Frau IM Zug - Symbolbild für Entgrenzng

Armutkarrieren

Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und neigt dazu, sie so zu erzählen, dass er vor dem Bild, das er von sich hat, bestehen kann. Die Geschichten vom sozialen Abstieg  eines Menschen unterscheiden sich da nicht. Auffallend an ihnen ist: sie mögen in Details von einander abweichen; in den entscheidenden Punkten stimmen sie überein: Irgendwann im Leben gibt es einen Knacks. Oft beginnt alles mit dem Verlust der Arbeit. Gelingt es dem Arbeitslosen nicht, möglichst schnell wieder in Arbeit zu kommen, folgt oft die Flucht in den Alkohol. Das wiederum führt zu Beziehungskrisen. Scheidungen oder Trennungen sind die Folge. Die nächste Stufe ist der Verlust der Wohnung und die Obdachlosigkeit. Sie landen im Nirgendwo, und oft verlieren sich ihre Spuren ganz.

Das ist die übliche Verlaufsform einer Armutskarriere. Vieles  kann sich jahrelang hinziehen; oft geht aber alles auch ganz schnell. Es hängt von den konkreten Umständen ab. Ob jemand z.B. zumindest eine zeitlang von seinem sozialen Umfeld aufgefangen wird oder ob er seine sozialen Kontakte verliert und in die Isolation gerät. Vieles hängt auch von der Persönlichkeit des Einzelnen ab; ob er sich z.B. gegen sein Schicksal wehrt oder resigniert und sich schließlich aufgibt. Und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob jemand arbeitslos wird, weil seine Firma pleite geht oder ob er durch eigenes Fehlverhalten den Verlust seines Arbeitsplatzes selbst verschuldet hat. Im ersten Fall trifft ihn keine Schuld; im zweiten Fall dürfte er erheblich mehr Probleme haben, mit seiner Situation fertig zu werden. Selbstvorwürfe oder Scham sind oft die Folge und Konflikte im persönlichen Nahbereich sind geradezu vorprogrammiert. 

So weit zum Allgemeinen; konkret steht jeder Fall für sich; jedes Schicksal nimmt seinen eigenen Verlauf. Dazu einige Beispiele, von denen wir Kenntnis haben.

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Mit D. habe ich ein längeres Gespräch geführt. Er ist 52 Jahre alt und seit über 10 Jahren arbeitslos. Er wuchs in einem geordneten Elternhaus auf. Der Vater war ehrgeizig, machte sich selbständig und brachte es zu einigem Wohlstand. Auf meine Frage, ob er für ihn ein Vorbild war oder als Vaterfigur zu mächtig und einschüchternd, weiß er keine rechte Antwort. Schwer zu sagen, meint er. Er beklagt sich jedenfalls nicht über seinen Vater; vielmehr scheint er ihn insgeheim wegen seines Ehrgeizes und seiner Zielstrebigkeit zu bewundern.

Er erzählt, dass er in der Schule oft gemobbt wurde, was sich negativ auf seine schulischen Leistungen auswirkte. Er verließ die Hauptschule ohne Abschluss, holte diesen aber später nach, worauf  er stolz ist. Damit habe er sich dem Vater gegenüber doch noch bewiesen. Zeitweilig arbeitet er in dessen Firma mit, kann aber wohl dessen Anforderungen nicht genügen. Viele, oft kurzzeitige Jobs folgen. Einige verliert er ohne sein Zutun; andere aus eigenem Verschulden. Auffallend ist, dass er durchaus selbstkritisch ist und die Ursache für seine Situation nicht bei anderen sucht. Er hat zwei gescheiterte Ehen erlebt. Aus einer hat er eine Tochter, zu der er kaum Kontakt hat. Er lebte einige Monate auf der Straße, was ihn gesundheitlich ruiniert hat.

Vor ein paar Jahren wurde ihm eine Wohnung zugewiesen, und seither ist er sesshaft. Er raucht stark und ist schon mehrfach an der Lunge operiert worden. Er hat einige Krankenhausaufenthalte und Rehas hinter sich. Da er intelligent ist, schätzt er seine Lage realistisch ein. Er würde gern etwas Praktisches machen, z.B. Hausmeisterdienste, aber da er gesundheitlich schwer angeschlagen ist, findet sich  nichts Passendes. Eine zeitlang arbeitete er in einem öffentlich geförderten Gartenprojekt mit, aber dieses endete nach einem Jahr. Danach betreute er einen alten Menschen, machte dessen Einkäufe u.a., aber auch dies war zeitlich begrenzt.

