Traum - Symbolbild

Gegen das Vergessen: Wolfgang Hildesheimer: Tynset

Zum Verständnis dieses literarischen Werkes (der Autor wollte es nicht als Roman verstanden wissen), das 1965 erschien, sind einige wenige biographische Informationen hilfreich. Hildesheimer (1916-1991) kommt aus einem jüdischen Elternhaus; seine Eltern waren schon vor der Nazizeit kosmopolitisch orientiert und in verschiedenen Ländern unterwegs bzw. ab 1933 auf der Flucht. Auch die Lebensgeschichte des Sohnes ist vom Wechsel der Lebensorte geprägt: er geht von Deutschland in die Niederlande, nach England, Schweiz und Italien, schließlich vorübergehend nach Palästina, um nach Kriegsende nach Deutschland zurück zu kehren. Doch auch wieder nur befristet: Aus politischen Gründen verlässt er für immer dieses nach wie vor vom Antisemitismus kontaminierte Land (so Hildesheimers auf Erfahrung gegründete Überzeugung) und lebt seit 1957 in der Schweiz und in Italien. Entsprechend sprachmächtig und mehrsprachig ausgestattet, hat Hildesheimer als Übersetzer von deutschsprachiger Literatur ins Englische und englischsprachiger ins Deutsche gearbeitet: er übertrug u.a. Werke von Stefan George, Kafka, Joyce, Beckett. Zudem machte sich Hildesheimer einen Namen mit eigenen literarischen Werken. Für Tynset erhielt er den Büchner-Preis und den Bremer Literaturpreis. Sein Schreiben zählt zur Literatur des Absurden, die von der Vernunftwidrigkeit des Daseins und der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz ausgeht. 

Der Titel bezeichnet sowohl eine reale Ortschaft in Norwegen als auch einen imaginären Fluchtpunkt, Rätsel, Traum und Chiffre ineins. Der Ich-Erzähler, ein Schlafloser, unterbreitet seine Gedanken, Erinnerungen, sinnlichen Wahrnehmungen, Phantasien, Ängste und Traumata, die in ihm aufsteigen während einer durchwachten Nacht, in Form von ineinandergreifenden, assoziativ verknüpften Monologen. Der ältere Mann lebt allein in einem großen Haus, unter dessen Dach außer ihm nur noch Celestina, seine trunksüchtige und frömmelnde Haushälterin, weilt. Er ist zutiefst einsam, ohne dass er diese Einsamkeit und Verlassenheit thematisiert oder beklagt. Der Grundton seiner Selbstgespräche ist von Melancholie und Resignation gefärbt, ja von einer Verzweiflung über die Last des Lebens, die er allerdings mit Gelassenheit und Würde erträgt.

Wenn ihm alles was kommt willkommen ist und er seinen Standort als Mitte bezeichnet, so zeugt dies von einer gewissen Gleichgültigkeit, die aber als Freiheit erfahren wird:

Standort? Wo stehe ich denn? Wo? Hier – nirgendwo. Nirgendwo, der einzige Ort, an dem ich atmen kann, frei, von allem gelöst, von nichts bedrängt als von Witterung. Keine Gespräche zu führen, keine Aufträge auszuführen, kein Urteil zu fällen, keine Schuld zu tragen, kein Handwerk zu meistern …, zu keinem Gott zu beten … keinen Weg zu gehen als den durch die Gärten, sonst nichts, nichts -, ich lasse mich tragen, bis ich nicht mehr bin.

