Willkommenskultur
Willkommenskultur: Es gibt so viele gute Beispiele. In den Medien ist dagegen das hässliche Gesicht des Ausländerhasses präsenter.

Aufstand der Anständigen: Ja doch

Da hat die Tagessthemen-Kommentatorin Anja Reschke Recht: Deutschland braucht einen Aufstand der Anständigen. Wir alle müssen dagegen halten, dass gegen Flüchtlinge Hasstiraden verbreitet werden. Wir dürfen es nicht länger tatenlos hinnehmen, wenn Rechtsradikale zu Fremdenfeindlichkeit aufrufen. Sie müssen, wie gerade in Bayern geschehen, auch strafrechtlich belangt werden, damit sie spüren, dass das kein Spaß ist, den sie da verbreiten, sondern ein Verstoß gegen Menschenreche. Wir müssen sie an den Pranger stellen, die den Ruf unseres Landes in den Schmutz ziehen. Flüchtlinge sind Menschen wie wir auch, sie müssen menschlich behandelt und ihre Asylanträge entsprechend den Regeln und Gesetzen geprüft werden. Die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen, die politisch verfolgt werden, und Wirtschaftsflüchtlingen, die aus purer Not ihre Heimat verlassen, weil sie keinen Job, nichts zu essen und Angst um das Leben ihrer Familie haben, wird von Fremdenfeinden oft dazu missbraucht, zu Gewalt gegen Asylbewerbern aufzurufen oder selber gewalttätig gegen diese armen Zeitgenossen zu werden.

Aufstand der Anständigen, das haben wir im Blog-Der-Republik schon vor Wochen gefordert, Aufstand der Anständigen, das hatten wir schon mal, als im Jahr 2000 Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zusammen mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, dazu aufriefen, sich vor die Deutschen jüdische Glaubens zu stellen und dem Antisemitismus die Stirn zu bieten. Damals war ein Brandanschlag auf die Synagoge in Düsseldorf verübt worden. Ja, diese Anschläge aus dem Hintergrund sind feige und menschenverachtend, nehmen sie doch in Kauf, dass Menschen schwer verletzt oder sogar getötet werden können.

Anschläge gegen Deutsche jüdischen Glaubens, Anschläge gegen Ausländer, gegen Flüchtlinge sind mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Die Grenzen zwischen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit sind fließend. Stehen wir auf dagegen! Sagen wir diesen Leuten ins Gesicht, dass sie die eigentlichen Feinde der Bundesrepublik sind und nicht Ausländer, Flüchtlinge oder Deutsche jüdischen Glaubens.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So lautet Artikel 1 des Grundgesetzes. Als Bundespräsident Johannes Rau ihn nach seiner Wahl zum deutschen Staatsoberhaupt zitierte, erntete er von parteipolitischer Seite Kritik. Ich verstehe bis heute nicht, warum. Rau hatte etwas Selbstverständliches gesagt, das aber für manche ein Fremdwort ist. Im Grundgesetz steht, die Würde des Menschen, nicht die Würde des Deutschen, ist unantastbar, so erläuterte Rau damals. Er hatte den feigen Mordanschlag auf ein Haus in Solingen erlebt, in dem die Familie Genc lebte. Fünf Türken starben. Es war Mord, nichts anderes. Rau meinte natürlich auch all die anderen Untaten dieser Feinde der Gesellschaft, wie in Mölln, Rostock-Lichtenhagen und so weiter und so weiter.

Aufstand der Anständigen. Dazu gehört, dass wir sprachlich mit dem Problem umsichtig umgehen. Die Menschen sind Asylbewerber und nicht Asylanten. Parteien sollten darüber nachdenken, was sie mit ihrer Wortwahl anrichten. Wenn Politiker wie Horst Seehofer pausenlos von massenhaftem Asylmissbrauch reden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Falschen daraus ihre Schlüsse ziehen und diese Menschen am liebsten gleich rausschmeißen wollen. Wer betrügt, fliegt- diese Parole der CSU gehört ebenso dazu wie eine klare Grenzziehung zu Bewegungen wie Pegida, sonst wird der Biedermann zum Brandstifter.

Es passt ins Bild, dass wir in diesen Tagen der Vertreibung von Millionen Deutschen aus den damaligen Ostgebieten gedenken, aber nicht aus Rachegelüsten heraus den Polen oder Russen gegenüber. Es geht nicht darum, Geschichte zu verdrängen oder umzuschreiben, Hitler-Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen und den Tod von Millionen Menschen in aller Welt zu verantworten, den Holocaust eingeschlossen. Aber Vertreibung von Menschen egal in welchem Teil der Welt ist ein Verbrechen, damals wie heute. 12 Millionen Deutsche waren auf der Flucht und sie fanden im Westen der neuen, aber ziemlich zerstörten Bundesrepublik Unterkunft und eine neue Heimat. Heute sind Millionen Syrer und Afrikaner aus Eritrea und Somalia auf der Flucht, um nur sie zu nennen. Wir müssen ihnen helfen und verhindern, dass Hunderte von ihnen im Mittelmeer, wie gerade geschehen, ertrinken. Das Mittelmeer hat seinen Ruf als Urlaubsparadies zu verlieren, es darf nicht zu einem toten Meer werden. Und niemand sollte darüber irgendwelche Witze machen.

Es wird Zeit, dass gehandelt wird, dass wir aufstehen für ein anderes Deutschland, das tolerant ist, sozial und zutiefst human. Wir brauchen mehr Kommentare im Stile von Anja Reschke.

Bildquelle: Wikipedia, Rufus46, CC BY-SA 3.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Aufstand der Anständigen: Ja doch' hat 2 Kommentare

  1. 7. August 2015 @ 13:53 y. schulz

    Ahem, nur mal so ganz am Rande: die Anschläge damals auf die Synagoge kamen nicht aus dem rechten Spektrum.
    Und Mut braucht es bei Frau Reschke nicht, versehen mit einem sehr hohen Gehalt und sicherem Arbeitsplatz zu sagen, was sowieso alle sagen.
    Frau Reschke kämpft nur mit Vokabular, während einfache Menschen jeden Tag um ihre Existenz kämpfen. Wenn sie die schicken Designersachen gegen Jeans austauscht und in einem Kinderheim hilft, hat sie meinen Respekt, so aber ist sie nur eine von vielen eitlen Selbsdarstellern, die immer das gleiche sagen ohne etwas zu tun.
    Die Normalbevolkerung ist dieses Narzisstentheaters müde und hat ganz andere Sorgen.

    Antworten

  2. 17. August 2015 @ 13:58 Isabel Acker

    Lieber Herr Pieper,

    Sie haben vollkommen Recht. Ich habe mich gefreut über den Aufruf von Anja Reschke. Aber ich hatte mir mehr Resonanz gewünscht. Meiner Meinung nach wurde der Aufruf zwar von der Presse aufgenommen, dennoch ist er schnell verhallt.
    Ich fragte mich, als ich ihn sah, was die deutsche Blogger-Szene oder Social-Media-Szene insgesamt dem hinzuzufügen hat.
    In einem Blog entdecke ich dann einen Artikel, der sich nicht direkt auf diesen Aufruf berief. Aber ich wunderte mich, wo die Aktionen der – geschätzt bestimmt über 100.000 deutschen Blogger – blieben. Ich fand nicht viele Einträge. Also habe ich zu einer Blogparade aufgerufen.

    http://isabelacker.com/2015/08/17/aufstand-der-anstaendigen-fluechtlingsgeschichten/

    Ich bin gespannt, wie viele Blogger sich einem so wichtigen Thema annehmen.

    Antworten


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