Willy Brandt, Warschau

Haus der Geschichte in Bonn- wo denn sonst?!

Für mich ist das „Haus der Geschichte“ in Bonn eines der besten Museen, die ich bisher gesehen habe. Es ist ein Museum, das unsere, das meine Geschichte erzählt. Wer immer und wann immer aus welchem Teil der Republik uns jemand in den letzten Jahren besucht hat, ging als erstes für eine oder zwei Stunden durch dieses Haus, das jedem Besucher etwas aus seinem Leben zu bieten hat, egal, ob er Mann oder Frau ist, Fußballfan, SPD-Anhänger oder Kohl-Rudi Altigs RennradSympathisant, ein Freund der Grünen, ein Autofan, ob er noch in Erinnerung hat die Bilder, als Armin Hary Weltrekord über die 100 Meter lief, oder ob er sich daran erinnert, wie Rudi Altig Weltmeister auf dem Rad wurde. Der historisch interessierte Zeitgenosse liest den berühmt gewordenen Zettel von Günter Schabowski, er wird an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 erinnert, die Zeit der Gastarbeiter wird dem Besucher im Bild erklärt, die ab Mitte der 50er Jahre kamen, um zu arbeiten-  und viele von ihnen blieben, sie wurden Deutsche.

Vor ein paar Tagen feierte man im „Haus der Geschichte“ das 25jährige Bestehen dieses Museums, die Bundeskanzlerin war gekommen, sie hielt eine Rede und machte damit deutlich, welche Bedeutung dieses Haus für Parlamentarischer Ratdie Deutschen besitzt. Und mit ihrer Anwesenheit unterstrich die Kanzlerin Angela Merkel zugleich auch die Rolle der heutigen Bundesstadt Bonn, die ja mal Bundeshauptstadt war, wenn auch nur als Provisorium, in Vertretung der alten Reichshauptstadt Berlin. 40 Jahre spielte Bonn die Rolle der politischen Zentrale, hier fielen die politischen Entscheidungen, die der Bundesrepublik den Rahmen gaben, hier wurden die Fundamente gelegt für die Republik, für die Erfolgsgeschichte des westlichen Deutschlands. Eine bessere Republik gab es bisher nicht- dies sei hier betont gerade in einer Zeit, da vieles in Frage gestellt wird. Bonn war nicht Berlin, viel kleiner, bescheidener, aber mit rheinischem Charme.

Eine Idee von Helmut Kohl

Vor gut 25 Jahren wurde das Haus offiziell eröffnet. Der Beschluss dazu war aber schon Jahre vorher gefallen. Bundeskanzler Helmut Kohl, nach dem in Kürze ein Stück der am Museum vorbeiführenden Straße benannt werden soll, hatte die Idee zu einem Museum schon im Jahre 1982 angeregt  in seiner ersten Regierungserklärung. Damals war die Wiedervereinigung kein Thema, man sprach darüber in Sonntagsreden, die niemand ernst nahm. Wer glaubte denn schon an den Fall der Mauer? Bonns Status als Hauptstadt der Bundesrepublik schien auf unabsehbare Zeit gesichert. Diesem Provisorium sollte eine gewisse historische Unterfütterung gegeben werden, erläurte kürzlich der Professor für Neuere Geschichte, Christoph Nonn. Und dass dieses Museum zunächst das Bild einer sehr erfolgreichen Bundesrepublik spiegelte, entstanden auf den Ruinen, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, eine nach der Nazi-Diktatur geglückte Demokratie mit Hilfe der westlichen Alliierten, eine Wirtschaftsmacht, die wie ein Wunder wirkte, dieses vielleicht anfänglich zu einseitige Bild ist durchaus verständlich.

1987 begründete Kohl den Bau eines solches Museums mit den Worten, für jedes Volk sei Geschichte Quelle der Selbstvergewisserung, deshalb sei die Pflege von Kultur und Geschichte auch eine nationale Zukunftsaufgabe. Die Bauarbeiten begannen schließlich im September 1989, wenige Wochen vor dem Fall der Mauer. Eingeweiht wurde das Haus der Geschichrte durch eben Helmut Kohl am 14. Juni 1994, fünf Jahre nach dem Mauerfall, die DDR gab es nicht mehr, sie war der Bundesrepublik beigetreten, wie es hieß, nach hartem Ringen gewann Berlin die Abstimmung um die Hauptstadt gegen Bonn. Mit der Einweihung des „Hauses der Geschichte“ wurde ein „Schlusstein der Bonner Republik“ gesetzt, wie es das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ formulierte. Dass der eine oder andere dieses Museum lieber in Berlin hätte, geschenkt. Es gehört nach Bonn. Hier steht es. Punkt.

Jedes Jahr 650000 Besucher

Käfer, VWWas dann folgte, war wiederum eine wundersame Erfolgsgeschichte, eine Geschichte eines erfolgreichen Museums. Jahr für Jahr besuchen rund 650.000 Menschen das Haus der Geschichte, es mag sein, dass der freie Eintritt manchen Besucher zusätzlich ins Museum lockt. Zählt man die Außenstellen in Leipzig und Berlin-dort ist es der Tränenpalast- dazu, sind es 1,2 Millionen Besucherinnen und Besucher jährlich.

