Griechische Flagge

An deutschem Wesen soll die Welt genesen; in der Tat?

Der neue Schorlau, ein Polit-Krimi über unserer Vorfahren Schuld in Griechenland damals und unsere Verantwortung am Niedergang Griechenlands heute.

Ja, die Kontinuität von brutalem Beutezug der Nazi-Wehrmacht, mörderischer Vernichtung griechischer Bürger*innen durch deutsche Soldaten – und der kalt kalkulierten Ignoranz der „Troika“ angesichts einer daraus folgenden massiven Verelendung der griechischen Unter –und Mittelschicht – also auch die wohl wisssende Ignoranz von Merkel und Schäuble – diese Kontinuität ist frappierend, und da ja wirk-lich die Berichterstattung der deutschen Leit-Medien über Griechenland- und Eurokrise oft gerne und genauso ungenau wie die offiziellen Verlautbarungen aus der Regierung von „Rettungsschirmen“, „Hilfszahlungen“ und „Rettungspaketen“ schwadronierte, brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wie hoch im Kurs der Beliebtheit über Jahre Schäuble und Merkel standen. Dass es eigentlich immer nur um „Bankenrettung“ ging, blieb im wohlfeilen Unklaren, business as usual sollte uns alle calmieren, und nichts ist dafür geeigneter, als „die faulen und frechen Griechen“ dafür abzustrafen und sie wirtschaftlich fertig zu machen, „selbst schuld“. Hauptsache, die Milliardenkredite an die Gläubiger des gezielt überschuldeten Griechenlands liefen wie geschmiert (siehe auch den erhellenden Artikel  von Harald Schumann zu fragwürdig still haltenden Journalisten-Kollegen).

Soweit diese historischen und diese aktuellen Fakten, auf deren Basis Wolfgang Schorlau diesmal wieder einen spannenden Krimi geschmiedet hat. Die Story beginnt mit einem lukrativen Auftrag für den notorisch in Geldnöten befindlichen Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler. Eine ehrgeizige Mitarbeiterin aus dem Auswärtigen Amt, die sich speziell und im Sinne der „Troika“ mit den Niederungen des verarmten Griechenland befasste, sie ist unauffindbar und Dengler soll die Verschwundene suchen. Mit Olga – diesmal gar noch dazu mit Petra, very sexy – macht er sich auf den Weg, kommt viel rum, fährt nach Berlin, fliegt nach Athen, findet Spuren, trifft sich immer wieder mit seinen Kumpanen im BASTA im Stuttgarter Bohnenviertel, bindet diese uns inzwischen ja altbekannten Freunde vermehrt ein in die Recherche, man trinkt guten Roten, und der Mario kocht ja äußerst gut, man überlegt, man zweifelt, man sucht. Aber – lange nur schlimme Spuren, und plötzliche Todesfälle, immer dann, wenn Dengler nah dran ist. Die Lady bleibt verschwunden. Zwischendurch konfrontiert uns Wolfgang Schorlau interessante und erschütternde Exkurse historischer Art: ein adliger SS-Obersturmbannführer treibt sein mörderisches Unwesen als Besatzer in Griechenland, organisiert jene Zwangsanleihen, die bis heute nicht zurückgezahlt wurden, er fällt mit seinen NS-Kumpanen auch im Dorf Distomo ein, und gestattet sich furchtbare Gewalttaten. Hier bezieht sich der Autor konkret auf das Massaker von Distomo am 10. Juni 1944. Dort erschossen Angehörige eines Regimentes der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division 218 Menschen. Allmählich können wir Leser*innen ahnen, dass es einen fatalen Zusammenhang gibt, zwischen damals und heute. Und das schätze ich an Wolfgang Schorlau, seine Begabung, die Machtverhältnisse, die Profitgier – die so viel Unheil macht – so gekonnt mit individuellen Schicksalen in einen politischen Kontext zu bringen, auf dass wir bei aller literarischen Spannung auch wieder etliches mehr begreifen über die „Arroganz der Macht“, und die probaten Verschleierungs-Techniken auch im vermeintlich fortschrittlichen Turbo-Kapitalismus.

Insofern ergänzen sich sehr unterhaltsam ja auch die wunderbar aufklärende ANSTALT – großes Danke ans ZDF – und andere Kabarettisten wie Matthias Deutschmann, Arnulf Rating, Hagen Rether und Lars Reichow – mit klugen Bescheid wissenden Büchern!

Wolfgang Schorlau  Der große Plan. Denglers neunter Fall , 425 Seiten zzgl. ein informatives Dossier, Kiwi 14,99 €

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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