Was hier bereits als Belegstelle des Absurden anklingt, man könnte es auch – frei nach Heidegger – die existentielle Geworfenheit nennen, findet sich in vielfältiger Ausmalung: Da gibt es ein Telefon, dem die Sprechmuschel fehlt, ein Gerät nur zum Horchen. Oder: In seinen durchwachten Nächten greift der Erzähler zum Telefonbuch, um es ausgiebig zu studieren. Oder: Unter dem Abschnitt Die Hähne Attikas berichtet der Erzähler, wie er sich einmal über Nacht heimlich auf der Akropolis vom Wächter einschließen lässt, um im Morgengrauen selbst mit einem lauten, echoerzeugenden Kikeriki die Hähne der Umgebung zum Krähen zu motivieren, und zwar mit Erfolg.  Oder: In seinem Haus gibt es zwei Betten: ein Sommerbett und ein Winterbett; der Erzähler stellt diese Betten ausführlich in ihrer jeweiligen Herkunfts- und Benutzungsgeschichte vor – das Winterbett gehörte vor langer Zeit dem Abkömmling eines alten Fürstengeschlechtes und war im Wechsel seiner Nutzer ein Bett von Mördern, des Todes und der Liebe, bevor er es antiquarisch erwarb. Auch im Sommerbett, ebenfalls ein antikes Stück, wurde gehurt und gemordet; erzählt wird die Geschichte einer Nacht, als die Wirtin eines Gasthauses aus Geldgier dieses Bett gleichzeitig an einen jungen Soldaten, einen Geistlichen und eine an Syphilis erkrankte Prostituierte vermietet – diese Dreierkonstellation, die Hildesheimer die Fuge nennt, endet tödlich.

Tod und Sterben bilden weitere Motive im Werk. Der Erzähler verwendet den Tod als Metapher, um wahrnehmbar zu machen, dass man schon vor dem physischen Tod andere Tode sterben kann. So, wenn er beispielsweise über die Entwicklung der Städte räsoniert, die sich als Trabantenstädte Krebsgeschwüren gleich ausbreiten und für Verwüstungen sorgen, an denen der Mensch zugrunde geht.

Hier war ein Tod, der Tod in der Wüste, der Tod von vielen, von all denen, die ich mein ganzes Leben lang erfahren habe, ein Tod, der dazu dient mir einzubläuen, was Leben bedeutet: Täuschung und Trug und Demütigung. Einer der vielen Tode, die ich schon zu sterben bereit war und vielleicht gestorben bin.

Ich bin oft gestorben, jetzt allerdings sterbe ich seltener, aber einmal muß es das letzte Mal sein.

Es ist nicht nur die moderne Zivilisation mit ihren Molochen aus Beton, die die Städte unwirtlich machen, sondern zur ganzen Last des Lebens, die der Erzähler zu tragen hat, gehören lebenslang erfahrene Täuschung und Demütigung, in der Erinnerung aufbewahrt und immer wieder evoziert, die ihn oft schon haben sterben lassen.  

Im Haus gibt es einen Geist, nämlich Hamlets Vater, der stumm und steif am Treppenabsatz dasteht und den Erzähler an seinen eigenen Vater denken lässt, um den Unterschied auszumachen: Mein Vater war anders, … war ein besserer Mann als dieser da, … er hält nicht, wie dieser hier, nach Möglichkeiten einer Rache Ausschau, obgleich sein Ende nicht so sanft war wie das Ende dieses Mannes hier, nein, kein Gift bei einem Nachmittagsnickerchen ins Ohr geträufelt, er ist nicht sanft ins Jenseits herübergeschlummert, sondern erschlagen von christlichen Familienvätern aus Wien oder aus dem Weserland.

Mit Hinweisen wie diesem ruft Hildesheimer die Verbrechen und Gräueltaten des Naziregimes in Erinnerung, denen auch sein Vater zum Opfer fiel; ein jüdisches Leben in Deutschland endete durch bestialische Gewalt. Auch in der Erzählung über eine Autofahrt quer durch Wilhelmstadt (ein Phantasiename für Hannover oder irgend eine andere Landeshauptstadt in Deutschland) enthält Anspielungen auf die potentiellen Täter der Nazizeit: wenn der Erzähler an einer Ampel halten muss, vermeidet er den Blickkontakt zu anderen Fahrern, weil er Schläger und Mörder hinter dem Steuer vermuten muss und darüber Einblicke in furchtbare Vergangenheiten erlangt. Quälende Erinnerungen überkommen ihn auch beim Betrachten vom Lampenschirmen: Wo war es, daß ich Lampenschirme sah, aus heller menschlicher Haut, verfertigt in Deutschland von einem deutschen Bastler, der heute als Pensionär in Schleswig-Holstein lebt?

