Helmut Schmidt

Helmut Schmidt zum Hundertsten – Soldat – Kanzler – Ikone. Aber wer über Schmidt redet, kommt an Willy Brandt nicht vorbei

Am 23. Dezember würde Helmut Schmidt 100 Jahre alt werden, gestorben ist er mit 96 Jahren im Jahre 2015. Die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt  aus diesem Anlass in ihrem Haus in Bonn eine kleine Foto-Ausstellung mit Bildern des Bonner Fotografen Jupp Darchinger über den Hamburger, wie man ihn kannte: als Krisenmanager und zupackenden Innensenator der Hansestadt bei der Bewältigung der Sturmflut, als Kanzler und Nachfolger von Willy Brandt, als Klavierspieler, Segler, als Redner und Schmidt-Schnauze, als Weltökonom, der die anderen belehrte, als der letzte Raucher, als Ikone des Jahrhunderts.  Und weil das nicht reicht, hat die Stiftung den Journalisten und Schmidt-Biografen, Gunter Hofmann sowie den stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich aus Köln eingeladen, um unter der klugen Leitung von Meik Woyke, Referatsleiter im Archiv der sozialen Demokratie der Stiftung, über Helmut Schmidt zu diskutieren, Schmidt als Soldat der Wehrmacht, als Kanzler der Bundesrepublik(1974 bis 1982) und als Ikone, zu der er verklärt wurde nach dem Verlust der Macht. Und gekommen waren ein paar Hundert aus der Schmidt-Zeit, Mitarbeiter, SPD-Mitglieder, Zeitgenossen, die Männer ergraut oder mit nur wenigen Haaren auf dem Kopf, der eine oder andere mit dem Stock, andere mühsam gehend, aber viele hellwach. Und wenn man sie ansprach auf Schmidt und Brandt, kam die Antwort: „Das waren noch Zeiten.“

Hemut Schmidt und Erich HoneckerSehr schnell zeigt sich, dass, wer über Helmut Schmidt redet, an Willy Brandt nicht vorbeikommt. Zwei große Sozialdemokraten des vergangenen Jahrhunderts, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Freunde, Rivalen, Kontrahenten, die miteinander Politik machten, nebeneinander und auch gegeneinander. Gunter Hofmann, Korrespondent der „Zeit“ schon in Bonn und später in Berlin, wählt beim Vergleich der beiden SPD-Persönlichkeiten das Bild: Schmidt habe auf den Schultern von Willy Brandts Politik aufbauen können. Will sagen: Brandt, der Nazi-Verfolgte, der in die Emigration ging und der deswegen in der Bundesrepublik auch übel verleumdet wurde, dieser Brandt sorgte mit seiner Politik und seinem persönlichen Verhalten, dem Kniefall in Warschau wie der Ostpolitik, mit der er um Vergebung bat, um Versöhnung zwischen den Völkern zu erreichen, dafür, dass Deutschland wieder anerkannt wurde im Kreis der Völker, die unter den Nazis gelitten hatten. Dies war die Grundlage, auf der einer wie Helmut Schmidt seine Politik aufbauen konnte,  Deutschlands Stellung in der Welt zu verbessern, aufzurücken in die erste Reihe- neben Frankreich zum Beispiel, der Siegermacht, die aber zum engsten politischen Freund Deutschlands geworden ist.

Verbrechen der Wehrmacht verdrängt

Wer Helmut Schmidt je begegnet ist, hatte spätestens danach größten Respekt vor dem SPD-Mann, vor seiner Präsenz und seinem Intellekt, seiner Disziplin und hohen Verantwortung, die man wohl als preußische Tugenden würdigen kann. Beginnen wir, wie das die beiden Diskutanten auf dem Podium der Friedrich-Ebert-Stiftung taten, mit Schmidts Soldatenzeit, über die er später, viel später oft geschimpft hat, weil er den Krieg als „Scheiße“ empfand, auch wenn er ihn einigermaßen gut überlebt hatte. Man kann ihn sicher als verführten bezeichnen, als einen, der sich wie Millionen andere auch früh hatte von den Nazis und ihrer Propaganda verführen lassen, die zunächst an Hitler und sein Programm geglaubt hatten. Man vergesse nicht die schweren Zeiten, die damals herrschten, die Weltwirtschaftskrise steckte den Menschen noch in den Knochen, die Arbeitslosigkeit war riesig. Und dann kam eben einer wie Hitler. Dass dann alles anders wurde als erträumt, ist eine andere Sache. Dass die Nazis Millionen Juden in Konzentrationslager deportieren und sie vergasten, erschlugen, folterten, dass sie einen Vernichtungskrieg gegen Polen und die UdSSR führten mit dem Ziel, die sogenannten Untermenschen umzubringen, das alles will Schmidt, so hat er später mehrfach betont, nicht gewusst haben.

