Ladengeschäft

Einzelhandel an der Klagemauer

Der private Konsum ist der stärkste Antriebsmotor für die Konjunktur. Doch in Zeiten der Pandemie halten sich die Verbraucher zusehends zurück. Sie lassen die Ladenkassen nicht mehr so stark klingeln, sondern legen Teile ihrer Einkommen vorsichtig auf die hohe Kante. Im Frühjahr dieses Jahres stieg die Sparquote auf Rekordniveau – auf rund 20 %. In den Sommermonaten hatte sich der private Verbrauch wieder einigermaßen normalisiert. Es gingen mehr Menschen in die Läden der Innenstädte, die Umsätze des Einzelhandels stiegen wieder an. Angesichts der aktuellen Entwicklung der Infektionszahlen gerät der Konsummotor erneut ins Stottern. Die Sorgen über einen drohenden zweiten Lockdown werden nicht nur in der Gastronomie, sondern auch im Einzelhandel größer. Und das, obwohl die Mehrwertsteuersenkung bis zum Jahresende manche Einkäufe preislich günstiger macht.

Große Strukturprobleme

Der traditionelle Einzelhandel befindet sich nicht nur im konjunkturellen Wechselbad, sondern kämpft seit längerer Zeit mit großen strukturellen Problemen. Nicht nur die Warenhäuser von Karstadt, Kaufhof, Hertie oder Woolworth, die einst in Groß- und Mittelstädten eine dominierende Rolle spielten, sind inzwischen Vergangenheit und nicht mehr Leuchttürme für Käufer. Viele Fachgeschäfte haben ebenfalls bereits ihre Ladentüren geschlossen, weitere werden noch folgen. Von den Geschäften, die es derzeit noch im Einzelhandel gibt, werden mindestens 50.000 aufgeben müssen, falls die Corona-Krise noch einige Zeit lang andauern wird. Nicht wenigen Händlern fehlt es an finanzieller Kraft zum Überleben. Ihre Rücklagen schmelzen dahin wie der Schnee in der Sonne. Immer mehr werden zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Von den derzeit noch existierenden gut 300.000 Einzelhandelsgeschäften sind viele von den strukturellen Veränderungen bedroht.

Boomender Online-Handel

Denn der Online-Handel ist bereits seit einiger Zeit auf dem Vormarsch und wird immer mehr zur schärfsten Konkurrenz. Die Digitalisierung macht’s möglich. Denn so können rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen Bekleidung, Textilien, Schuhe, Gläser, Porzellan, Werkzeuge und alles Mögliche, sogar Möbel und Elektrogeräte vom heimischen PC oder per Handy bestellt werden. Was heute vom Kunden geordert wird, das wird schon morgen oder etwas später an die heimische Adresse geliefert. Und was nicht passt, kann ganz einfach zurückgeschickt werden. Die Umsätze im Online-Handel sind in den letzten Jahren wahrlich explodiert. Das alles geht zulasten des traditionellen Einzelhandels, der nun nach staatlichen Hilfen ruft.

Händler müssen handeln!

Der Bundeswirtschaftsminister kennt die Klagen der Kaufleute, die sie jüngst ihm nochmals bei einem „Innenstadt-Gipfel“ vorgetragen haben. Peter Altmaier will auch helfen, doch einfach wird das gewiss nicht. Zum einen soll es darum gehen, den Einzelhändlern neue Umsatzquellen im Digitalen zu erschließen. Zum anderen sollen gemeinsam in den Innenstädten Erlebnisräume mit Kultur und Gastronomie geschaffen werden. So ganz neu sind diese Ansätze nicht. Denn seit langem ist klar, dass es bei vielen Warenangeboten nicht mehr um Bedarfsdeckung, sondern vielmehr um Bedarfsweckung geht. Wer im Netz surft, entdeckt sehr viel Neues, mehr als in den meisten Geschäften seiner Stadt.

