Mundschutz

Corona-Krise: Nur ein langsamer und immer wieder überprüfte Ausstieg ist verantwortbar

Wir führen merkwürdige öffentliche Diskussionen in Deutschland. Zurzeit wird zwar immer noch über Leben und Tod während Corona-Zeiten debattiert, aber die Debatte darüber, wann kleine Geschäfte, Bildungseinrichtungen, Produktion, Geldgeschäfte und Vertrieb wieder geöffnet werden beziehungsweise wieder einsetzen, die wird heftiger.

Nun hat die Leopoldina erklärt: „Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden.“ Was bedeutet das? Hier öffnen, dort geschlossen halten? An dem einen Tag die Kinder mit den Nachnamen von A bis M; am anderen Tag die übrigen? Nur Kinder deren Eltern systemrelevant tätig sind? Die Leopoldina hat das Dilemma offen gelegt.  Es ist eigentlich eine simple „Mechanik“: Das Gebot der Distanz hält das Risiko, an diesen Covid 19 Viren zu erkranken klein. Die Öffnungsstrategie erhöht das Risiko.

Rechnet man, dass während 15 Stunden am Tag eine nicht bestreitbare Ansteckungsgefahr besteht (abzüglich Schlafenszeit etc.) und etwa 2500 Menschen sich in der Bundesrepublik täglich anstecken, das sind das im Schnitt immer noch phi mal Daumen drei pro Minute. Auf dieser Basis eine Strategie der Öffnung mit festen Daten anzulegen – und hierfür gibt es wirtschaftlich unbestreitbar ganz starke Gründe – bedeutet, die Hochgefährdeten in der Bevölkerung entschiedener und umfassender zu isolieren als es heute bereits der Fall ist. Das sollte in der Diskussion klar sein.

Eine Grundlage ist, dass das so zentrale Gesundheitssystem Vertrauen genießt und nicht mutwillig kaputt-gequatscht wird. Es hat mich nicht gewundert, dass auf den „NachDenkSeiten“ das bundesdeutsche Gesundheitssystem als kaputtgespart dargestellt wird; es wunderte mich schon, dass der allseits bekannte Possenreißer Serdar Somuncu  auf web.de als Gesundheitsexperte auftrat und sagte, die Gesundheitsversorgung sei „massiv heruntergeschraubt“ worden. Es ist heute nahezu aussichtslos, sich gegen die öffentlich- Rechtlich beheimateten Witzemacher zur Wehr zu setzen. So wie früher der Pathologen-Beruf am Ende immer hatte, so sind das heute die Witzeschmiede.

Ein „System-Bashing“ mitten im Fakten-Wirrwarr über Covid 19- Infektionen war tagelang Mode – bis hin  zu ver.di, in deren Mitgliederpublikation zu lesen war, das System sei während der letzten Jahrzehnte  „ausgeblutet“ worden. Auf Nachfrage bei der für diese Zeilen verantwortlichen Redakteurin wurde beschieden: „Sehr geehrter Kollege Vater, wegen fehlender Zuständigkeit und Urlaub kann ich leider keine weiteren Details im gewünschten Umfang liefern…“. Wie geht das denn? Ein Urteil fällen, aber sich nicht zuständig fühlen? Sic transit gloria mundi.

Es ist einfach unwahr, zu behaupten, die Gesundheitsversorgung sei kaputt gespart worden. Jahr für Jahr ist mehr Geld ins System geflossen. Es gab in keinem Jahr eine Verringerung der Mittel. Nicht funktioniert hat die Investitionen-Finanzierung der Krankenhäuser durch die Länder. Weil die Länder  ihren Pflichten nicht nachkamen, mussten die Krankenkassen Geld zuschießen, das an anderer Stelle fehlte. Ich befürchte aber, dass dieser Zusammenhang bereits zu kompliziert ist. 

Was wissen wir über diese Risikogruppe der Älteren und Alten?

Etwa 22 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik sind älter als 65 Jahre. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass über 60 Prozent der über 65- Jährigen drei und mehr chronische Krankheiten aufweisen – das sind rund elf Millionen Menschen.

