Ausstellungseröffnung "Helmut schmidt"

Er war alles: Hanseat-Staatsmann-Weltbürger – Eine Ausstellung zur Erinnerung an Helmut Schmidt

Es ist frei nach Johannes Rau eigentlich alles gesagt, aber nicht von allen,  über einen wie Helmut Schmidt, den Ex-Kanzler und SPD-Politiker, Herausgeber der „Zeit“, der vor fünf Jahren kurz vor seinem 97. Lebensjahr gestorben ist. Aber dennoch ist es mehr als interessant, wenn einer wie Peer Steinbrück sich zu Wort meldet,  Hamburger wie Schmidt, Sozialdemokrat wie derselbe, umstritten in der eigenen Partei, weil er immer auch eine eigene Meinung hatte, was nicht jedem gefiel.

Steinbrück kennt Helmut Schmidt sehr gut, er hat im Kanzleramt gearbeitet, ihn dort erlebt, hat viele Gespräche mit ihm  geführt über Gott und die Welt, über die Politik, ihre SPD, die Republik, Europa, China. In Unkel, dem letzten Wohnort von Willy Brandt, wo auch das sehr schöne Willy-Brandt-Forum zu Hause ist, ausgerechnet dort gab Peer Steinbrück, der Vorsitzender des Kuratoriums der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung ist, den Schmidt-Versteher und -Erklärer und führte damit in eine Foto-Ausstellung ein, die an den Hanseaten, den Staatsmann und Weltbürger, der Schmidt war, erinnert. Dies vorweg: Es war ein Genuß, dem früheren NRW-Ministerpräsidenten, Bundesfinanzminister und gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten zuzuhören. Eine freie Rede über viele spannende Minuten durch den Schmidt-Bewunderer Steinbrück, der aber nicht vergaß, die Schwächen und Fehler dieses großen Mannes aufzuzeigen.

Helmut Schmidt, was für ein Leben! Respektiert, geachtet, gefürchtet als Redner, wenn er in Fahrt war. Ein Europäer durch und durch, der Steinbrück nach dessen Worten einst belehrte, weil dieser mit Sarkozy nicht viel anfangen konnte: Es gehe nicht um persönliche  und Geschmacksfragen, die deutsch-französische Freundschaft und Zusammenarbeit sei viel wichtiger für Europa, ja die Welt. Das war die Lehre aus den Kriegen, an einem hatte der Oberleutnant der Luftwaffe Helmut Schmidt mitgewirkt. Später sprach er gelegentlich vom „Scheiß Krieg“, er war an der Ostfront, später an der Front im Westen, bei seiner Rückkehr ins heimatliche Hamburg stand er vor den Trümmern. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass seine Generation sich als Aufbau-Generation verstand, wie das Richard von Weizsäcker mal formulierte,  es war ja fast alles kaputt, auch die Moral.

Ausstrahlung von Macht und Können

Körperlich eher ein relativ kleiner Mann, der aber über sich hinauswuchs, wenn er gefordert war, der eine Ausstrahlung von Macht und Können hatte. Der aber auch das alles darstellen konnte. Ja, er war ein glänzender Schauspieler, der seine Auftritte zelebrierte. Helmut Schmidt, das war ja auch Teil meines Lebens, den Namen kannte ich aus den Nachrichten, ehe ich den Hamburger das erste Mal persönlich erlebte. Das war Mitte der 70er Jahre, die WAZ mit Chefredakteur Siegfried Maruhn  hatte ein Interview  im Kanzleramt in Bonn. Regierungssprecher Klaus Bölling empfing uns im Foyer und führte uns ins Zimmer der Macht. Er bedeutete uns mit leiser Stimme, der Kanzler arbeite noch, also ließen wir uns in der Ecke unter einem Bild von August Bebel nieder. Helmut Schmidt saß am anderen Ende des Arbeitszimmers, eine Tischlampe beleuchtete den Schreibtisch, an dem der Kanzler über Akten saß, las und etwas schrieb. Dann, nach Minuten der Ruhe, erhob sich der Mann, straffte seinen Körper und wandte sich uns zu mit den Worten: „Guten Abend, meine Herren, was kann ich für Sie tun?“ Nie werde ich diese Szene vergessen. Was kann ich für Sie tun? Wir hatten einen offziellen Termin für ein Interview, seit Wochen so vereinbart mit Ort und Zeit. Aber so war er, der Kanzler, der jeden spüren ließ, wie hart er arbeitete im Dienste des Staates.

