Welt in Gefahr

Die oberflächliche Vokabel von „der Globalisierung“

Der Turbokapitalismus lässt kein Auge trocken, setzt den Humanismus in den wüsten Sand, macht den Globus grenzenlos kaputt, und dieses brutale Wirtschaften ist menschengemacht.

Zunehmend fällt mir die unsäglich pseudonaive, forcierte Ahnungslosigkeit nervenzerreibend auf, wie nämlich hochdotierte PolitikerInnen  und JournalistInnen über

„d i e  Globalisierung“ daherreden, die man nun mehr beachten müsse, und auch die Digitalisierung beunruhige ja, irgendwie. Irgendwie schicksalhaft, ja so ist das nun mal. Aber: es bringe ja auch sooo viele Vorteile, wir sind doch viel schneller geworden, das Internet eröffnet uns unzählige Möglichkeiten, und die Roboter übernehmen jede Menge Arbeit, ja, oder willst du allen Ernstes das Rad des Fortschritts wieder zurückdrehen, also wirklich…, so ist die Welt nun mal.

Nun – Erstens geht das eine nicht ohne das andere: die expansive Dynamik der Weltmärkte bedeutet ja im Ursprung, dass das eigendynamische Wesen des Kapitalismus vor nichts Halt machen kann, um Profite zu realisieren. Dieser eigentümlichen Herrschaft des Geldes im Zeitalter der rasanten Beschleunigung entspricht:  Alles, was technisch möglich ist, wird produziert, schrankenlos, die notorische Erklärung lautet allüberall: wenn wir es nicht machen, machen es andere, dann lieber Wir! Also „unsere Volkswirtschaft“, „meine Firma“, „unser Exportüberschuss“. Es gibt keinerlei vernünftige Pläne, die allen Erdenbürgern gerecht werden wollen, „Wo kämen wir dahin, also bitte.“ Als gäbe es kein Morgen, geschweige ein Futur 2, das da lautet: „Wir werden gewesen sein.“ Harald Welzer hat nachdrücklich auf diese Möglichkeit eines quasi vorwegnehmenden Rückblicks auf unser Tun und Lassen, auf unsere Verantwortungs-Spielräume  hingewiesen. Die andere lukrative Quelle, Profite zu maximieren, sind Kriege, die gezielt angezettelt werden, um Waffen herzustellen, und sie dann zu verdealen und Land zu erobern, und Rohstoffe abzugreifen, Leute von Scharfmachern tödlich  aufeinanderzuhetzen, arme Leute für sich malochen zu lassen. Wir wissen das alles, es hört sich nach blöden Parolen an, und dennoch – genauso brutal findet es statt!  Und – die  dann gern angewandte Vokabel heißt „Gier“, wenn man mit seinen Erklärungsmustern nicht mehr weiter weiß. „Gier“, als eine vermeintliche anthropologische Konstante, als ob wir alle gleiche Machtpositionen innehätten, wir, die wir mehrheitlich doch eher ohnmächtig dem geschäftssüchtigen Treiben einer eigentlich sogar überschaubaren Menge an Kapitaleignern und Konzernherren auf diesem Globus gegenüberstehen.

Unser aller eigentliches Problem ist  d e r  TURBOKAPITALISMUS, der tatsächlich weltweit  mit geschmeidiger Taktik verkaufsfördernd über alles Mögliche eiskalt hinwegfegt, auch über „das Schöne, das Gute, das Wahre“ menschlicher Existenzen, hineinschleudernd die Riesenmengen an Wegwerf-Produkten  in die Köpfe, in die Körper, in die Seelen.

Nun, das böse Wort vom globalen „Kapitalismus“ , es wird als kritische Kategorie in den üblichen Small-Talk-Shows vermieden ohne Ende, meistens unernstes Gequatsche, eine Art magisches Denken: man denkt routiniert dran vorbei am todbringenden süßen Brei, man vermeidet den Kontext von Markt-Macht und Nachfrage-Manipulation, man beschwört, dass es ja auch sein Gutes habe, die Arbeitsplätze, der Wohlstand, die grenzenlosen Möglichkeiten…

Also, mir wird es wirklich mulmig angesichts solch beschwörender Ignoranz. Neulich wieder: Rolf Dieter Krause bei phoenix: viel erlebt und nix begriffen, oder was?

Dabei geht es ja gar nicht um das herkömmlich eindimensionale begriffliche Gegensatzpaar – Kommunismus versus Kapitalismus –  auf das allerdings auch die kritischeren Kollegen furchtsam fixiert scheinen. Was soll diese simple Antinomie, sie ist längst überholt! Auch ich verzichte gerne auf totalitäre Regime, und auf deren genauso kapitalistischen Expansionsdrang auf Kosten ihrer Bevölkerung, auf das ganze Elend der Entfremdung!

