Aufschwung

POLITIK UND WIRTSCHAFT AUF DISTANZ?

Die Präsidentin des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, Hildegard Müller, beobachtet eine „große Entfremdung“ zwischen Wirtschaft und Politik. Dabei kommt gewiss ihr Bedauern zum Ausdruck, dass die Große Koalition der Forderung der Autoproduzenten nach einer staatlichen Kaufprämie für PKW’s mit Verbrennermotoren nicht nachgekommen ist. Die Politiker der CDU, CSU und SPD haben den Bossen von VW, Daimler, Audi und BMW eine gute Lektion erteilt. Das hat nichts mit Entfremdung zu tun. Es ist vielmehr ein Signal an eine Branche, die sich einst gewiss mit technologischen und ökonomischen Glanzleistungen profilierte, die jedoch seit einigen Jahren mit Lug und Trug ihre Geschäfte zu machen versuchte.

Autobosse als Super-Schummler

Nicht vergessen sind die verschiedenen Aktionen mit der Schummel-Software. Viel Geld wurde von den PKW-Herstellern dafür ausgegeben, um das Kraftfahrzeugbundesamt und andere zu täuschen, um die Autokäufer zu begaunern. Zig Milliarden Euro mussten aus den Firmenkassen für die Entschädigung und insbesondere auch für die Strafen gezahlt werden. Der Imageverlust der Autobranche ging weit über einen Lackschaden hinaus. Denn die braven Kunden hätten solche kriminelle Aktivitäten den feinen Herren in den Vorstandsetagen in Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt oder München wohl kaum zugetraut. Und sogar die sonst autoaffinen Politiker waren entsetzt über das, was Winterkorn, Stadler und deren Kollegen angerichtet haben.

Deutsche Autoindustrie im Rückwärtsgang

Die Autobosse mit ihren Einkommen in vielfacher Millionenhöhe haben sich mit ihren Taten aus der Gesellschaft des anständigen und ehrbaren Kaufmanns, der zukunftsorientierten Innovatoren und der für die Politik seriösen Gesprächspartner selbst verabschiedet. Die Herren, die auf früheren Automobilmessen den Mitgliedern der Bundesregierung ihre blitzenden Mogelfahrzeuge stolz vorführten, haben der Branche größte Schäden zugefügt. Sie haben den technologischen Sprung in ein neues Zeitalter der umweltfreundlichen Mobilität entweder verschlafen oder ganz bewusst verschoben.

Bei Elektrofahrzeugen und bei Automobilen mit Wasserstoff-Motoren hinken sie nun hinter Firmen aus anderen Ländern – insbesondere aus China hinterher. Über die Japaner, die schon vor Jahren Hybrid-Fahrzeuge anboten, haben sie nur müde gelächelt.

Nun befindet sich die Automobilindustrie in einer tiefen Krise, die durch die akute Pandemie noch kräftig verstärkt wird. Die Zulassungen im Inland gehen zweistellig zurück, die Exporte brechen ein. In den Firmenzentralen werden Pläne für einen beachtlichen Abbau von Beschäftigten geschmiedet. Zehntausende Arbeitsplätze werden gestrichen; in den vielen Zuliefererfirmen sieht es ebenfalls sehr schlecht aus. Die Konzernherrscher von gestern hatten sich in der Tat von den Realitäten und Notwendigkeiten der Mobilitätsmärkte entfremdet und versucht, mit übler Gaunerei über die Runden zu kommen.

GroKo mit großem Mut

Die GroKo hat übrigens die Fördersätze für umweltfreundliche PKW’s nochmals kräftig erhöht – vor allem für Elektrofahrzeuge. Zudem wurde der Satz der Mehrwertsteuer gesenkt; beim Kauf eines Wagens zum Preis von rund 30.000 € zahlt man so fast 1.000 € weniger. Allerdings merken die deutschen Produzenten, wie mager ihr Angebot an umweltfreundlichen Fahrzeugen ist. Manche Konkurrenten aus dem Ausland bieten da eine breitere Palette an.

Geforderte VDA-Präsidentin

Die Präsidentin des VA, Hildegard Müller, steht vor großen Herausforderungen. Sie war in früheren Zeiten Mitglied des Bundestages und sogar Staatsministerin im Kanzleramt. Gewiss kennt sie auch noch wie ihr Vorgänger Mathias Wissmann die Handy-Nummer von Angela Merkel. Doch das hilft nicht mehr! Nun muss sie das Vertrauen, das ihre Autofirmen sträflich zerstört haben, wiederherstellen. Mit kecken Interviews in manchen Talkshows, wie sie es vor der Verabschiedung des Wumms-Pakets der GroKo versuchte, wird das gewiss nicht gelingen. Mit Wehleidigkeit und Entfremdungsgefasel lassen sich kein Vertrauenskapital aufbauen und der Weg aus der Krise nicht finden. Niemand bezweifelt die große Bedeutung, die die  Automobilindustrie für unsere Volkswirtschaft hat und in Zukunft bei er Suche nach umweltfreundlicher Mobilität haben wird. Dennoch sind die Autobosse nicht die Herrscher aller Reußen, sondern müssen den Primat der Politik respektieren, mit Ehrlichkeit sowie exzellenten unternehmerischen Leistungen und etwas mehr Bescheidenheit ihre Rolle in unserem Staat und in unserer Sozialen Marktwirtschaft wahrnehmen. Dann wird sich auch die Distanz zur Politik wieder auf ein Normal-Maß einpegeln.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann(geralt), Pixabay License

 


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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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