Peer Steinbrück beschrieb Helmut Schmidt ähnlich, mit anderen Worten, die aber seine Anerkennung klarmachten. Er skizzierte ihn als einen Politiker, der sich seiner Verantwortung stets bewusst war, der wegen seiner Führungsqualität geschätzt war über Parteigrenzen hinweg, dessen Stimme Gehör fand in der Welt, die ihn kannte und respektierte. Dass er dabei kühl rüberkommen konnte, mag am Hanseaten gelegen haben. Weitsicht bescheinigte ihm Steinbrück und erwähnte als Beispiel die Gründung der  sogenannten G-7- später G-8-Gipfel, weil Schmidt die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge erkannt hatte. Er ließ Frankreich den Vortritt für das erste Treffen, er wollte wohl nicht der Oberlehrer sein, der Macher war er, keine Frage.

Man wäre froh, hätte man einen wie ihn

Schmidt, der Welt-Erklärer,  der glänzend Englisch sprach und sich damit überall verständigen konnte, der einen moralischen Kompass hatte, an dem er sich orientierte, das war sein Maßstab, den er gern auch bei anderen gesehen hätte.Schmidt war nie einfach, er musste damit leben, dass ein Großteil der Sozialdemokraten Willy Brandt zu Füßen lag, den sie liebten und verehrten, wegen dem sie in die SPD eintraten. Christoph Charlier, der im Namen des Willy-Brandt-Forums Steinbrück begrüßt und in den Abend eingeführt hatte, erzählte dazu seine persönliche Geschichte. „Ich bin trotz Helmut Schmidt in die SPD eingetreten“, machte er den Unterschied deutlich, räumte aber zugleich ein, dass er heute Abbitte leisten müsste. Er dürfte nicht der einzige an diesem Abend unter den über 100 Zuhörern- wegen Corona und des dazu gehörenden 1,5m-Abstands waren nicht mehr eingeladen- gewesen sein, der feststellte, man wäre heute froh, hätte man einen wie Helmut Schmidt in der SPD.

Die Personalfrage in der SPD-aber nicht nur dort- ist ja ein besonderes Problem, das Peer Steinbrück natürlich ansprach, aber auf Namen aus der aktuellen Führung der Partei verzichtete. Stattdessen zählte er ein paar aus der damaligen Riege auf, Kurt Schumacher, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Egon Bahr, Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Horst Ehmke, mir fallen dazu weiter ein Hans Koschnick, Holger Börner, Björn Engholm, Hans Matthöfer, Hans Apel, ja und, auch wenn das nicht jedem passt, Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine. Und heute? Vielleicht sollte die Partei über eine Schulung für Mitglieder nachdenken, über eine gezieltere Förderung junger Sozialdemokraten. Steinbrück konnte man so deuten.

Zurück zu Helmut Schmidt. Das Foto, das die Ausstellung schmückt, zeigt ihn mit der Prinz-Heinrich-Mütze. Da fällt mir sofort das Bild mit dem Lotsen ein, der das Schiff durch Stürme und an Klippen und Engstellen vorbeiführt. Der Historiker Martin Rupps hat ein Buch über Schmidt so genannt. Kein schlechter Titel für den Mann, der als Krisenmanager durch die Ölkrise das Land führte, durch das Dunkel der RAF-Terroristen, der schweren Herzens in Kauf nahm, dass der entführte Arbeitgeber-Präsident Hans-Martin Schleyer ermordet wurde. Ein schweres Paket hatte er sich da aufgeladen und er trug schwer daran, weil er die Verantwortung hatte.