Er hat darüber auch mit Richard von Weizsäcker diskutiert und Marion Gräfin Dönhoff, seiner Kollegin bei der „Zeit“, die ihm das bei allem Respekt nicht abnehmen wollten. Es mag ja sein, dass der Soldat Schmidt davon wenig bis nichts erfuhr, aber nach dem Krieg, spätestens mit den Auschwitz-Prozessen wurde allen die Augen geöffnet. Schmidt muss das verdrängt haben, anders kann ich mir seine Ablehnung der Wehrmachts-Ausstellung in den 90er Jahren nicht erklären. Die Fakten sind eindeutig. Er muss es verdrängt haben. Spätestens mit den brennenden Synagogen in Deutschland wusste jeder, dass die Nazis Jagd auf Juden machten, sie entrechteten, wegsperrten, verschleppten, viele müssen die Züge gesehen oder gehört haben, die mit den Opfern nach Auschwitz rollten. Der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt konnte niemandem verborgen bleiben, die Berichterstattung namhafter deutscher und ausländischer Historiker lässt keine Zweifel zu.

Ich habe Helmut Schmidt  Ende der 70er Jahre erlebt als Kanzler, wenn er irgendwo auftrat und redete. Er zog die Menschen an, die ihn schätzten, seine Berechenbarkeit, die sich sicher, gut aufgehoben fühlten in der Kanzlerschaft des Hamburgers. In seine Regierungsjahre fielen eine Reihe von Krisen, darunter die Ölkrise, die er managte und die Deutschland besser überstand als seine Nachbarn. So wurde er der Lotse, der das Schiff der Republik durch schwere Wasser leitete, ohne an Klippen zu zerschellen. Er war der Mann, der nicht lange fackelte und entschied wie im Fall der Hochwasser-Katastrophe in seiner Heimatstadt Hamburg 1962, als er die Bundeswehr zu Hilfe holte, um Schlimmeres zu verhüten. „Es waren lauter aufgeregte Hühner“, hat er später die Situation geschildert. „Einer musste die Sache in die Hand nehmen.“ Hunderte  von Menschen waren in den Fluten umgekommen. Den Ruf des Machers hat er sich damals erworben.

Ein großer Schauspieler am Pult

Schmidt-Schnauze war sein Spitzname, den er sich redlich verdient hatte in denen aktiven politischen Jahren. Er konnte Leute an- oder über den Mund fahren, sie zusammenstauchen oder vom Rednerpult des Bundestages ziemlich arrogant den Oppositionsführer mit „Herr Abgeordneter, Dr. Kohl“ anreden. Dann hatte er die Lacher und Bewunderer seiner Fraktion schnell hinter sich. Er war ein guter Schauspieler, der seine Reden zelebrierte wie ein Hochamt. Gerade so, als spräche jemand „ex cathedra“. Mit schneidiger Stimme konnte er sich Gehör und Respekt verschaffen. Als die FDP seine Regierung im Laufe des Jahres 1982 verließ, warf er ihr im hessischen Wahlkampf vor, sie betreibe „Verrat“ und gehöre „weggeharkt“. Schließlich hatten die Liberalen im Wahlkampf 1980 mit dem Slogan um Stimmen geworben: FDP wählen, damit Helmut Schmidt Kanzler bleibt. Die FDP wollte Strauß verhindern.  Das schaffte sie. Die Macht in Wiesbaden konnte damals Holger Börner gegen den CDU-Mann Alfred Dregger verteidigen. Schmidt verlor gegen Helmut Kohl und mit Hilfe der FDP durch ein konstruktives Misstrauensvotum.

Bequem war er nie, einfach Ja und Amen zu sagen, kam für ihn nicht infrage. Er focht eine scharfe Klinge. Deutscher, Europäer, Weltbürger, er war alles in einer Person, die zudem fließend Englisch sprach. Mit Ecken und Kanten hat man ihn erlebt. Was er nicht sehen wollte, weil es ihm nicht gefiel, fand halt nicht statt, gab es nicht, spielte keine Rolle. Hatte Willy Brand noch die unruhige Studentenbewegung in den 60er Jahren der SPD nahegebracht, so ignorierte Schmidt die Friedensbewegung ebenso wie die Umweltfreunde, die die politische Szene bereicherten und der SPD viele Stimmen abnahmen. Willy Brandt war diesen zumeist jungen Menschen näher wie auch einer wie Erhard Eppler. Für den Macher aus Hamburg war das eine fremde Welt. Wer Visionen habe, möge zum Arzt gehen, beschied er entsprechende Vorstöße von Linken und anderen.