Seine Mutter, die noch lebt, wohnt in Berlin. Er kann sie nur bei besonderen Gelegenheiten besuchen, weil ihm das Geld für eine Zugfahrt fehlt.

Sein ein und alles ist seine Katze Minka, um die er sich rührend bemüht. Und er kümmert sich gelegentlich um den kleinen Sohn einer allein erziehenden Bekannten. Der ist eine Art Sohnersatz für ihn geworden. Jetzt – in der Corona-Zeit, ist der Kontakt unterbrochen. Ob er wieder zustande kommt, ist ungewiss.

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Im selben Haus wohnen z.Zt. 6 Personen, die allesamt arbeitslos sind, Hartz IV beziehen oder eine kleine Rente erhalten. Mit einigen haben wir uns intensiver unterhalten. B., 48 Jahre alt, erzählt uns an einem Abendfast ihr ganzes Leben. Sie hatte früher eine Kneipe und wohl auch bessere Zeiten gesehen. Als sie an Krebs erkrankte, hat ihr Mann sie verlassen. Jetzt lebt sie mit ihrem Sohn, der ebenfalls arbeitslos ist, und einem Hund in einer Wohnung zusammen. Eine zeitlang sah man sie gelegentlich außer Haus; jetzt schon länger nicht mehr. Sie schämt sich wohl ihrer Krankheit, die sie erheblich geschwächt hat. Sie hat einen künstlichen Darmausgang und leidet aufgrund ihrer Versehrtheit an Depressionen. Die  Medikamente hat sie abgesetzt, weil sie sich damit nur noch im Nebel befand, wie sie sagt. Sie verlässt ihre Wohnung nur noch  bei Dunkelheit, um den Hund auszuführen.

Jahrelang hat sie um die Anerkennung des Bedarfs an Zahnersatz kämpfen müssen; sie ist überzeugt, dass zwischen dem Verlust ihrer Zähne und der Chemotherapie ein Zusammenhang besteht, was die Krankenkasse aber bestreitet; aus eigener Tasche kann sie sich jedoch kein Gebiss leisten. Die  Bekanntschaft mit einem Mann, der es ernst mit ihr meinte, hat sie abgebrochen, weil sie sich nicht mehr als Frau fühlen kann

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Von einem weiteren Bewohner, etwa Ende 30, wissen wir, dass er schwere Rückenprobleme hat; mehrere lädierte Wirbel und ständige Schmerzen, so dass er starke Medikamente nimmt. Er ist überaus scheu, hat sich aber in letzter Zeit etwas geöffnet und von seiner Situation erzählt. Er hofft auf eine Weiterbildung in einem Schlachtbetrieb, muss aber das Gutachten des Amtsarztes abwarten. Er ist stark übergewichtig – er kompensiert seine Lage mit übermäßigem Essen, wie er selbst sagt – wird es schwer für ihn werden, eine Arbeit zu finden.

Er wohnt mit einer Mitbewohnerin, die etwa 60 Jahre alt ist und eine kleine Rente bezieht, in einer gemeinsamen Wohnung. Die Frau ist sehr umtriebig, unterhält einen kleinen Garten und sucht gern den Kontakt. Sie ist überaus hilfsbereit und stets mit Rat und Tat zu Stelle. Die Beiden wohnen im Hochparterre und beklagen Feuchtigkeit in den Wänden der Wohnung, die bereits zu einer starken Schimmelbildung geführt hat. Der Vermieter weigert sich, irgendwelche Reparaturen vorzunehmen. Einfach ausziehen in eine bessere Behausung ist ihnen nicht möglich, da es für ihr schmales Budget kaum eine bezahlbare Alternative an Wohnraum gibt.

Über die anderen Bewohner des Hauses wissen wir wenig. Auffällig ist, dass sie außer zum Einkaufen kaum aus dem Haus gehen. 

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Vor einiger Zeit erschien eine Zeitungsmeldung, in der es hieß, ein Arbeitsloser habe sich auf einem Hochsitz im Wald umgebracht. Bei ihm wurde ein Abschiedsbrief gefunden, in welchem er seiner Tochter mitteilt, dass er am Ende sei und keinen Lebensmut mehr habe. Seither hat mich beschäftigt, was in dem Brief gestanden haben könnte? Vielleicht in etwa das Folgende?

