerts. Wir teilen in diesen Situationen Emotionen, fühlen uns zugehörig, aufgehoben, anerkannt, bestätigt, können auf Unterstützung und Hilfe bauen. Und wir erleben, wie andere Menschen die gleiche Situation wahrnehmen. All das wirkt über die jeweilige Begegnung hinaus.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Nehmen wir ein benachteiligtes Kind, das von zu Hause keine Mittel hätte, an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Wenn es durch die Schule oder andere Eltern dennoch die Chance erhält, bei dem Ausflug dabei zu sein, hat das nicht nur in der konkreten Situation der Klassenfahrt einen positiven Effekt, sondern entfaltet in der Klassengemeinschaft eine Wirkung weit über diesen Moment hinaus. Ganz ähnlich verhält es sich mit anderen Begegnungen.

Heißt das: Je weniger Zusammenkommen dieser Art, desto mehr
gesellschaftliche Stagnation?

Die fehlenden Begegnungen verringern auf Dauer das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, und die Chancen, etwas gemeinsam voranzubringen. Das wirkt sich nicht nur auf unser Wohlbefinden aus, sondern auch auf unsere Solidarität, unseren Zusammenhalt und die gesellschaftliche Gestaltungskraft.

Haben Sie den Eindruck, dass der Vorrat an Empathie und Solidarität in der Pandemie allmählich zur Neige geht?

Ich sehe nicht, dass die generelle Bereitschaft zur Solidarität geringer ist als am Anfang der Pandemie. Trotz eines allgemeinen Erschöpfungssyndroms gibt es unverändert ein enormes Engagement – in der Nachbarschaftshilfe etwa, bei der Nachhilfe für benachteiligte Kinder, durch die Unterstützung kleiner Läden, indem man dort gezielt bestellt – und dann die Ware abholt.

Wie viel Solidarität kann und darf man denn von den vielen Menschen
erwarten, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen?

Richtig ist, dass die Menschen sehr unterschiedlich von der Krise betroffen sind – und dass diese Pandemie soziale Ungleichheiten verstärkt. In gewisser Weise muss man sich Solidarität auch leisten können, muss über die Ressourcen dafür verfügen. Deshalb kann man nicht erwarten, dass sich Menschen durchweg solidarisch zeigen, deren wirtschaftliche Existenz vom weiteren Verlauf der Krise abhängt.

Die Forderung nach Solidarität wird überwiegend von Politikern und
Wissenschaftlern erhoben, zwei Gruppen, die im Zweifel gut versorgt sind. Ist das ein Problem?

Zum Problem wird dieser Ruf nach Solidarität, wenn die Personen, die sie
einfordern, sich selbst unsolidarisch verhalten. Deshalb wiegt der
Maskenskandal so schwer. Da wird massiv Vertrauen in die Politik verspielt.

Trifft das auch auf das Krisenmanagement von Bundeskanzlerin und
Ministerpräsidenten zu?

Ja, dieses ständige Hin und Her zwischen Bundes- und Länderebene hat
eindeutig geschadet.

Wann fällt es besonders schwer, Solidarität zu üben?

Es fällt umso schwerer, je weniger ich einen unmittelbaren Effekt meines
solidarischen Verhaltens sehe. Im Moment geht es darum, auf vieles zu
verzichten, weil dann der Nutzen in der Zukunft für alle am größten ist. Dass sich der Effekt unseres Handelns erst zeitlich versetzt zeigt – durch einen Rückgang der Infektionszahlen – ist eine anspruchsvolle Herausforderung.

Wenn jetzt überall Solidarität, Geschlossenheit und Gemeinschaftsgefühl eingefordert werden: Ist das nicht auch eine Gefahr für die Demokratie, die ja vom Streit um den richtigen Weg lebt?

Das Problem kennen wir von Filterblasen, in denen man sich nicht mehr
austauscht mit Personen, die die Welt anders sehen als man selbst. Keine
Frage: Solidarität darf nicht bedeuten, den politischen Diskurs zu ersticken.
Er ist auch in Pandemiezeiten extrem wichtig.

