Zinsen

MILCHMÄDCHEN-RECHNUNG MIT ZINSEN

Schon seit langem sind die Zinsen niedrig. Für den oft besungenen Spargroschen, der auf’s Sparbuch bei der Bank oder Sparkasse gebracht wird, gibt es kaum noch einen Ertrag. Konsumverzicht wird nicht mehr belohnt, wenn das ersparte Geld nicht gewinnbringend angelegt wird.

Am jüngsten Weltspartag rechnete die DZ, die Zentralbank der Volks- und Raiffeisenbanken, in einer Studie aus, dass die niedrigen Zinsen von 2010 bis 2020 zu Einbußen bei Einlagen auf Sparkonten geführt haben, bei Anleihen und Versicherungen insgesamt 732 Mrd. € ausmachen würden. Davon entfielen allein auf Guthaben bei Sparkassen und Banken 386 Mrd. €. Bei dieser Berechnung ging die DZ von einem Nominalzins von durchschnittlich 2,3 % aus, wie es im Zeitraum von 1999 bis 2009 gegeben war.

Zinstief für Spargeld, aber auch für Kredite

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in der Tat die Geldschleusen massiv geöffnet und die Leitzinsen so stark wie nie zuvor gesenkt. Kreditinstitute, die Liquidität bei der EZB „parken“, müssen dafür gar 0,5 % Strafzinsen zahlen. Die Sparer legten derweil immer neue Rekorde hin, brachten hohe Teile ihrer Einkommen zu Sparkassen und Banken; jüngst erreichte die Sparquote gar rund 20 %. Auf der anderen Seite war das Geschäft mit Krediten und Hypotheken keineswegs so dynamisch, dass das Spargeld in Investitionen und Immobilien fließen konnte. Obwohl die Zinsen dafür ebenfalls tief gesunken und die Tränken überreichlich mit Liquidität gefüllt sind, die „Pferde“ saufen einfach nicht wie gewünscht. In ihrer Studie rechnen die DZ-Experten modellhaft vor, dass Kreditnehmer in dem letzten Jahrzehnt gut 350 Mrd. € an Zinsen „gespart“ haben.

Anhaltende Geldflut der EZB

Ohne Zweifel hat die Finanz- und Bankenkrise vor rund 10 Jahren die Volkswirtschaften der Mitgliedsländer des Europäischen Währungssystems (EWS) bereits in eine tiefe Rezession gestürzt. Die lockere Geldpolitik der EZB half entscheidend, die großen Probleme zu lösen, nämlich die Finanzierung der riesigen Staatsdefizite zu ermöglichen, das Konjunkturtal zu überwinden und viele Millionen Arbeitsplätze zu sichern. Die drohende Deflation wurde mit Erfolg abgewendet. Trotz der Geldschwemme war der Euro außerordentlich stabil – mit einer Preissteigerungsrate, die fast durchweg deutlich unter 2 % lag. In früheren Zeiten erhielten die Sparer zwar durchweg höhere Nominalzinsen, doch die wurden zum Teil oder gar voll und ganz von der Inflation weggefressen.

Hohe Realverluste für Sparer

So wurde schon früher das Geldvermögen von Millionen Sparern real mehr oder weniger deutlich entwertet. Einkommenseinbußen waren vielfach die Folge, obwohl das Geldvermögen stetig zunahm – auf inzwischen rund 5.000 Milliarden €. Denn die Zinseinkünfte, die sich vor 10 Jahren noch auf etwa 100 Milliarden € beliefen, machten im vergangenen Jahr gerade noch rund 52 Mrd. € aus. Die durchschnittliche Verzinsung war von 3,1 % in 1999 bis 2019 auf 1,1 % gesunken. Wer gar auf seinen laufenden Konten Bargeld in einer Höhe von 100.000 € und mehr hat, muss inzwischen bei den meisten Banken und Sparkassen Strafzinsen bezahlen, die in der Regel 0,5 % betragen.

Umdenken bei der Geldanlage

Da auch in den nächsten Jahren mit Niedrig-, Null- oder gar Minuszinsen zu rechnen ist, gilt es, das Sparer sich viel intensiver mit der Anlage ihres Geldes befassen müssen, um eben mehr aus ihrem Geld zu machen. Allerdings sollten sie dabei auch etwas mehr Mut zum Risiko entwickeln. Die Anlage in Aktien und Wertpapierfonds bietet gute Chancen für höhere Erträge. Dabei können die Bank oder Sparkasse sowie seriöse Vermögensberater mit ihren Angeboten hilfreich sein. Der private Anleger sollte jedoch nur Produkte kaufen, die er selbst versteht und sich nichts aufschwätzen lassen. Anlagen auf dem grauen Kapitalmarkt führen allzu oft zu hohen Teil- oder Totalverlusten. Hier ist also die größte Vorsicht geboten, vor allem wenn mit Superrenditen verlockende Angebote gemacht werden. Der Einstieg in solide Aktienwerte kann dagegen eine gute Rendite bescheren. Dabei kann jedoch niemand garantieren, dass es mit den Aktienkursen an den Börsen nur nach oben geht. Kursverluste sind durchweg möglich, vor allem wenn sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für manche Branchen und Unternehmen verändern. Bei einzelnen Aktientiteln sollte beachtet werden, „nie alle Eier in einen Korb legen“, also nicht allein auf einen einzigen Wert zu setzen. Denn Geld ist bekanntlich wie Mist uns sollte breit gestreut werden. Das ist durchaus gut möglich, wenn man Anteile an Wertpapierfonds kauft. Die Auswahl ist dabei riesig und reicht von reinen Aktien – über Renten – bis hin zu gemischten Fonds. Damit ist auf jeden Fall eine breite Risikostreuung zu erreichen – wie zum Beispiel bei den ETF’s.

Mehr Beteiligung am Produktivvermögen

Gerade einmal 7 % des gesamten Geldvermögens haben die deutschen Sparer in Aktien angelegt, 70 % jedoch in Bargeld, Rentenpapieren und Lebensversicherungen. Die Sicherheit hat also die höchste Priorität, kostet jedoch Jahr für Jahr viele Milliarden. Wer indessen langfristiger denkt, wird zumindest einen bestimmten Teil seines Geldes für die Beteiligung am Produktivvermögen der Volkswirtschaft hier in Deutschland, in den USA, in der Schweiz oder auch in anderen Ländern einsetzen. Dieser Teil sollte für einige Jahre zur Anlage in renditeträchtigen Wertpapieren zur Verfügung stehen. Diese sind zwar in der Regel – vor allem im Notfall – schnell wieder zu verkaufen. Doch wer neben der Rendite aus jährlichen Dividendenzahlungen auch auf Kursgewinne setzt, braucht auf jeden Fall einen längeren Atem. Selbst wenn es an den Börsen Kursverluste gibt, zählen nur die Anleger zu Verlierern, die dann ihre Titel wirklich verkaufen; wer Geduld beweist und auf bessere Zeiten an den Börsen setzt, hat zwischendurch in der Regel nur Buchverluste. Banken und Sparkassen sowie Vermögensberater sollten nicht weiterhin mit Milchmädchen-Rechnungen die Milliarden-Verluste braver deutscher Sparer beklagen. Vielmehr sind sie mehr denn je herausgefordert, den Sparern Anlageformen aufzuzeigen, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, um Gewinne machen zu können, um Anlagemöglichkeiten mit höheren Renditen zu finden und eben mehr Geld aus ihrem Geld zu machen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von RoboAdvisor, Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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