Nein, es geht ganz real naheliegenderweise darum, dass die demokratischen Strukturen weltweit bedroht sind durch geokapitalistische Produktions – und Absatz-Strategien. Es geht um DEMOKRATIE, die durch den kapitalistischen Tempowahn so eklatant bedroht ist! Diese Bedrohtheit jedoch, sie nimmt untrüglich und dennoch schleichend täglich zu, je nachdem, was wir wahrzunehmen bereit sind, oder was wir lieber verleugnen, weil diese Erkenntnisse ja schwer aushaltbar sind. Mit „Angebotsdrogen“ aller Art – die Palette scheint unendlich – werden Gewinne maximiert, koste es, was es wolle. So wird die Umwelt, wird das Klima, wird unsere Gesundheit beim giftigen Herstellen, wie beim giftigen Konsumieren, bei den schädlichen Unmengen des Vertilgens von junkfood durch bewegungsarme Leute, beim unentwegten aufs Iphone-Starren – unsere Welt wird zerstört, Stückchen für Stückchen, glitzernd und glänzend, aber gewaltig. Dass Leute, die die Zusammenhänge nicht begreifen können sollen, diesen destruktiven Kontext nicht einsehen mögen, liegt fatal nahe, denn ihre kritikferne Trägheit in der vermeintlichen Komfortzone möge ja gewinnbringend erhalten bleiben, und durch keinerlei Zweifel möge der hochtourige Betrieb störend unterbrochen werden. Der lähmende Konsumismus  hat sich dermaßen „erfolgreich“ bewährt, ja, „zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“: das Verkaufen bleibt die schärfste Priorität , Surrogate für alle Lebenslagen, denn die Gewinnmaximierer kassieren, und die „Endverbraucher“ halten so  brav still, halten sich umso mehr auch politisch raus, wenn man ihnen mit jeder Menge Waren den sehnsüchtigen Mund stopft, als Ersatz für alle möglichen Entbehrungen – auch, um das Sinndefizit dumpfer Arbeit nicht so quälend zu spüren. Und dieser Mechanismus funktioniert weltweit, und ist insofern auch weltweit folgenschwer, was den Effekt der Entpolitisierung betrifft. Anstelle von zivilgesellschaftlicher Partizipation begnügen sich die Leute schon mit dem Kauf-Akt, als ein Zeichen, um irgendwo erkennbar als Person – und nicht als ein blödes Objekt – dazuzugehören. Klar, das Notwendigste zu haben ist unbedingt  – für jeden Menschen auf Erden, für jedes Individuum  – einsehbar nötig.  Aber- was ist das Notwendige?  Primär möchte kein Mensch hungern und frieren, jeder Mensch möchte gesundes Wasser trinken, möchte als Gemeinschaftswesen Sinnvolles zusammen hinbekommen, möchte sich freuen, an der Natur, mit seinen Kindern, möchte reden, zuhören, lachen, lesen, einen Film ansehen, sich bewegen, sinnlich kommunizieren, und bei allem möglichst wenig Angst haben. Hört sich einfach an, ja, und ich behaupte: könnte auch einfach sein, jedenfalls einfacher als hier und jetzt. Wenn da nicht diese unheimlich fremdbestimmenden „Sachzwänge“ so viel zerstören würden, ja, und ich sage: unnötig zerstören.

Wie wäre es also, mal deutlicher das NEIN auszuprobieren, wenn wir – die allzu umgänglichen KäuferInnen –  mal wieder „Selbst Denken“, wenn wir uns –auch im schön analogen Gespräch – darauf besinnen könnten, dass  auch unsere Tage jeweils 24 Stunden haben, zu unserer doch ziemlich freien Verfügung, weniger hektisch, verbunden mit der Frage: „Was tue ich, was lasse ich, wofür bin ich, wofür sind wir MITVERANTWORTLICH ? “  Das kann in der Tat vergnüglich sein und hält lebendig, sowohl als selbst-verantwortlicher  Konsument, als auch als politisch verantwortlicher Bürger in unserer kostbaren Demokratie.

Hier ein paar weiterführende Lektüre-Tipps:

  1. Alexander Hagelüken : Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss. 236 Seiten, 12,99 €. Knaur Verlag.  (Bis auf seine merkwürdig moderate Haltung zu ttip sehr empfehlenswert)
  2. Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand. H. Beck Verlag, München 2017, 127 Seiten, 10,00 €
  3. Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp, 264 S., 18 €
  4. Harald Welzer: Wir sind die Mehrheit. Für eine Offene Gesellschaft. FischerVerlag, 128 S., 8 €

Bildquelle: pixabay, User geralt,  CC0 Public Domain

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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