Was indessen online nicht geboten wird, das ist die fachliche Beratung rund um die Produkte. Deshalb sind Läden vor Ort nur attraktiv, wenn gut ausgebildetes und geschultes Personal dem Kunden beste Beratung und optimalen Service anbieten kann. Dafür eignen sich insbesondere höherwertige Waren, mit denen sich auch zumeist nicht allein gute Umsätze, sondern auch solide Erträge erzielen lassen. Mit „billig, billig“ in den Sortimenten ist das jedenfalls nicht möglich.

Der Kunde bleibt König!

Da der Kunde von heute in der Regel immer anspruchsvoller ist, muss auch der Laden mit dem gesamten Ambiente immer ansprechender sein. Viele Schaufenster sind indessen so einfallslos und kaum attraktiv dekoriert, sodass sie kaum einen Kunden von der Straße in den Laden locken. Im Laden selbst sollte ein freundliches Klima herrschen, zumal Freundlichkeit von Verkäufern und Verkäuferinnen nichts kostet, den Wert des Angebots jedoch steigert. Dabei gilt nach wie vor das uralte Prinzip: Der Kunde ist König. Wenn das gewünschte Produkt nicht vorrätig ist, kann es sofort bestellt werden – für den Kunden, der es dann nach einer freundlichen Information direkt in dem Fachgeschäft abholen wird. Bei notwendigen Retouren wird ihm zudem geholfen. Denn Dienstleistung muss mit Dienen und Leisten für ihn in seinem Laden erfassbar werden. Mit der Digitalisierung wird dabei vieles möglich. Und mit einer Beteiligung am erzielten Umsatz werden das Engagement und die Freundlichkeit sowie die Servicebereitschaft des Ladenpersonals durchweg zu steigern sein.

Die Einzelhändler sollten den direkten Kontakt zu ihren Stammkunden intensiv pflegen. Nichts ersetzt dabei den persönlichen Kontakt, der sich jedoch nicht allein auf den Verkaufsakt beschränken sollte. Informationen über die neue Mode, besonders interessante Produkte oder spezielle Saisonartikel können potentielle Käufer in den Laden locken und die Kasse klingeln lassen. Mehr Phantasie würde manchen Händlern helfen, das Kaufinteresse zu wecken. Gemeinsam sollten Einzelhändler auch die Attraktivität ihrer Innenstadt oder der Straße, an der sie ihre Läden betreiben, überprüfen und wesentlich erhöhen. Kunden gehen nämlich vornehmlich dahin, wo etwas los ist, wo man andere Leute trifft, wo etwas Positives geschieht und geboten wird. Dafür ist mehr Kreativität erforderlich, um das Leben in der Innenstadt und den Läden interessant zu machen.

Leerstände bei Ladenlokalen

Last but not least sind die Eigentümer und insbesondere die Vermieter der Geschäftslokale gefordert, um die weitere Verödung von Innenstädten zu vermeiden. Mit zum Teil sehr hohen Mieten können sie dem Handel den Garaus machen. Beste Lagen werden dann zweit- oder drittklassig. Und Leerstand ist immer noch der teuerste Stand für Vermieter. Deshalb müssen sie ihren Beitrag zum Erhalt und möglichst zur Steigerung der Attraktivität der Standorte für den Einzelhandel, die Gastronomie u. ä. leisten. Denn die maximale Miete pro Quadratmeter bringt auf Dauer nicht die optimalen Einnahmen aus der Vermietung. Schließlich werden einige Immobilien-Eigentümer ihre Häuser in den Innenstädten nachhaltig umbauen müssen. Aus manchen Läden sollten schon bald Praxis- oder Wohnräume werden. Gemeinsam mit den Kommunalpolitikern vor Ort sollten alle Beteiligten Konzepte entwickeln, um die Attraktivität der Innenstädte zu steigern. Lebendigen und lebenswerten Orten gehört die Zukunft. Die Weichen dafür zu stellen, das muss jetzt geschehen, da die Pandemie den Einzelhandel, die Gastronomie und viele andere Betriebe arg lähmt. Es gilt nämlich, Zuversicht für die Zukunft zu verbreiten und diese Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Peter H, Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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