Mittelalterlicher Tunierkampf

Es hätte so einfach sein können – aber: Nichts dazugelernt!

Es sind die vielen verkorksten Personalentscheidungen, die der CDU heftig zusetzen. Es begann mit Merkels Nachfolge. Nach einem langen Dreikampf zwischen Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn konnte sich AKK auf einem Parteitag nur knapp durchsetzen. Nachdem sie das Handtuch geworfen hatte, folgte ein zermürbender Dreier, diesmal mit Laschet, Merz und Röttgen. Und wieder konnte sich der Sieger Laschet erst im zweiten Wahlgang behaupten.  Und nun dieser Kampf um die Kanzlerkandidatur, bei dem nicht nur um Personen, sondern auch über das Verfahren gestritten wird. Die Vermutung liegt auf der Hand, dass es in Wahrheit nicht nur um Namen, sondern ebenso um politische Inhalte geht.

Wie dem auch sei, der Unionszug fährt gerade mit Volldampf auf eine Wand zu, die CDU und CSU als letzte Volksparteien zertrümmern könnte. Dabei wäre alles doch so einfach gewesen, wenn Laschet Fakten und Stimmung nur richtig eingeschätzt hätte. Großzügig hätte er Söder die Kanzlerkandidatur anbieten können, wäre Herr des Verfahrens geblieben, wäre in der Rolle des Königsmachers gewesen. Solch einen Schritt kann man nicht nur mit Söders erheblich besseren Ergebnissen in Umfragen (auch Bei CDU-Mitgliedern) und höheren Wahlchancen begründen. Auch die politische Zukunft in Nordrhein-Westfalen, wo Laschet weitgehend geräuschlos und in zentralen Fragen erfolgreich eine CDU/FDP Koalition führt, könnte den Ausschlag für einen Verbleib in Düsseldorf geben. Ihm gelang es, eine aus Rheinländern und Westfalen mühsam verschmolzene Partei zu bändigen und wieder regierungsfähig zu machen. Und das Hauptargument für diese „Großtat“ hätte die Pandemie geliefert, eine so fundamentale Krise, die es gebietet, sämtliche Personalfragen so schnell wie möglich abzuräumen. Aber es kommt anders, wie leider zu befürchten war: Laschet lässt sich täuschen vom Votum eines Vorstandes, das in keiner Weise die Stimmung an der CDU-Basis widerspiegelt. Das ist gefährlich, denn es sind die Mitglieder, die an den Wahlkampfständen für ihren Kandidaten den Kopf hinhalten und von ihm überzeugt sein müssen. Sie sind es, die in den sozialen Medien die Debatten führen und sich für einen Bewerber streiten. Wenn in diesen emotional ausgehungerten Zeiten das Personalangebot nicht wirklich begeistert, droht ein Debakel. Für diese Mitglieder sind Umfragen eben keine „heiße Luft“, sie lassen sich davon umso mehr beeinflussen, je länger der Trend dauert. Und da zählen sich auch Abgeordnete des Bundestages gerne zur Parteibasis, wenn sie Gefahr laufen wegen Stimmverlusten ihr Mandat zu verlieren.  Schon begehren Teile des Parteivolks auf, wenn auch vorerst nur auf den mittleren und hinteren Rängen. Die Meinung, im dritten Anlauf könnte endlich mal ein Bajuware Kanzler werden, findet mehr und mehr Zuspruch. Die Menschen setzen auf jemand, der ihnen Politik -auch in komplizierten Zeiten – gut, überzeugend und sachlich erklären kann, eine Disziplin in der Kanzlerkandidat Söder unschlagbar ist. Aber auch er bleibt eine Erklärung schuldig, warum CDU und CSU aus ihrem Streit im Sommer 2018 (Merkel contra Seehofer) nichts gelernt haben. Wie bei Corona wird wieder jemand gesucht, der die Notbremse zieht, um den Zusammenprall zweier Unionszüge zu verhindern.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerhard G., Pixabay License

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Rotger Kindermann

Journalist seit 1970 in Köln und Bonn. Heute freier Korrespondent beim „Luxemburger Wort“, „Der Mittelstand“ u.a. Vizepräsident der European Journalists Ass. (EJ), seit 2003.


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