Liebe Tochter,

wenn Du diesen Brief erhältst, werde ich schon nicht mehr am Leben sein. Du sollst aber wissen, dass ich bis zuletzt an Dich und Deine Mutter gedacht habe. Ihr wart doch meine Familie; jedenfalls lange Zeit.

Du weißt: über mich reden, konnte ich nie besonders gut. Hatte es nie gelernt. Habe mich auch nie so wichtig genommen. Es war ein Fehler, wie ich heute weiß. Ich habe in  letzter Zeit viel nachgedacht und einiges davon aufgeschrieben, was mich bis zuletzt beschäftigt hat. Viel ist es ohnehin nicht. In meinem Kopf geht alles durcheinander. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Es geht mir nicht darum, mich zu rechtfertigen. Auch möchte ich niemandem Schuldgefühle machen. Zu vieles habe ich selbst falsch gemacht…

Wenn man einmal seine Arbeit verloren hat in meinem Alter, kommt es einem vor, als würde man in ein tiefes, schwarzes Loch fallen. Man fühlt sich entwurzelt. Alles bricht zusammen. Man verliert die Orientierung. Glaubt an nichts mehr. Nicht sofort, aber ganz allmählich löst sich alles auf. Ohne dass es einem zunächst bewusst wird. Anfangs hofft man noch. Klammert sich an jeden Strohhalm. Aber mit jeder Absage, die man erhält, wird man buchstäblich kleiner. Man schrumpft förmlich zusammen. Von Mal zu Mal. Von Niederlage zu Niederlage. Ich fühlte mich von allen gedemütigt, missverstanden, ja verraten. Das hat mich misstrauisch gemacht – gegen jeden. Ich ließ niemanden mehr an mich heran. Hab mich eingekapselt. War nur noch mit mir beschäftigt. Fühlte mich irgendwie schuldig. Beschämt…

Ich hätte von meinen Problemen erzählen sollen. Von meinen Sorgen. Dass es immer schwieriger wurde in der Firma. Die ständigen Kontrollen. Der Leistungsdruck. Aber ich ging über all das hinweg. Überließ mich dem Alltagstrott. Machte mir was vor. Sobald ich wieder einmal einen gelungenen Abschluss hatte, fühlte ich mich wieder obenauf. Hielt mich für unersetzbar. Im tiefsten Innern spürte ich zwar, dass dem nicht so war. Aber ich überspielte meine Ängste. Konnte es mir gar nicht erlauben, mich länger damit zu beschäftigen. Es hätte mich alles nur noch mehr verunsichert. Und darüber reden – Schwäche zeigen? Das wollte ich partout nicht. Lieber spielte ich meine Rolle wie gewohnt weiter. Markierte den starken Mann. So hatte ich es immer gehalten. Und bis zu diesem Zeitpunkt hat es ja auch irgendwie immer funktioniert…

Lange Zeit habe ich auch geglaubt, allein mit meiner Situation fertig werden zu können. Zu lange. Ich wollte nicht als Verlierer dastehen. Als Versager. Ich hatte es doch immer aus eigener Kraft geschafft. Damals, als mein Vater früh starb und ich die Schule abbrechen musste. Ich habe mir eine Lehrstelle besorgt. Habe Mutter unterstützt. Bin an Vaters Stelle getreten. Habe Verantwortung übernommen. War stolz darauf, gebraucht zu werden. Bin mit der Aufgabe gewachsen. Bis zum Ende der Lehre. Als ich dann nicht übernommen wurde, habe ich dies nach einer kurzen Zeit der Enttäuschung und Wut relativ leicht überwunden. Ich war jung. Die Welt stand mir offen. So glaubte ich jedenfalls. Doch es war auch schon damals schwierig, wieder Fuß zu fassen. In meinem erlernten Beruf konnte ich nicht bleiben. So habe ich umgeschult und bin dann schließlich im Außendienst gelandet. Lange Zeit ging es ganz gut, obwohl ich eigentlich nie ein Verkäufertyp war. Nach einigen Jahren wurde ich Distriktleiter. Auch privat lief alles glatt. Ich gründete eine Familie. Das Kind kam. Alles schien in bester Ordnung. Es war die glücklichste Zeit in meinem Leben…

