Man muss immer etwas wollen … Mein letzter Besuch beim Dramatiker Rolf Hochhuth

Vor wenigen Wochen noch saß er mir in seiner bescheidenen Wohnung an der Berliner Wilhelmstraße, unweit des Bundestages, umrahmt von Zeitungsstapeln, gegenüber: Der kürzlich verstorbene Dramatiker Rolf Hochhuth. Diesmal beim Tee, den Schnaps hatte Friederike, seine ihn umsorgende Nichte, verboten. In Westdeutschland wurde der Schriftsteller erstmalig durch seine Kritik an der Sozialpolitik von Bundeskanzler Ludwig Erhard bekannt. Der keilte vor dem Wirtschaftstag der CDU in Düsseldorf zurück: „Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.“ Weltruhm erlangt Rolf Hochhuth durch sein Theaterstück „Der Stellvertreter“ in dem er das Schweigen von Papst Pius XII über den Holocaust geißelte. Damit traf der nicht nur alle Mitwisser sondern auch die aktuellen Gegenwartskonflikte zwischen Recht und Unrecht. Die oft zu große Kluft zwischen Moral und den Gesetzen. Die Literaturkritiker fanden die Zeitstücke zur deutschen Einheit „Wessis in Weimar“ oder „McKinsey kommt“ zu wenig literarisch. Eine Edelfeder war er nicht. Manchmal raufte er sich mit Regisseuren und Schauspielern um einzelne Sätze die schlecht zu sprechen waren. Jedes Wort war ihm wichtig. Er wollte Einfluß auf die Politik nehmen.

Er wird uns fehlen: Ein Streiter für eine gerechte Republik

Vor mir saß ein 89jähriger Kämpfer, dem es gelang ein Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser durchzusetzen. Jetzt will er noch ein Theaterstück über Georg Elser schreiben. Warum ein neues Theaterstück frage ich ihn. Es gibt doch schon ein Stück von Peter-Paul Zahl. „Ja, aber ohne aktuelle Bezüge.“

Ich denke, er Elser war der Einzige von knapp 80 Millionen Deutschen, der die Katastrophe vorausgesehen hat.

Wie konnte dieser Einzelgänger die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaustes vorausahnen?

Rolf Hochhuth legt richtig los: „Die Judenvernichtung war ja gar nicht absehbar, davon wusste er nichts. Es gab die so genannte Reichskristallnacht, die ließ aber noch keinen Schluss auf Auschwitz zu. Diese Idee, die Juden tatsächlich zu ermorden, hatte Hitler zwar schon in Mein Kampf, wo er sinngemäß davon spricht, dass man im Ersten Weltkrieg „schon mal einige Zehntausend dieser Hebräer unter Giftgas hätte setzen sollen“. Aber sie wirklich zu töten, diese letzte Hemmung fiel erst von ihm, als er in sechs Wochen Frankreich überrannt hatte.

Was erinnert heute in der Bundesrepublik an den Widerstandskämpfer Elser?

München hatte inzwischen, immerhin schon früh einen Elser-Platz und auch sein Heimatdorf eine Elserstraße. Aber wie die Deutschen sich ihm gegenüber verhalten haben, das ist vollkommen abstoßend. Er, der am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde, gehört in die Erinnerungskultur des deutschen Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur. In der Bibel steht: „Die Letzten werden die Ersten sein.“

Nur ein großer Rasenplatz und allein darauf das Denkmal Elsers. Das hat eine geradezu symbolische Bedeutung und ich frage Sie, was sollte man dort errichten, wenn nicht das? Eine Wäscherei, ein Kaufhaus? Ich habe ein Gedicht geschrieben, das heißt Völker sind, wie ihre Häuptlinge bauen. Sie müssen sich das einmal vorstellen: Diese Fläche zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt ohne ein einziges Denkmal, nicht ein Brunnen, gar nichts. Wir sind eine kulturell äußerst primitive Nation geworden. Wir bauen ein Elisabeth-Lüders- und Paul-Löbe-Haus neben dem Reichstag, länger als der Reichstag und doppelt so hoch wie das Brandenburger Tor. Eine Nation ohne Maßstäbe. Es gibt sehr wenige Denkmäler in Berlin, mit denen an die Verbrechen der NS-Diktatur erinnert wird. Es gibt die Hinrichtungsstätte Plötzensee, das ist kein Denkmal. Es gibt auf dem Hof des Bendlerblocks von Richard Scheibe das Denkmal, das einen gefesselten Nackten zeigt. Aber sonst gibt es keine Denkmäler.

Es wurde hier vor meiner Haustür in der Wilhelmstraße errichtet. Ich war für den Platz zwischen Kanzleramt und Reichstag. Hier ist es zu unauffällig. Hat keine Wirkung.

Rolf Hochhuth hat es geschafft

Seiner zähen Beharrlichkeit verdankt Berlin ein Denkmal für Georg Elser. Aber es gelang ihm nicht, es zwischen den Reichstag und das Kanzleramt zu platzieren. Die Erinnerung an den Hitler-Attentäter steht jetzt fast vor Hochhuths Wohnung und ist für den Berlin-Besucher schwer zu finden. Es steht fast in keinem Reiseführer. Warum eigentlich?

Rolf Hochhuth
Rolf Hochhuth schreibt eine Widmung für den Autor Hans Wallow in sein letztes Buch „Bei Coco Chanel.“ Es handelt von einem Treffen der Mode-Ikone mit Marlene Dietrich, Jackie Kennedy und Igor Strawinsky. Es ist der 6. Juni 1968, der Tag an dem Jackie’s Schwager, der US-Senator Robert F. Kennedy ermordet wurde.

Rolf Hochhuth war ein Freund, der aufrichten konnte. Ein Streiter für eine gerechte Republik. Er verließ uns am Mittwoch, den 13. Mai 2020 in Berlin-Mitte. Draußen umgeben von flinken Lobbyisten, vorgestanzten Reden in Konferenzen, unweit des blubbernden Sprechblasenfestival des Bundestages erlosch ein Leuchtturm „ein uneitler Patriot“. Seinen Ratschlag: „Du musst immer etwas vorhaben“ habe ich noch im Ohr.

Bildquelle: Bilder im Text: Hans Wallow, Titelbild: Wikipedia, Rolf Hochhuth nach einer Lesung seines Buchs „McKinsey kommt“ im Duisburger Kleinkunsttheater „Die Säule“, am 25. April 2005. (Ausschnitt vom Originalfoto; fotografiert von BlackIceNRW.)

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Hans Wallow
Über  

bekennender Westfale, Autor und Dozent, 3 Legislaturperioden Mitglied des Bundestages. Wohnhaft im damaligen Bonner Parlamentsviertel. Vorsitzender des Global Club e.V.


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