Kühe

Regierungs-Appell: Bitte lassen Sie sich täuschen

Erfüllen wir den Wunsch unserer Ampel-Regierung: Lassen wir uns weiter so richtig täuschen, genießen wir noch einmal einen Sommer der Illusionen. Umso schlimmer und schmerzhafter wird’s hinterher. Aber noch wollen wir ein Volk der Illusionisten sein, uns einlullen lassen, dass alles irgendwie gut bleibt.

Wann gab es schon mal eine derart historische und tiefgreifende Krise ? Der russische Angriffskrieg gegen die Urkaine, dramatische Verknappung und Verteuerung von Öl und Gas, Preissteigerungen wie seit Jahrzehnten nicht mehr, eine neue Corona-Welle, der dramatisch voranschreitende Klimawandel. Eine verantwortungsbewusste Regierung müsste ihren mündigen Bürgern einschneidende Konsequenzen und schmerzhaften Verzicht zumuten – jetzt und nicht irgendwann.

Stattdessen sind wir Akteure und Zuschauer in einem teuren Illusionstheater.

Nehmen wir nur Klimawandel und die Verteuerung der Energie zusammen: Steigende Preise wären DAS Steuerungsinstrument, um Verzicht auf überflüssiges Fahren, eine schnellere Abkehr von Verbrenner-Autos und den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu erzwingen. Unsere Verwöhn- und Wohlfühlregierung aber beschert uns den Tankrabatt. Auf dass der Sprit möglichst preiswert bleibe (sollten die Ölkonzerne nicht zuviel von den Steuermilliarden einstreichen) und wir uns weiterhin um notwendige Änderungen drücken können. Dazu kommen noch das 9-Euro-Ticket und die Energiepauschale von 300 Euro für jeden Arbeitnehmer. Alles nach der Devise: So schlimm wird’s schon nicht. Da können in der Ukraine Tag für Tag Hunderte sterben. Wir jedenfalls dürfen für neun Euro von Garmisch nach Sylt fahren. Und wenn wir die Strecke lieber mit dem fetten SUV brettern wollen, bremst uns kein Tempolimit. Auch die Raserei bleibt uns Deutschen heilig.

Vernebelt wird die bittere Wahrheit, dass die alte gute Ordnung – politisch wie wirtschaftlich – schon jetzt in Trümmern liegt. Wir bekamen billiges Öl und Gas aus Russland, redeten uns eine unverbrüchliche Zuverlässigkeit Moskaus ein; aus China bezogen wir preiswerte Komponenten und Produkte, mit denen wir unseren Konsumrausch ausleben konnten, unsere Bundeswehr durften wir kaputtsparen, verließen uns einfach auf die Schutzmacht Amerika. Alles schon jetzt ganz anders. Wir müssen es endlich kapieren.

Der Schock wird kommen wie das Amen in der Kirche, spätestens wenn Finanzminister Lindner für das nächste Jahr einen verfassungskonformen Haushalt mitsamt Schuldenbremse vorlegen will. Dann ist Schluss mit Lustig und schier grenzenlosem Pump.

Deshalb guter Rat an alle: Bewahren Sie sich Ihre Erinnerungen an diesen Sommer möglichst lange auf. Vielleicht hilft das zumindest für einige Zeit über die Schmerzen hinweg, wenn das Erwachen so richtig weh tut.

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Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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