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Die Wurzeln des Trumpismus: Weiß, rassistisch, nationalistisch, evangelikal, fundamentalistisch

Es ist zur Gewohnheit geworden, die Kameras in Berichten über Trumps Anhängerinnen und Anhänger in Städten aufzustellen, die durch die Folgen der Globalisierung verarmt sind. Während die früheren Regierungen nichts getan hätten, habe Trump in den Städten wieder Arbeit geschaffen, heißt es in manchen Berichten. Grundstoffunternehmen wie Kohlebergbaue seien geöffnet worden, in Textilbetrieben hämmerten wieder die Stoffmaschinen. Das gibt gute Bilder für das deutsche Publikum.

Der Religionswissenschaftler Philip Gorski, ein Yale-Professor, hat ein Aufsehen erregendes Buch über den geistigen Nährboden des Trumpismus geschrieben. „Am Scheideweg“ heißt es, es ist im Herder Verlag erschienen, hat 224 Seiten und kostet 24 Euro.
Philip Gorski verzichtet weitgehend auf die Armuts-Milieus. Trump und der Trumpismus würden gemessen an der US- Gesamtbevölkerung von einer extrem einflussreichen Minderheit getragen, nämlich den weißen Evangelikalen und Pfingstlern, die durchgehend fundamental an die bibelbasierte, individuelle Beziehung zu ihrem Gott glaubten. Das sind nach Gorskis Darstellung

  • Sozialkonservative, die Abtreibung und liberale Funktionseliten kompromisslos ablehnten,
  • Konservative Nationalisten, in denen das „America first“ und der Isolationismus fest säßen wie der Korken auf einer Flasche;
  • neoliberale Wirtschaftsleute und
  • die weißen Rassisten aller möglichen Spielarten, die oft als sichere Bank Trumps nicht genannt würden..

Der Yale-Professor beschäftigt sich in lesenswerten Kapiteln mit der Frage, ob sich Christentum und die Demokratie miteinander vertrügen. Er kommt zu einem durchwachsenen Ergebnis. Er beschreibt einen mühsamen Weg über die Jahrhunderte, sammelt Belege für Demokratienähe oder Ferne.

Ich habe das ein wenig amüsiert gelesen. Uns ist die Diskussion fremd geworden, weil bei uns das Menschenbild des Grundgesetzes gilt, das Bild des freien, dem Gewissen verantwortlichen Menschen, keiner Endzeit- Vorstellung und keinem jenseits der Würde entstandenen Zwang unterworfen.

In der US- amerikanischen Geschichte seien Demokratie und Christliches viele Jahrzehnte versöhnt gewesen, beschreibt Gorski. Aber nun wären weite Teile der Weißen in den USA bereit, die traditionelle Demokratie einem von Trump geprägten autoritären Herrschen zu opfern. Dabei würden diese Teile der Bevölkerung durch eine uns Europäern unverständlichen Endzeiterwartung beeinflusst.

Der Publizist David French, ein Konservativer hat dieser Tage Gorskis Position etwas weiter vorangetrieben. Er hält es für möglich, dass die USA wie im 19. Jahrhundert erneut zerbrechen, weil die Polarisierung und Zuspitzung der Konflikte in der US- Gesellschaft nicht endlos so weitergehen könnten.

French plädiert unter anderem für mehr Föderalismus. Daran sollten wir denken, wenn wir das nächste Mal über die Länder der Bundesrepublik und deren kleine Unterschiedlichkeiten stöhnen.

Philip Gorski: Am Scheideweg, Herder Verlag 2020, 224 Seiten, 24 Euro.

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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