Die Idee des „Hauses der Geschichte“ war von Anfang an eine Sammlung zur deutschen Geschichte seit 1945. Und so ist es mit kleinen Veränderungen geblieben, wenngleich man sagen muss, dass die Dauerausstellung nach langen Umbauten 2017 aktueller, internationaler und emotionaler geworden ist. Die Zeit von den 80er Jahren bis in die Gegenwart sei völlig erneuert worden, erklärte der Präsident der Stiftung „Haus der Geschichte“, Prof. Dr.  Hans Walter Hütter.

US JeepJedes Objekt müsse eine Geschichte erzählen, sagte Hütter. Und das tut es für nahezu jeden Geschmack und Besucher fast jeden Alters. Ob das der Jeep ist, der am Eingang zur Dauerausstellung steht, der auf den Einmarsch der Allierten und deren Sieg über die braune Diktatur hinweist, ob es das Care-Paket ist, von denen es im damals hungernden Deutschland Millionen gab, die von Amerika nach Deutschland verschickt wurden, ob man den Zahnarztstuhl nmmt, der während der Luftbrücke nach Berlin eingeflogen wurde und der auf seine Art die Mangelversorgung der eingeschlossenen Stadt demonstriert. Zu sehen ist der VW Bulli, ein Zeugnis aus der Flower Power und Hippiezeit.   Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Wölki überließ dem Museum ein Boot aus dem Mittelmeer, das gemeinsam mit anderen Ausstellungsstücken wie Rettungswesten die Massenflucht und das nicht selten tödliche Ende der Flucht übers Meer zeigt.

Objekte über Objekte. Da ist das Tintenfass, das symbolisch für die Unterzeichnung des Grundgesetzes durch Konrad Adenauer steht, aber an jenem 23. Mai 1949 war in diesem Behälter keine Tinte. Also musste Adenauer mit einem bereitliegenden Kolbenfüller unterschreiben. Wer eine kleine Pause einlegen will, kann in den Stühlen des Bundestages Platz nehmen. Er kann sich mit dem Mauerbau befassen, Steine liegen bereit, stählerne Panzersperren ebenso. So war das am 13. August 1961.

Die WAZ mit der Lizenz-Nr. 192

Zeitungslizenz WAZDer Zeitungsleser stösst auf die Anfänge der freien Presse nach dem Krieg, damals war Zeitung aus Papier etwas Wunderbares, die Leute sehnten sich nach Informationen und Beiträgen, die nicht zensiert waren. Sie hatten genug von dem braunen Einheitsbrei, den ihnen Göbbels und Co über Jahre zugemutet hatten. Ein kleines Stück Papier weist auf die Anfänge der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, die „WAZ“, hin, die später auflagenstärkste Regionalzeitung in Deutschland. Die Genehmigung dazu erhielt Erich Eduard Brost, ein Sozialdemokrat aus Danzig, der vor den Nazis durch halb Europa geflohen war und der in London für die deutsche BBC gearbeitet hatte. Brost, ein Mann mit weißer Weste, erhielt vom „Military Government Germany“, der Militärregierung Deutschland,  die „License Zulassung Nr. 192.“ Er wurde mit diesem Papier autorisiert, folgende Tätigkeit auszuführen: die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ zu publizieren. Das Original dieser Lizens hängt hinter Glas im Haus der Geschichte. Ich erwähne das, weil ich noch zu Lebzeiten von Erich Brost bei der WAZ ein Volontariat gemacht habe, dann Redakteur wurde, später Korrespondent des Blattes in Bonn und dann in Berlin.

Nein, das Museum scheibt die Geschichte nicht schön, es zeigt, was es zeigen muss, auch den Umgang mit dem brauen Erbe Deutschlands.  Das wird u..a. thematisiert durch die Auschwitz-Prozesse, wie auch durch die Protokolle des Eichmann-Prozesses, jenes Nazis, der wie kaum ein anderer für den Holocaust, die millionenfache Vernichtung von Juden in ganz Europa durch die Nazis steht. Eichmann wurde in Israel der Prozess gemacht, dort wurde er verhört und hingerichtet. Das Manuskript des Protokolls liegt neben einem Foto aus dem Gerichtssaal. Dann ist da der RAF-Terrorismus, der deutsche Herbst. Oder der Trabi, der VW, die Spikes von Hary, das Rennrad von Altig. Der Dienstwagen von Adenauer, der Sonderzug des Kanzlers.

Der Besucher sollte sich Zeit nehmen, zwei Stunden braucht man für einen Rundgang. Es lohnt sich eine Führung zu machen. Und wie gesagt: Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag von 9 bis 19 Uhr. Haus der Geschichte:  Museumsmeile, Willy-Brandt-Allee 14, 53113 Bonn

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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