Als die Firma von einem neuen Eigentümer übernommen wurde, verlor ich meinen Posten als Distriktleiter. Musste wieder in den Außendienst. An die Front, wie wir zu sagen pflegten. Die Gebiete, die wir zu betreuen hatten, wurden immer größer. Was früher drei Mitarbeiter machten, wurde jetzt auf zwei verteilt. Das bedeutete natürlich mehr Stress für jeden. Vor allem aber war man weniger zu Hause. Immer öfter musste ich auswärts übernachten. An den Abenden saß ich allein in meinem Hotelzimmer oder in irgendeiner Kneipe. Es war ziemlich trostlos. Ich trank mehr als ich wollte. Versuchte, irgendwie die Zeit totzuschlagen. Wenn ich heute darüber nachdenke, glaube ich, dass schon damals die ersten Risse in unserem Familienleben entstanden. Ich war häufig ausgelaugt, wenn ich nach Hause kam. Nervös, besonders wenn ich wenig Abschlüsse gehabt hatte. Oft, ja allzu oft, habe ich meine Enttäuschung an Euch ausgelassen. Nörgelte an allem rum. Kein Wunder, dass ihr irgendwann genug davon hattet.

Heute wird mir klar, wie falsch wir gelebt haben. Wie viel wertvolle Zeit wir mit belanglosen Dingen vertan haben. Man tut immer so, als hätte man unendlich viel Zeit. Als ließe sich alles auf später verschieben. Aber man kann das nicht gelebte Leben nicht nachholen. Vorbei ist vorbei. Was hätte man alles machen können. Gemeinsam. Aber jetzt ist es zu spät. Vielleicht war es immer schon zu spät. Und überhaupt: was ist es denn schon, das sogenannte Leben? Wenn man zusehen muss, dass man über die Runden kommt, bleibt einem nicht viel davon. Immer fehlt etwas. Wenn ich zurückdenke, reduziert sich alles auf ein paar Glücksmomente: Die erste Zeit der Liebe. Die Geburt der Tochter. Das war es doch schon fast. Wenn man so im täglichen Trott dahinlebt, wie wir es getan haben und viele es tun, denkt man wenig darüber nach. Meistens ist man abends viel zu kaputt dazu. Oder zu träge. Man will einfach nur noch seine Ruhe haben. Schaltet den Fernseher ein und sich selber ab. Möglichst nicht viel reden. Wer macht sich schon Gedanken über die Zukunft. Man macht einfach weiter. Ein Tag ist wie der andere. Solange nichts Außergewöhnliches passiert, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Man merkt oft gar nicht, dass irgendetwas nicht stimmt. Oder gesteht es sich nicht ein. Heute wüsste ich, was ich anders machen würde. Aber wie gesagt: es ist zu spät. Damals jedenfalls hatte ich keine Kraft, unserem Leben eine andere Wendung zu geben…

Als mir der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde – natürlich mit den üblichen Sprüchen des Bedauern: dass es nicht persönlich gemeint sei; dass die Marktsituation keine Alternative zulasse… Ich zunächst völlig sprachlos, ja, apathisch. Damit hatte ich nicht gerechnet. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich hatte eine ganze Reihe zufriedenstellender Abschlüsse getätigt. Auch der Firma ging es gut, Ich war doch kein schlechter Außendienstler. Konnte durchaus noch mithalten, auch wenn mich das ständige Reisen mehr und mehr anstrengte. Ich hatte ja auch versucht, in den Innendienst zu kommen. Aber damals sagte man mir, man brauche Leute mit meiner Erfahrung im Außendienst. Ich gebe gerne zu, dass mir das geschmeichelt hat. Aber was solche Aussagen wert sind, sieht man ja. Es ist das Geschwätz von gestern, das keinen mehr interessiert.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Empfand noch nicht einmal Wut. Enttäuschung vielleicht. Auch Selbstmitleid. Aber wenn ich es genau nehme, empfand ich gar nichts. Alles kam mir ganz unwirklich vor. Wie ein böser Traum. Dieses Gefühl kannte ich schon als Kind. Immer, wenn mir etwas Schlimmes oder Unangenehmes passierte, stellte ich mir vor, ich hätte das alles nur geträumt. Das half mir oft. Aber das, was ich jetzt erlebte, war leider kein Traum. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich einigermaßen realisiert hatte, was geschehen war. Ganz begriffen habe ich es bis heute nicht. Wenn man jahrzehntelang so dahingelebt hat – tagaus, tagein – kann man sich gar nicht vorstellen, dass es einmal anders sein könnte. Jetzt weiß ich, dass das ein Irrtum war. Aber wieder einmal kommt die Einsicht zu spät…