Helmut Schmidts Regierungsjahre hatten unsichere Zeiten zu durchlaufen. Der deutsche Herbst, der Umgang mit den Terroristen der RAF war vielleicht die schwerste Krise seiner Laufbahn. Man denke an die Entführung der „Landshut“ und deren Befreiung durch die GSG 9. Dann die Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hans-Martin Schleyer, dessen Fahrer und Bodyguards durch die Terroristen kaltschnäuzig abgeknallt wurden, später erschossen sie dann Schleyer. Der Kanzler Schmidt hatte die Verantwortung übernommen, musste es der Witwe Schleyer sagen, schlimme Augenblicke im Leben von Helmut Schmidt. Der Tod Schleyers, „an dem wir ganz gewiss mitschuldig waren“, hat ihn schwer getroffen.

Oft über Kreuz mit der SPD

Mit seiner Partei geriet er oft über Kreuz. Man stritt über die Sozial- und Finanzpolitik wie über die Außen-und Sicherheitspolitik, über die Kernkraft  große Teile der  SPD verweigerten ihm die Gefolgschaft beim Nato-Doppelbeschluss. Am Ende seiner Kanzlerschaft stand er mit seinem Verteidigungsminister Hans Apel so gut wie allein. Auf dem Kölner Parteitag folgten ihm nur noch 14 Delegierte. Nicht anders erging es ihm in der Finanz- und Sozialpolitik, wo er erkannt hatte, „dass wir viel tiefer in Leistungsgesetze einschneiden müssten“, um wieder handlungsfähig zu werden. Schmidt wusste, dass seine Partei diesen Weg nicht mitgehen würde.

Dass ausgerechnet der Politiker, der uns Journalisten oft genug als Wegelagerer kritisiert hatte, Herausgeber der „Zeit“ wurde und journalistisch aktiv, hat nicht wenige gewundert. Aber Schmidt wäre nicht Schmidt, wenn er diese Arbeit nicht mit der gewohnten Disziplin, mit Präsenz,  Fleiß und Können  geleistet hätte. Gunter Hoffmann berichtete, der Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt habe die Redaktion der Zeitschrift „als sein Kabinett“ gesehen. Die Frage, ob Schmidt jeden neuen Redakteur bei der „Zeit“ zunächst gefragt habe, „Haben Sie gedient?“,blieb unbeantwortet.

Je älter er wurde, desto mehr wurde er geachtet. Auch die SPD versöhnte sich wieder mit ihm, man lud ihn zu Parteitagen ein, Helmut Schmidt war oft Gast des  Kanzlers Gerhard Schröder , der ihn um Rat fragte. Dann qualmte der Hamburger eine Schachtel Zigaretten und fuhr wieder nach Hause. Das Recht auf seine Zigarette ließ er sich nicht nehmen, es gab Veranstaltungen, da hatte er sich das Recht auf seine geliebte Zigarette zuvor fast schriftlich geben lassen, sonst wäre er nicht gekommen. Angesprochen auf gesundheitliche Fragen im Zusammenhang mit dem Rauchen, hatte er gelegentlich geantwortet, er könne nicht erkennen, dass das Rauchen Einfluss auf seine Gesundheit genommen habe.

Er war ein großer Deutscher, dem Europa am Herzen lag, der dabei aber die Interessen Deutschlands nie vergaß und dessen Stimme in aller Welt über Jahre gehört wurde. Wie bei Willy Brandt. Zwei große Sozialdemokraten, die sich ungeachtet mancher Auseinandersetzung oft genug  ergänzt und gegenseitig unterstützt haben. Viele andere bedeutende Sozialdemokraten prägten diese Jahre mit. Man denke an Fritz Erler, an Carlo Schmid, Alex Möller, Karl Schiller, den schon erwähnten Hans Apel, Hans Matthöfer, Horst Ehmke, Hans-Jürgen Wischnewski, an Hans-Jochen Vogel, Herbert Wehner, Johannes Rau, Peter Glotz, Heinz Kühn, um nur ein paar zu nennen aus diesem beinahe sozialdemokratischen Zeitalter, hätte ich fast gesagt. Und heute? Ich habe am Rande der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung die Frage nach den Nachfolgern gestellt, nach Andrea Nahles und Olaf Scholz. Alle haben nur noch enttäuscht abgewunken. Kümmerlich, meinte jemand. Anderes verschweige ich lieber.

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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