Wie steht es denn um die Solidarität der Älteren mit den Jüngeren? Sie
werden die Kosten der Pandemie-Maßnahmen tragen müssen, etwa durch die höhere Verschuldung des Staates. Können sie dafür nicht erwarten, dass man auch für ihre Zukunft – etwa beim Klimaschutz – endlich etwas Wirkungsvolles tut?

Die Kosten der Pandemie einseitig auf die Schultern der Jüngeren zu laden,
widerspricht der Generationengerechtigkeit ebenso wie das weitere
Hinausschieben eines effektiven Klimaschutzes. Solidarität ist eng verknüpft mit der Anerkennung gegenseitiger und wechselseitiger Interessen. Es geht für die Politik also auch um ein Arrangement von Geben und Nehmen, das sie dringend gestalten muss.

Mancher missachtet in der Pandemie willentlich die Solidarität. Viele
Querdenker halten sich bei ihren Demos ganz bewusst nicht an die
Maskenpflicht. Welches gesellschaftliche Spaltpotenzial hat diese Bewegung?

Ich glaube, dass das Spaltpotenzial der Krise insgesamt vergleichsweise hoch ist, je länger sie dauert – weil so viele Situationen wegfallen, in denen man sich mit anderen Menschen, auch über soziale Grenzen hinweg, auseinandersetzen muss. Das befeuert Radikalisierung. Die Querdenker sind eine Facette davon. Diese Krise ist wie gemacht für Menschen, die sich am liebsten nur mit Menschen umgeben, die genauso ticken wie sie selbst.

Ist der Eindruck richtig, dass die Pandemie auch Treiber der sozialen Spaltung ist – und die Politik das zu wenig im Blick hat?

Die Krise vertieft die sozialen Gräben, die schon vorher existiert haben, jetzt aber besonders sichtbar werden. Wie gut man die negativen Folgen der Pandemie abfedern kann, hängt maßgeblich davon ab, welcher sozialen Schicht man angehört. Das zeigt sich beim Homeschooling, bei der Betreuung von Kindern, bei der Möglichkeit, im Homeoffice arbeiten zu können. Die Politik muss hier gegensteuern, wenn sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht aufs Spiel setzen will.

Wie werden die Menschen reagieren, wenn sie sich nach der Pandemie nicht mehr zurücknehmen müssen? Rechnen Sie mit mehr Egoismus?

Ich glaube nicht, dass der Egoismus sich Bahn brechen wird. Denn uns geht es in der Regel besser, wenn wir miteinander kooperieren. Ich hege die Hoffnung, dass die Krise letztlich den allermeisten Menschen das Potenzial von Kooperation und Solidarität vor Augen führt. Wir können eine
Erfolgsgeschichte daraus machen, wenn wir sagen: Weil wir uns
zurückgenommen und aufeinander geachtet haben, weil wir uns solidarisch verhalten haben, konnten wir die Pandemie beenden.

Werden wir dadurch als Gesellschaft gegenüber Krisen und
Herausforderungen widerstandfähiger?

Es wäre schlimm, wenn nicht. Das Mindeste, was man aus jeder Krise
mitnehmen sollte, ist der Lernprozess: Wie können wir in Zukunft besser damit umgehen? Es geht darum, Monitoringsysteme zu entwickeln – Mittel,
Verfahren, Techniken im politischen, wissenschaftlichen, technischen und
sozialen Bereich, um Situationen dieser Art besser zu meistern oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Ich gehe davon aus, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen werden.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Worauf freuen Sie sich ganz konkret am meisten, wenn die Pandemie vorbei ist?

Freunde und Familie zu treffen, Restaurant- und Konzertbesuche und vor allem geöffnete Biergärten im Sommer.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Lothar Dieterich, Pixabay License

Erstveröffentlicht in der Südwest Presse am 17.4.2021

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Gunther Hartwig

geboren 1951 in Krefeld, Studienabschluss Germanistik/Sozialwissenschaften an der Uni Köln, bis 1999 Korrespondent der SÜDWEST PRESSE in Bonn, bis 2017 in Berlin. Seitdem freier Autor für die SWP u.a. in Berlin.


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