Symbolbild Pflege

Pflegeberufe – eine Chance für Männer mit Migrationshintergrund

Vor einer Woche ist das islamische Opferfest zu Ende gegangen. Und wie es bei fast allen religiösen Festen dieser Welt üblich ist, kommt auch beim Opferfest die Familie zusammen. Verwandte werden besucht, besonders dann, wenn es sich um ältere Menschen handelt, die nicht mehr mobil sind.

Auch in meiner Familie ist das so. Wir haben in Köln meinen 82-jährigen Onkel besucht, der im Tiefbau über 40 Jahre lang als Schweißer gearbeitet hat und seit fünf Jahren Witwer ist. Seine Kinder und Enkel sind beruflich in alle Himmelsrichtungen verstreut und können ihn höchstens an den Wochenenden besuchen. Mein Onkel hat vielfältige gesundheitliche Probleme und nimmt bereits seit längerem einen Pflegedient in Anspruch. Er fühlt sich aber unwohl, weil er von einer Frau gewaschen wird. Sie wäre zwar nett, so berichtet er, aber die Kommunikationsbarrieren seien vor allem auch in Anbetracht der intimen Situation viel zu hoch.

Früher, als es ihm noch besser ging, hatten ihn Männer in seinem Moscheeverein gebadet und ihm anschließend ein Glas Tee gereicht. Er wünscht sich jetzt eine männliche Pflegekraft, mit der er sich in seiner Muttersprache verständigen kann. Da es jedoch generell nur sehr wenige männliche Pflegekräfte gibt, dürfte dies wohl ein frommer Wunsch bleiben, zumal dieser Berufszweig für muslimische Männer aus sozio-kulturellen Gründen bislang so gut wie gar nicht in Frage gekommen ist.

Neuerdings kommt bei meinen Onkel eine beginnende Altersdemenz noch erschwerend hinzu. Wir alle wissen, dass Sprachen, die erst im Erwachsenenalter erlernt wurden, im Rahmen demenzieller Entwicklungen verlorengehen. Was also tun, wenn Pflegeberufe so schlecht bezahlt werden, dass sie häufig nur von Frauen mit einem osteuropäischen Migrationshintergrund ausgeübt werden können, die der deutschen Sprache oft selber nicht mächtig sind?

Große Defizite beim Informationsfluss

Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Charité hat verschiedene Defizite im Bereich der sogenannten kultursensiblen Betreuung offengelegt. Denn die Zahl alter Menschen mit Migrationshintergrund (derzeit rund 1,6 Mio.) wird in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. Dies betrifft nicht nur die ehemaligen Gastarbeiterfamilien. Auch unsere Flüchtlinge werden zu dieser Entwicklung beitragen, respektive tun es bereits. Demgegenüber stellt die besagte Untersuchung von März 2016 fest, dass viele Anbieter nicht ausreichend auf diese Situation vorbereitet sind: Mehr als die Hälfte der befragten Pflegedienste in Berlin (60,1 Prozent) schätzt den Anteil der Migranten an ihrer Klientel bereits auf rund 25 Prozent.

Doch nur 15 Prozent dieser Pflegedienste bieten entsprechende Fortbildungen an. „Es gibt ambulante Anbieter, die wirklich ein beispielhaftes Versorgungsangebot vorweisen können. Damit jedoch eine bedürfnisorientierte Pflege für alle Menschen in Deutschland gewährleistet wird, ist es wichtig, kultursensible Inhalte noch stärker in unseren Aus- und Weiterbildungen zu verankern. Bei der Ausgestaltung des aktuell diskutierten Gesetzesentwurfs zur Reform der Pflegeberufe ist es deshalb dringend erforderlich, eine solche als einen Aspekt guter Pflege zu berücksichtigen. Ansonsten würde die bevorstehende Ausbildungsreform zu kurz greifen“, erklärte jüngst Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der noch mangelhafte Informationstransfer in die Herkunfts-Communities hinein. Dass der Wissensstand zum Thema Pflege bei Menschen mit Migrationshintergrund generell so viel geringer ist als bei der Restbevölkerung, ist darauf zurückzuführen. In der Tat betreiben lediglich ein Drittel der Pflegeanbieter migrationsspezifische Werbemaßnahmen. Davon wiederum können mehr als die Hälfte (53 Prozent) bisher keine mehrsprachigen Informationsmaterialien vorlegen (z.B. Webseiten, Broschüren, Flyer). Die Durchführung von Informationsveranstaltungen zu Themen der Gesundheitsversorgung sowie zu Pflegeangeboten wird als Aufklärungsinstrument ebenfalls nur von einem kleineren Anteil (21,3 Prozent) der Pflegedienste genutzt. Eine weitere Möglichkeit ist die direkte Ansprache innerhalb der jeweiligen ethnischen Communities, u.a. durch Gesundheitslotsen, die von 41,3 Prozent der Dienste genutzt wird. Dr. Suhr bemerkte dazu: „Der Hausarzt ist oftmals auch für Migranten ein zentraler Ansprechpartner, um mehr Pflege- und Gesundheitsangebote zu erfahren. Eine gute Vernetzung zwischen Pflegeanbietern und Ärzten ist deshalb ein wichtiger Baustein zur besseren Information über die vorhandenen Pflegeangebote.“

 „Diversity Management“ im Krankenhaus fördern!

2015 hat auch der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration – ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Expertengremium aus neun Sachverständigen im Auftrag von Aydan Özoguz, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, – eine Expertise zum Thema Pflege/Pflegeerwartungen erstellt. Dabei wurde deutlich, dass für eine vorausschauende Planung zunächst der Pflegebedarf von Migranten besser bekannt sein muss. Da die Statistik den Faktor Migration bislang nicht berücksichtigt, kann die Zahl der Betroffenen deshalb nur geschätzt-, bzw. der spezifische Pflegebedarf nicht genau festgestellt werden. Klar ist jedoch, dass die Bedürfnisse dieser zweifellos immer größer werdenden Gruppe teilweise von denen der Gesamtheit der Pflegebedürftigen abweichen. Eine zielgenaue Beratung in der jeweiligen Herkunftssprache ist dabei nur ein Aspekt.

Für eine interkulturelle Öffnung pflegerischer Beratungsstellen wird empfohlen, das Personal für die Kommunikation mit Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen zu sensibilisieren, bei der Pflegeberatung die Angehörigen einzubeziehen, eine aufsuchende Beratung zu praktizieren sowie Schulungen durchzuführen. In der stationären Pflege wäre es zudem wünschenswert, Gebetsräume bereitzustellen, die Verpflegung den Bedürfnissen anzupassen und von ärztlicher Seite her möglichst gleichgeschlechtlich zu praktizieren. Darüber hinaus sollten Krankenhäuser im Ganzen auch ein Leitbild entwickeln, das im Sinne eines umsichtigen „Diversity Managements“ darauf ausgerichtet ist, den Bedürfnissen aller Menschen besser gerecht werden zu können – auch unabhängig vom Thema einer kultursensiblen Pflege.

Bildquelle: pixabay, USER InspiredImages,  CC0 Creative Commons

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Gül Keskinler

Gül Keskinler lebt seit einigen Jahrzehnten in Deutschland. Die „Deutsch-Türkin“ ist Chefin der Agentur für Interkulturelle Kompetenz EKIP in Köln, die Konzepte für Bildung, Qualifizierung und Kompetenzerweiterung entwickelt und umsetzt. 2006 - 2016 ehrenamtliche DFB-Integrationsbeauftragte.


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