Misthaufen

Österreichs Wunderknabe Kurz entzaubert

Kennen Sie noch die Werbung der Bild-Zeitung: Bild dir deine Meinung. So das größte deutsche Massenblatt, das auch im benachbarten Österreich seine Leserinnen und Leser hat. Man darf daran erinnern, wie Springers Boulevard-Zeitung einst den Wunderknaben aus Wien feierte, den jüngsten Kanzler, den die Alpenrepublik je hatte. Sebastian Kurz, der Liebling der Massen, Alleskönner, der aussah wie ein Abiturient, dessen steile Karriere aber Bewunderung nach sich zog. Bild war ganz weg. „So einen brauchen wir auch“. Mag sein, dass der eine oder andere den jungen smarten anscheinend Alleskönner sich nach Berlin wünschte. Seit gestern ist klar: Der Wundermann ist am Boden gelandet, verlässt die Politik. Es läuft ein Verfahren gegen Kurz, Ermittlungen der Korruptionsstaatsanwaltschaft hatten ihn schon vor Wochen dazu gebracht, als Kanzler zurückzutreten, jetzt hat der einstige Senkrechtstarter alle politischen Ämter niedergelegt. Der junge Vater, der kritische Medien im Land früher auf Linie bringen wollte, der sich auf die Seite der Populisten vom Schlage des Ungarn Orban und des Polen Kaczynski geschlagen hatte, um Härte gegen Schwache und Fremde durchzusetzen, dem europäische Integration ein Dorn im Auge war, ist politisch am Ende. Die SZ nennt ihn „kleiner Geist und großes Ego“. Im ZDF war die Rede vom System Kurz. Um im Bilde zu bleiben: Einen solchen brauchen wir hier nicht. Angela Merkel war und Olaf Scholz ist mir lieber, das gleiche gilt für die SPD, die FDP, die Grünen und die Union. Eine ÖVP, wie Kurz sie sich gezimmert hatte, brauchen wir nicht. Wir brauchen kein solches System, das anderes außer Kraft setzt, um sich selbst besser bedienen zu können.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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