Ich weiß, dass viele in der gleichen Situation sind wie ich. Ich weiß nicht, wie sie es machen, damit fertig zu werden. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mit einigen einmal reden sollte. Habe es auch das eine oder andere Mal versucht. Aber ich habe sehr bald gespürt, dass die meisten daran nicht interessiert sind. Viele blocken ab. Sind mit sich selbst beschäftigt. Oder es ist ihnen peinlich, über sich zu reden. Über ihre Gefühle. Wie sie mit der Situation klar kommen. Die meisten schimpfen zwar auf die Politiker, ja auf das ganze System. Aber das bringt gar nichts. Am Ende steht jeder wieder allein da. Muss alles mit sich selbst ausmachen. Man bekommt ja auch kaum Hilfe. Die Mitarbeiter auf dem Arbeitsamt können sich kaum um den Einzelnen kümmern. Man hat schnell das Gefühl, lästig zu sein. Man füllt Formulare aus. Meldet sich in regelmäßigen Abständen. Zeigt damit, dass man dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, wie es so schön heißt. Aber das Entscheidende fehlt: dass man Arbeitsangebote bekommt. Dass einem gesagt wird, wie es weitergeht…

Ich habe versucht, mich gegen meine Entlassung zu wehren. Aber heraus kam dabei nichts. Gegen die so genannten Marktgesetze kann man nicht kämpfen. Letztlich steht man  machtlos und ziemlich allein da. Die Kollegen zucken mit den Achseln. Aufmucken tut keiner. In Wirklichkeit ist jeder froh, dass es ihn nicht getroffen hat.

Ich habe mich natürlich bemüht, wieder Arbeit zu finden. Anfangs ist man noch ganz guter Hoffnung. Man weiß schließlich, was man kann. Als ich so gut wie nichts an Angeboten bekam, bin ich selbst aktiv geworden; habe mich rumgehört. Ich bekam nur Absagen. Immer die gleichen Phrasen. Am meisten hat mich verletzt, wenn ich nicht einmal einer Antwort für wert befunden wurde. Das geht an die Ehre – und an die Nerven. Leute in meinem Alter gehören in dieser Gesellschaft  zum alten Eisen. Allem Geschwätz  zum Trotz. Man wird gerade noch geduldet, aber mehr auch nicht. Das sagt einem natürlich keiner ins Gesicht. Aber man spürt es auf Schritt und Tritt. An der Art, wie einen die Nachbarn ansehen. Die ehemaligen Kollegen. Die Leute in der Kneipe. Wenn es geht, machen sie einen Bogen um einen. Wer das nicht selbst erlebt hat, wird es nicht verstehen. Man glaubt gar nicht, wie sehr das an einem zehrt. Wie dünnhäutig man mit der Zeit wird. Man hat nur noch das Bedürfnis, sich zu verkriechen…

Ich selbst habe mich früher auch nicht anders verhalten. Habe ich mich je um andere gekümmert? Man hält es nur nicht für möglich, das einem selbst das passiert. Jeder hält sich für unverwundbar. Trotz der vielen Arbeitslosen, die es seit Jahren gibt. Jeder tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Macht vielleicht sogar noch seine Sprüche über die Arbeitslosen. Die doch selber schuld sind. Habe nicht auch ich lange Zeit so ähnlich gedacht? Dass genug Arbeit für alle da ist. Dass man nur arbeiten wollen muss. Hatte es nicht auch etwas Entlastendes, so zu reden? Es lenkt davon ab, darüber nachzudenken, dass man selbst der nächste sein könnte. Man hätte es besser wissen können…

Als ihr mich verlassen habt, ging es nur noch bergab mit mir. Es tat sehr weh. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie es so weit kommen konnte. Eine Antwort habe ich nicht gefunden. Es gibt immer zu viele Gründe. Wenn man es genau nimmt, war ich es, der sich irgendwann zurückzog, weil ich mir minderwertig vorkam. Der sich vor Scham kaum noch traute, irgendwo aufzutauchen. Der tagelang auf dem Bett liegen konnte und vor sich hin döste. Der immer asozialer wurde. Ja – das ist das richtige Wort: asozial bin ich geworden. Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden. Nichts mehr hö-ren und sehen. Einfach nur meine Ruhe…

Irgendwann wurde mir mitgeteilt, dass ich bald kein Arbeitslosengeld mehr bekommen würde. Die Frist sei abgelaufen. Um weiterhin unterstützt zu werden, müsste ich einen neuen Antrag stellen. Und ich müsste die Wohnung aufgeben. Mir eine kleinere suchen. Das hat mich vollends entwurzelt: unsere Wohnung, in der wir so lange gelebt haben. Wo jede Ecke voll ist von Erinnerungen. Wo man vieles selbst gemacht hat. Das habe ich nicht verkraftet. Ab da war ich nicht mehr bereit mitzuspielen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, keinen weiteren Antrag zu stellen. Ich will nicht bis zu meinem Lebensende Bittsteller sein. Mich als Sozialschmarotzer beschimpfen lassen. Das geht gegen meine Würde als Mensch. Ich will arbeiten. Selbst für mich sorgen. Wenn man keine Arbeit mehr für mich hat, zeigt mir das nur, dass ich überflüssig bin. Dann hat es auch keinen Sinn weiterzumachen…

Ich bin jetzt so schwach, dass ich mich kaum noch aufrichten kann. Obwohl mir alles weh tut, fühle ich mich ganz leer. Erst jetzt begreife ich, was Freiheit ist: es ist das Gefühl, das einen nichts mehr hält; dass man im Nichts gelandet ist. Jetzt lastet kein Druck mehr auf mir. Endlich. Schreiben werde ich bald nicht mehr können. Daher verabschiede ich mich jetzt. Ich habe mich für diesen Ausweg entschieden. Ich bin entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. Bin mit dem Fahrrad einfach losgefahren. Ohne Ziel. Immer nur nach Süden. Soweit ich konnte. Nur weg von allem. Hier – in einer idyllischen Umgebung – habe ich eine verlassene Hütte entdeckt, die sobald wohl keiner aufsuchen wird. Die Planken sind morsch. Es ist kalt und feucht. Hier sitze ich nun und versuche, meine letzten Gedanken zu ordnen. Ich fühle mich unendlich müde und leer. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Geld habe ich keines mehr. Auch keine Lebensmittel. Nur eine Flasche Wasser habe ich noch…

Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Nachts wird es immer kälter. Ich schlafe schlecht. Träume zu viel. Weiß manchmal gar nicht, ob ich träume oder wache. Ich weiß jetzt: das Sterben geht ganz leicht. Bald werde ich nur noch eine Erinnerung für Euch sein.

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Auf einen ungewöhnlichen Fall, der den Stoff für einen Roman bieten könnte, wurden wir ebenfalls durch einen Zeitungsbeitragaufmerksam. Darin wurde von einem Langzeitarbeitslosen J. berichtet, der nach vergeblichen Versuchen, wieder Arbeit zu finden, mit dem Schreiben begonnen hat. Wir setzten uns mit ihm in Verbindung und schlugen vor, sich zu treffen. Das lehnte er rigoros ab. Für solche Sperenzchen habe er keine Zeit. Zu unserer Überraschung erhielten wir einige Tage später ein Päckchen von ihm. Es enthielt ein Tonband. Er hatte uns die Nacht zuvor seinen ganzen Lebenslauf auf Band gesprochen.

Er hatte früh seine Eltern verloren; wuchs bei einer musisch begabten Tante auf; brach die Schule ab; absolvierte eine Verwaltungslehre und arbeitete als Bürogehilfe, bis er eines Tages seine Arbeit verlor. Mehre Versuche, wieder Fuß zu fassen, misslangen. Statt zu resignieren, entschloss er sich, die gewonnene Zeit für sich zu nutzen. Er bildete sich autodidaktisch weiter, interessierte sich für Literatur, Musik und Kunst, aber auch für Natur- und Tierkunde.

Nun interessierte uns sein Fall erst recht, und da er unser ausdauerndes Interesse bemerkte, lud er uns nach sich zu Hause ein. Er wohnte in einem kleinen, verwunschenen Haus, an dem schon seit Jahrzehnten nichts mehr gemacht worden war. Türen und Fenster schlossen nicht mehr recht; durch das Dach drang Feuchtigkeit in die Räume, von denen ohnehin nur noch zwei bewohnbar waren. Überall lagen Zeitungen, Manuskripte und alte Bücher herum. Wir hatten Mühe, einen Sitzplatz zu finden, und er begann pausenlos zu erzählen. Irgendwann während seiner langen Arbeitslosigkeit habe er sich gesagt: Jetzt hast Du Zeit im Überfluss, mache etwas Sinnvolles daraus. Tue das, was Du am besten kannst. So sei er zum Schreiben gekommen. Mittlerweile habe er an die 1.000 Gedichte geschrieben, meist Akrosticha. (Dabei handelt es sich um eine spezielle Form des gereimten Gedichts, wobei die jeweils ersten Buchstaben der Verse ein Wort ergeben). Einen Verleger habe er für sie nicht gefunden. Meist wurde er mit warmen Worten abgespeist. Für seine Gedichte gab es offenbar keinen Markt.

Diese Tatsache veranlasste ihn, eine eigene Zeitschrift herauszubringen, die er selbst gestaltete, hektographierte und an Interessierte verschickte. 17 z.T. ausführliche Ausgaben hat er herausgebracht; auf eigene Kosten. Daher war er erzürnt darüber, als er eines Tages einen Zeitungsartikel las, in welchem Dr. Konrad Adenauer, der älteste Sohn des ersten Bundeskanzlers und Vorsitzender des Kölner Haus- und Grundstücksvereins forderte, man solle Arbeitslose zum Schnee schippen heranziehen. In einem offenen Brief schrieb er ihm:

 Ich habe heute in der Kölnischen Rundschau den Ihnen gewidmeten Artikel „Adenauer: Winterdienst für Arbeitslose“ gelesen. „Sonst kriegen die eben kein Geld mehr“, fordern Sie. Was ist das für ein Ton, Herr Dr. Adenauer? Spricht man so von Menschen, die das Pech hatten langzeitarbeitslos zu werden? Sie scheinen der Meinung zu sein, dass sich Langzeitarbeitslose ein sog. schönes Leben machen – auf Kosten der Allgemeinheit. Dabei gibt es nichts Schlimmeres als langzeitarbeitslos zu sein. Die Tage füllen sich Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr mit blankem Nichts! Mir war klar, dass ich diese Strafe auf Dauer nicht aushalten würde. Erst viele Jahre später habe ich Worte dafür gefunden: „Ich lasse mir vom Staat mein Leben nicht stehlen“. Und dann habe ich mit der eigenen Arbeitslosenhilfe etwas ganz anderes gemacht und konnte die Langzeitarbeitslosigkeit endlich aushalten, ohne nach und nach den Verstand zu verlieren. Ich blieb zwar weiterhin arm, aber ich hatte mir selbst zu einer zwar unbezahlten, aber sinnvollen Tätigkeit verholfen. Arbeitslose sind Teil der Gesellschaft und haben damit Anspruch auf eine würdige Behandlung!

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Jeden Samstag steht auf dem Wochenmarkt eine junge Frau, immer an der gleichen Stelle. Sie verkauft die Obdachlosen-Zeitung „Asphalt“. Sie mag etwa 30 Jahre alt sein; sieht aber aus, als sei sie 60. Ihr fehlen die Zähne.

Ich erinnere mich, dass der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder im Wahlkampf 1998 erklärte, es gehe nicht an, dass man  die Armut eines Menschen  am Zustand seiner Zähne erkennen könne. Damals sprach er auch viel von seiner Herkunft aus kleinen Verhältnissen. Das hat mir imponiert und ich habe ihn gewählt.

2005 waren ganz andere Töne von ihm zu hören. Er bezeichnete sich selbst als Genosse der Bosse; die Agenda 2010 war in der Welt und er sprach davon, dass es kein Recht auf Faulheit gibt. Ich habe mich oft gefragt: Wie mag das auf die gewirkt haben, von denen oben die Rede war? Tatsache ist, dass die SPD einen großen Teil ihrer Mitglieder und Wähler verlor; ein Verlust, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat, auch weil ihr heutiges Personal den Kontakt zu diesen Leuten längst verloren hat.

Bildquelle: Pixabay, Bild von cocoparisienne, Pixabay License

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Er schreibt Romane, Gedichte, Essays und Rezensionen.


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