Fehler und Schwächen des Hamburgers

Peer Steinbrück vergass die Fehler, die Schwächen des Hamburgers nicht, erwähnte, dass er falsch lag mit seiner Einschätzung der Energie-Versorgung, dass er falsch lag mit dem Schnellen Brüter, dass er die Umwelt- und Friedensbewegung geflissentlich übersah- weil er sie nicht mochte oder für einen Fehler hielt? Da fehlte ihm das Gespür eines Willy Brandt, der einst die rebellierende Jugend in die SPD geholt hatte und der ziemlich früh merkte, dass sich da etwas zusammenbraute um den Nato-Doppelbeschluß. Für den er später von Michail Gorbatschow- wenn man so will- eine späte Ehrung erfuhr, indem dieser sagte, dadurch seien die Spitzengespräche zwischen ihm und US-Präsident Reagan in Reykjavik zustandegekommen und in der Folge massive Abrüstungen. Und ist es nicht so, dass dadurch die Sowjetunion zu Tode gerüstet wurde und vor der Pleite stand, was ihr Ende und das Verschwinden des Eisernen Vorhangs zur Folge hatte?

Für die SPD war das Thema ein Trauma, verbunden damit war der Sturz des SPD-Kanzlers durch ein konstruktives Misstrauensvotum, das Helmut Kohl zu seinem Nachfolger machte, was Schmidt erzürnte. Also ging er auf die FDP und deren Chef Hans-Dietrich Genscher los, weil die mit dem Wahlslogan „FDP wählen, damit Helmut Schmidt Kanzler bleibt“ in den 1980er Wahlkampf gegen Franz-Josef Strauß gezogen waren. Schmidt  warf den Liberalen „Verrat“ vor und polterte in bester Schmidt-Schnauze-Manier los: „Die gehören weggeharkt“. Das konnte er auch, schneidend sein, scharf, holzen.

Ein Jahr nach dem Sturz von Schmidt ließ ihn die Partei mit seiner Sicherheits- und Außenpolitik im Regen stehen. Auf dem Parteitag in Köln stimmten gerade noch 14 Sozialdemokraten für den Nato-Doppelbeschluss, darunter Hans Apel, unter den Nein-Stimmen waren auch die von Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel. Eine bittere Stunde für den Hamburger.

Je älter, umso beliebter wurde er

Einer wie Schmidt, schrieb der Historiker Rupps, „will immer der tolle Hecht sein“. Ständig habe er sich und anderen seine intellektuelle Überlegenheit und seine unzerstörbare Vitalität unter Beweis stellen müssen. Dabei sei derselbe Kanzler ein Dutzend Mal in Ohnmacht gefallen, ehe man ihm einen Herzschrittmacher und später einige Bypässe eingesetzt habe. Aber Schwäche zeigen, das galt für ihn nicht, noch am Krankenbett habe er sich wieder der Öffentlichkeit gezeigt, wie er Akten wälzte.

Je älter er wurde, umso beliebter wurde er, Was er auch sagte, es wurde nahezu jede Silbe bewundert. Die Kanzlerin Angela Merkel würdigte ihn als „eine der prägendsten und angesehensten Persönlichkeiten“. Für Giscard d´Estaing, seinen französischen Freund, war Schmidt der „beste Kanzler nach Adenauer.“ Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger bezeichnete ihn „als Gewissen der Nation und intellektuellen Leuchtturm für die demokratische Sache.“ Da liegen sie alle nahe bei Peer Steinbrück, der mehrfach schilderte, wie fordernd Schmidt gewesen sei, inspirierend, verlässlich.

Helmut Schmidt

Am Ende wurde Steinbrück auf Russland angesprochen, auf die Pipeline Nord-Stream 2 und gefragt, was wohl Schmidt gesagt oder gemacht hätte. Mit kurzem Zögern sagte er, Schmidt hätte sich nie so auf Russland eingelassen wie einer seiner Amtsnachfolger– gemeint Schröder. Aber er hätte dafür plädiert, die Pipeline zu Ende zu bauen, um dann von Russland Aufklärung über den Fall Nawalny und andere Vorkommnisse zu verlangen. So lange hätte er das Gas nicht fließen lassen, sondern Druck ausgeübt. Wie damals, beim Nato-Doppelbeschluss.

Die Ausstellung läuft vom 18. September bis 2. November 2020 im Willy-Brandt-Forum, Willy-Brandt-Platz 5, Unkel.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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