Die 3, 4 Millionen pflegebedürftigen Menschen – davon knapp 900 000 vollstationär pflegebedürftig stecken in diesen elf Millionen.

In diesen elf Millionen stecken auch 60 Prozent der körperlich oder geistig  stark bis schwerstens eingeschränkten Menschen.

Über drei Millionen dieser so gehandikapten Menschen sind jünger als 65 – sie müssen wegen ihrer Einschränkungen zur Hochrisikogruppe hinzu gezählt werden.

Damit komme ich auf fünfzehn Millionen Menschen, die streng isoliert und zugleich betreut und versorgt werden müssen. Wie soll das gehen, wenn heute bereits die Pflege an ihren Grenzen stößt?

Wer ein wenig tiefer recherchiert, der findet: In Millionen Fällen wissen lediglich Familien – sofern vorhanden – Hausärzte und eventuell Fachärzte Bescheid. Die Ämter, die entsprechende Ausweise ausstellen. Eventuell die Nachbarn. Sonst niemand.

Wie diese Millionen ihre Leben organisieren, welche Mühen sie aufbringen, wer sie in einer Isolation mit Medikamenten und Nahrung versorgt, sich um sie kümmert, wer sie „im Auge hat“, das wissen wir nicht.

In der Logik der Öffnungs- Strategien liegt, dass das so bleibt,  bis … ja, bis ein Impfstoff gefunden ist.

Wer all erwägt und mit berücksichtigt, der findet als Möglichkeit ein sehr, sehr vorsichtiges Herantasten über viele Stufen an wieder normalere Verhältnisse.

Es ist ja sowieso ein verwirrender Gesprächs-Gegenstand. In der Wochenendausgabe der TAZ kommen mehrere alte Menschen zu Wort, deren Auffassung lautet: Ja, sperrt uns notfalls weg, nehmt uns einen Teil der Einkünfte weg, denn die jungen Menschen sollen sich für uns nicht aufopfern. Dabei fehlt auch nicht der Hinweis, dass die Alten ja nichts gegen die Kima-Krise getan hätten. Auffallend ist, dass die in der TAZ zu Wort kommenden alten Menschen Rentnerinnen und Rentner beziehungsweise Pensionäre mit überdurchschnittlichen Einkommen sind. Die Rentnerin, die in der sozialen Grundsicherung steckt oder der Rentner mit Anspruch auf Grundrente, die fehlen.    

Gibt es eine Metapher? Mir fiel eine Geschichte aus meinem Englischbuch von Quarta oder Untertertia ein, 1960 oder 61 im Unterricht „behandelt“, wie man so sagt: Da sitzt eine Familie sonntags am Frühstückstisch. Es ist eine aus England stammende Familie. Während des Frühstücks schabt eine Kobra über den Fußboden in Richtung des Tisches. Der Vater sieht das Tier, sagt: Füße still halten, bewegt euch nicht. Das funktioniert, das Tier schlängelt unter dem Tisch durch, greift nicht an. Die Moral der Geschichte bestand im Hinweis auf ein in britischer Erziehung steckendes Training zur Selbstkontrolle. Ob das so ist, weiß ich nicht. Jedenfalls fiel mir diese Geschichte nach so vielen Jahren wieder ein – und auch mein damaliger Englischlehrer, Dr. Lehmann (Gott hab ihn selig), der einzelnen Schülern bescheinigend entgegen zu halten pflegte: Aus dir wird im Leben nie was. Das ist Art „Anleitung“: Jeder und jede müssen sich anstrengen; niemand darf in seiner Aufmerksamkeit sich selber und anderen gegenüber nachlassen. Zusammenhalt beginnt nicht mit der Proklamation, sondern damit dass jeder und jede sich einen Begriff von der Kostbarkeit der eigenen Gesundheit machen. Dann kann der sehr langsame und immer wieder überprüfte Ausstieg aus der Krise gelingen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 218 Abonnenten.



Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


'Corona-Krise: Nur ein langsamer und immer wieder überprüfte Ausstieg ist verantwortbar' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht