Chemnitz

Die Entfremdung der Gesellschaft

Es ist in diesen Tagen viel von Fremdenfeindlichkeit die Rede, Chemnitz ist zum Inbegriff für Hass und Neonazismus geworden. Im Westen der Republik sind die Schnellanalysen über die da im Osten im Umlauf, wer seit 1933 in der Diktatur, ob braun oder rot, lebt, der muss ja zur politischen Dumpfbacke geboren sein. Verständnis darf  und muss keiner für diese Gesinnungstrottel haben, doch wer sich im Lande genau umschaut, der findet Entfremdung vor der eigenen Haustüre.

Sie ist die letzten Jahrzehnte oft leise daher gekommen und hat mittlerweile weite Teile der Bevölkerung erfasst. Die Glatzköpfe und Heil  Hitler Schreier in Ost wie in West, oft aus den sogenannten bildungsfernen Schichten, haben gesellschaftliche Bindungen verlassen, oder besser gesagt, sie sind verlassen worden, entfremdet in Arbeitslosigkeit, Versager oft in einem System des ständigen Leistungsdrucks, beraubt der Ideen und Vorbilder aus Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen, desillusioniert  von Managern, die Konzerne an die Wand fahren, Beschäftigte in Arbeitslosigkeit stürzen und sich selbst mit Millionenabfindungen aus der Verantwortung schleichen. So geschehen und gesehen bei Thyssen Krupp, wo sich jüngst der Vorstandsvorsitzende und der Aufsichtsratsvorsitzende mit riesigen Abfindungen aus dem Staube machten, während sie kurz vorher noch die Betriebsrenten kürzten und den Stahlbereich an indische Investoren verscherbelten.

Wer von den Beschäftigten fühlt sich da nicht allein gelassen? Wen nimmt es Wunder, wenn  eine  kalte Gesellschaft, wo Manager ein hundertfaches Einkommen eines durchschnittlichen Arbeitnehmers einnehmen, sich immer mehr den kapitalistischen Marktstrategien unterwirft und ihre sozialen Bindungen  über Bord wirft? Wo Kinderarmut, Wohnungsnot und Perspektivlosigkeit grassieren geht allzu leicht das Verständnis für das Fremde, das Unbekannte verloren. Zugespitzt formuliert: Wenn das geistige wie materielle Lumpenproletariat   den Ärmsten der Armen, den Fremden,  an die Gurgel will, dann ist dies vor allem auch ein Versagen der gesellschaftlich Verantwortlichen.  Wenn die AfD  an Zustimmung  gewinnt, dann trägt sie auch eine Stimmung, die sich aus Entfremdung vieler Bürger mit dieser Gesellschaft und ihren Repräsentanten zusammensetzt.

Das weiter so und wir schaffen das der Kanzlerin ist genau so wenig glaubwürdig wie eine SPD nach dem gleichen Muster gestrickt, die nach dem „löwschen „ Gesetz  ihre Erneuerung bewerkstelligen will. Wie beim Fußballbundestrainer Jogi Löw nach dem WM Desaster sollen die Wahlverlierer  die Erneuerung voran treiben und dabei schön auf ihren Posten sitzen bleiben. Wenn Pegida oder AfD immer mehr Zulauf bekommen, dann liegt das auch am Versagen der Linken in diesem Lande. Sie haben auch ihre Wahldebakel noch nicht analysiert, geschweige denn Konsequenzen gezogen, ihre Funktionärsschicht in der Spitze wie in der Breite liegt wie Mehltau über jedem Erneuerungsversuch. Der Mangel an Glaubwürdigkeit führt zur Entfremdung, auch  da in Bayern, wo in Wahlkampfzeiten das Kruzifix in Amtsstuben von der CSU zur Pflicht gemacht wurde. Das Kreuz als Wahlkampfhelfer, ein allzu durchsichtiges Manöver, welches manch gläubigem Christen die Sprache verschlägt. Die politische Alternative hin zu einer Gesellschaft, die auch wärmt, die Zuwendung zeigt, nach dem alten Leitsatz von Johannes Rau „versöhnen statt spalten“ haben die Repräsentanten der  Berliner Parteien jedenfalls nicht deutlich gemacht. Sie haben an Achtung verloren.

 

Bildquelle: Wikipedia, Niteshift (talk)CC BY-SA 3.0

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


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