Mit solchen punktuell präzise gesetzten Pfeilen der Aufmerksamkeit versieht Hildesheimer seinen Text, an denen die Literatur des Absurden in bittere Wahrheiten umschlägt – was in Deutschland und in den Konzentrationslagern im Osten Europas unter der Naziherrschaft geschehen ist – wie hier die Verwendung menschlicher Haut von ermordeten Juden zu Gebrauchsgegenständen wie Lampenschirmen – verlangt den Stilwechsel in brutalen Realismus.

Um die Bandbreite der verwendeten Stilmittel aufzufächern, sei auf den Abschnitt über einen Kardinal, also einen kirchlichen Würdenträger, verwiesen:

Dieser Kardinal – jetzt erinnere ich mich, daß ich ihn einmal gesehen habe … Ich sah ihn, langsam an der Spitze seines schwarzen Gefolges schreitend, gehüllt in eine weiche Wolke von Unantastbarkeit, er wandelte – nein: seine Schritte waren unsichtbar, er täuschte Schweben vor – er wallte, Weihrauch spendend durch ein Spalier von Menschen, er strich einem stehenden Kind über das Haar, er segnete einen Säugling auf dem Arm seiner Mutter, er segnete rechts und links, er hielt die Hand senkrecht, Daumen nach innen, vor seiner Brust, den Kopf hielt er in dieser geringen Schräge der Demut, als erwarte auch er in jedem Moment einen plötzlichen Segensstrahl vom Himmel, fühlte aber, daß selbst er, letzten Endes ein Sündiger unter Sündigen, dieses Segens nicht würdig sei, und wollte ihn an dieser Kurve der Demut herabgleiten lassen, auf daß er in die Erde fahre und den Ort – Rosenheim – anstatt seiner segne. Er sprach auch hier und dort zu einer Mutter oder zu einem alten Mann, sprach im Ton unendlichen Mitleids, das seinem Partner so galt wie ihm selbst; beide … Weggefährten zwischen den Stationen des irdischen Übergangs, es besagte: bald werden du und ich dieses Dasein überwunden haben, dann geht es uns beiden gut in Gott, bis dahin wollen wir ausharren und tragen, was uns auferlegt ist.

Auch hier spart Hildesheimer die Stilmittel des Absurden aus, um dafür Ironie einzusetzen: So gelingt es ihm, das ganze Brimborium des bischöflichen Auftritts, die Inszenierung des Weihevollen und Erhabenen, die gespielte Demut und vorgetäuschte Ergebenheit wie die scheinhafte Gleichheit des menschlichen Schicksals auf Erden und vor Gott als Unwahrhaftigkeit vorzuführen.

Am Ende des Textes stellt der Erzähler – nachdem das Motiv immer wieder aufgeschienen war – ausführliche Erörterungen über seinen Plan, nach Tynset zu fahren, an. Inzwischen ist er sich nicht mehr sicher, ob es diesen Ort überhaupt gibt, und wenn es ihn gibt, ob er sein Vorhaben überhaupt realisieren will oder kann; zumal, wenn es sich eher um ein phantastisches Gedankengebilde handelt, ein imaginiertes Ziel und Konstrukt, das gar nicht der Realisierung bedarf.

Wer weiß, ob das Tynset der Wirklichkeit – was sage ich: Wirklichkeit? – ich meine: ob das Tynset aus Material, aus Stein und Holz und Fleisch und Blut und Tat und Gedanke, ob dieses Tynset nicht vor meinen Augen entschwindet oder in sich zusammensinkt wie eine fata morgana, wenn ich mich ihm nähere. Und dann stehe ich da, furchtbar getäuscht, und meine Gedanken besäßen wieder eine Freiheit, die ihnen jetzt nicht mehr erwünscht wäre, denn sie haben sich ihrer entwöhnt. Sie schweifen nicht mehr, sie sind stehengeblieben, bei Tynset. Ein starkes Stück Literatur, in welchem der Autor mit den Mitteln des absurden Erzählens so zentrale Motive wie Sinn(losigkeit) des Lebens, Sterben und Tod, Einsamkeit, Flucht, Täuschung, Massenmord und Gewalt, Faschismus und moderne Zivilisation behandelt. Es ist das Verdienst des Suhrkamp-Verlags, dieses Buch mehrmals wiederaufgelegt zu haben, damit es nicht Vergessenheit gerät.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Rogier Hoekstra, Pixabay License

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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