Werner Höfer

Köln, 20. Dezember 1987, WDR

Der Sturz war tief. Aber der Mann mit der hohen Stirn, der dunklen Brille und der sonoren Stimme inszenierte sein Ende an diesem 20. Dezember 1987, als gehe es ihn nichts an. Sonntags um zwölf, ARD. Pflichttermin für politikversessene Hörer und Fernsehzuschauer seit 1952 – seit Werner Höfer, der auch schon in jungen Jahren der Republik weise wirkende Moderator, die Sendung »Internationaler Frühschoppen« erfunden hatte.

Sonntag für Sonntag lieferte der 1913 in Kaiseresch geborene Journalist, Theater-und Zeitungswissenschaftler Politikerklärung für jeden. Bevor der Sonntagsbraten im Wirtschaftswunderland auf den Tisch kam, erst die Debatte mit einer international besetzten Journalistenrunde. Und mit Werner Höfer, dem Mann, der zur Interpretation nationaler und internationaler Krisen immer die besten Medienvertreter versammelte. Der »Internationale Frühschoppen« war Instanz, Urmutter aller Talkshows. Und Werner Höfer, ein charismatischer Talkmaster – lange bevor es diesen Titel im deutschen Fernsehen gab. Oft zog er einmal mehr an der Zigarette, genoss einen Schluck Riesling, bevor er der Runde dezidiert seine Meinung kundtat. Er hat-te immer eine und war so von sich überzeugt, dass er damit nicht kokettieren musste. Er musste nicht Recht behalten, weil er in seinem Bewusstsein immer Recht hatte.

Nie gönnte er sich eine Auszeit. Urlaub von seinem Sendungsbewusstsein gab es nur von Sonntagnachmittag zum kommenden Samstag. Ausspannen für ein paar Tage auf Sylt. Um dann die Republik wieder mit kritischem Diskurs aus internationaler Sicht zu überziehen. Die Sendung war sein Markenzeichen. Er prägte wie kaum ein anderer den Aufbau des WDR als Regionalsender, schuf dessen drittes Fernsehprogramm, wurde sein Leiter und, von 1972 bis 1977, Fernsehdirektor des WDR. Eine steile Karriere, die er in den siebziger Jahren am liebsten mit der Berufung als Intendant gekrönt hätte. Das Amt blieb ihm verwehrt.

Vielleicht, weil schon zu jener Zeit seine Vergangenheit als Journalist während des Nationalsozialismus Fragen aufwarf. Dass er bereits 1933 in die NSDAP einge-treten war, wusste man. Dass er, vom Wehrdienst freigestellt, 1941 Pressereferent der paramilitärischen Organisation Todt, eines nationalsozialistischen Bautrupps wurde und, als freier Journalist, Rezensionen für die von den Nazis geführte Berliner Zeitung Das 12-Uhr-Blatt sowie für die NS-Propagandazeitschrift »Das Reich« schrieb, auch. Eine Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus, wie sie von vielen Journalisten, die im  Nachkriegsdeutschland Karriere machten, bekannt war und stillschweigend hingenommen wurde.

Erste Hinweise, dass es sich bei den Beiträgen Höfers für die Nazi-Blätter nicht nur um harmlose Feuilletons gehandelt hatte, lieferte 1962 die Kommission für Agitation und Propaganda beim Zentralkomitee der SED. Sie veröffentlichte einen Artikel Höfers im 12-Uhr-Blatt vom 20. September 1943, in dem er für die Hinrichtung des jungen Pianisten Karlrobert Kreiten wegen Wehrkraftzersetzung Verständnis zeigte. Der 27-jährige war zum Tode verurteilt worden, weil er am von den Nazis propagierten Endsieg Zweifel hegte. In Höfers Artikel hieß es dazu: »Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, daß einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen. Das Volk fordert vielmehr, dass gerade der Künstler mit seiner verfeinerten Sensibilität und seiner weithin wirkenden Autorität so ehrlich und tapfer seine Pflicht tut, wie jeder seiner unbekannten Kameraden aus anderen Gebieten der Arbeit. Denn gerade Prominenz verpflichtet.«

Da die Vorwürfe aus der Propagandaschmiede der DDR kamen, nahm man sie zunächst nicht wirklich ernst. Es reichte zur Entlastung, dass Höfer äußerte, solche Passagen habe man in seinen Text hineinredigiert. Bei dieser Version blieb er auch, als Ende der siebziger Jahre Welt und Bild die Vorwürfe konkretisierten. Er sei kein Widerstandskämpfer gewesen, räumte er ein, aber ein Schreibtischtäter auch nicht.

Erst als der Spiegel im Dezember 1987 mit Unterstützung eines Klassenkameraden von Karlrobert Kreiten durch neues Material die Version Höfers entkräftete, sein Text sei von der Zensur verändert worden, war das Karriereende des Mannes, der 1943 die »Hinrichtungshymne« auf den 27-jährigen Pianisten geschrieben hatte, nicht mehr abzuwenden. Auch deshalb nicht, weil der sonst so pointiert argumentierende Fernsehmann voller Ignoranz nicht über seine Verfehlungen sprechen wollte.

Eine Woche nach der Spiegel-Veröffentlichung lud er, als sei nichts gewesen, zu einem »Frühschoppen« zur Stahlkrise im Ruhrgebiet ein. Geladene Gäste wie Günter Hammer, Chefredakteur der Ruhrgebietszeitung Westfälische Rundschau und lang-jähriges Mitglied im WDR-Verwaltungsrat, wollten nur ins Kölner Funkhaus kommen, wenn Höfer zu Beginn der Sendung eine Erklärung zu seinen NS-Veröffentlichungen abgebeben würde. Der ließ sie abfahren.

Ein alter, uneinsichtiger Mann, der nicht wahrhaben wollte, dass ihn seine NS-Vergangenheit 44 Jahre später eingeholt hatte. Er gab sich wie ein unabhängiger Beobachter der eigenen Verfehlungen. »Ja, die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Überraschungen, der angenehmen wie der unangenehmen. Diese Runde bleibt davon nicht verschont.« So leitete er den »Frühschoppen« Nummer 1.847 ein. Es sollte sein letzter werden.

Der WDR entband ihn von der Moderation. Das war nicht nur das Berufsende Höfers, sondern auch das des »Frühschoppens«. Denn auf diesen Titel hatte der Mann, der den Deutschen über Jahrzehnte Politik erklärt und nahegebracht hatte, das Copyright.

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, B 145 Bild-F021190-0024 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0

 

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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