Protest gegen das Lukaschenko-Regime in Insk am 29. August 2020

Mutige Frauen stellen sich gegen die Gewaltherrschaft von Lukaschenko

Vergangener Sonntag in Minks. Es ist der 66. Geburtstag des belarussischen Diktators. Es ist ein beeindruckendes Bild nahe dem Palast von Alexander Lukaschenka: Sechs junge Frauen stehen eingehakt vor einer Kette schwer vermummter OMON-Soldaten, artikulieren ihren Protest:“ Wir sind keine Ratten! Wir sind Belarussen! Du rennst!“ Es sind die Frauen, die den Protest gegen die Diktatur tragen und das Regime hat sie unterschätzt. Sie präsentieren sich als Einheit in einem sehr patriarchalischen Land. Doch das Verständnis von der Rolle der Frau, erzählt Marija Kolesnikowa vom Koordinationsrat immer wieder, in der belarussischen Gesellschaft habe sich geändert: „Es begann mit Erklärungen Lukaschenkas vor einigen Monaten,“ wies sie unter anderem in der FAZ hin, „eine Frau könne nicht Präsidentin sein, die Verfassung sei nicht für Frauen gemacht. Das hat ganz normale Frauen, die sich nie für Feminismus oder Frauenbewegungen interessiert hatten, stark getroffen.“ So habe Lukaschenka eine Wende eingeleitet und für den Feminismus mehr getan als viele Feministinnen, zu „denen ich mich auch zähle“. Tausende Frauen haben sich in den vergangenen vier Wochen zusammengeschlossen, kämpfen für ihre Rechte, gegen das System, unterstützen sich. Haben auch Angst verhaftet, bedroht, ins Exil getrieben zu werden und wollen vor allem eines nicht: Eine Einmischung von außen, weder von Russland noch von den Staaten der Europäischen Union.

Marija Koslenikowa vertritt in dieser Hinsicht eine weit verbreitete Auffassung in der Oppositionsbewegung. Die EU solle wie Russland als Vermittler in Minsk auftreten. Mehr nicht. Sie wolle gute, friedliche Beziehungen zu Moskau wie zu Brüssel, aber keinerlei Interventionen. Ihre Verbündete Swetlana Tichanoskaja spricht von einer friedlichen Revolution: „Sie ist weder ein prorussische noch eine antirussische Revolution, sie ist weder eine Revolution für noch eine gegen die EU,“ erklärte sie kürzlich EU – Parlamentariern: „Wir streben friedlich nach Freiheit, Selbstbestimmung und Würde mit dem Ziel freier und fairer Wahlen.“ Swetlana Alexijewitsch formulierte das kürzlich so: „Wir möchten gerne den Ghandi-Weg gehen, friedlich. Doch der Präsident ist nicht bereit zum Dialog mit der Gesellschaft, mit der Zeit, mit den neuen Menschen, die es jetzt gibt.“ Denn es habe ein Wandel stattgefunden im Bewusstsein der Menschen. Sozusagen frei nach Tschechow, wonach der Mensch den Sklaven Tropfen für Tropfen aus sich herauspressen müsse. Eben das sei in den zurückliegenden Wochen in Belarus passiert, nur eben nicht Tropfen- sondern Eimerweise, meint die Literaturnobelpreisträgerin; das sei bisher die wesentliche Veränderung gewesen: „Ich sah plötzlich ganz andere Menschen. Ich habe mich in mein Volk verliebt.“ Das wird nach wie vor, täglich von Lukaschenkas überwiegend männlichen Schergen heimlich überwacht, beobachtet, eingeschüchtert, öffentlich bedroht, auf Polizeiwachen, in Gefängnissen gequält, geschlagen. Menschen verschwinden, können sich nicht mehr verstecken, weil es fast gar keine Verstecke mehr gibt. Aber es gibt in dem 10-Millionen-Einwohner Land ein Lied, ein Lied, das jeder Weißrusse kennt: Kupalinka heißt es. Es ist das Lied von einer Frau, die Rosen schneidet und sich die Hände kaputt macht. Der Refrain geht so: „Dunkle Nacht, doch wo ist Deine Tochter, Kupalinka?“ Die Frauen singen es auf den Demonstrationen und Lukaschenkas Uniformierte kennen es natürlich auch, müssen es sich anhören mit versteinerten Gesichtern. Das Lied wirkt bedrückend, vor allem wegen seines Refrains: Viele Mütter wissen nicht wo ihre Töchter, Söhne sind. Sie sind nach den Protesten verschwunden, nicht wiederaufgetaucht. Das macht Angst.  Auch Angst, trotz aller Hoffnung auf Freiheit, Veränderung, Frieden, vor einem drohenden Bürgerkrieg. „Noch balancieren wir auf der Grenze dazu,“ meint auch Swetlana Alexijewitsch. Manch einer, manch eine in der Opposition in Minsk und in den ländlichen Gegenden erinnert sich in diesen Tagen an einen Satz Lenins: „Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“

Bildquelle: Wikipedia, Homoatrox / CC BY-SA 3.0

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Jörg Hafkemeyer

Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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