Römer und Coronavirus

Urlaub in Italien in der Zeit von Corona

Nach langer Zeit des Ungewissen habe ich mich für den üblichen Urlaub in Italien, meinem Ursprungsland, entschieden.
Auf einmal waren die Grenzen wieder offen, man konnte wieder buchen. Und schon das Buchen war nicht ohne Schwierigkeiten, denn die meisten Italiener haben auf den Urlaub im Ausland verzichtet und sind innerhalb der heimischen Grenze geblieben.

Angesichts der unsicheren Lage und der Notwendigkeit, alle Köpfe der Familie unter einem Dach unterzubringen, haben wir wieder in der Versilia an der tirrenichen Küste ein Ferienhaus gemietet. Viareggio, früher die Perle der Versilia genannt, wurde im 19. Jahrhundert zum Badeort und damit begann der Aufstieg des Ortes. Damals ließ sich Paolina Borghese, die Schwester von Napoleon Bonaparte, eine Villa dort errichten, in der sie bis zu ihrem Lebensende lebte. Ihrem Beispiel folgten mit der Zeit viele Prominente aus dem europäischen Adel, so dass das Städtchen am Anfang der 20. Jahrhunderts schon ein internationaler Badeort war. So ließen sich die reichen Familien der Borghesie aus dem industriellen Norden hier nieder, unter anderem die Agnelli, Gründer und Besitzer der Autodynastie FIAT. Und natürlich darf man bei dieser kurzen „Ortsbiografie“ Giacomo Puccini nicht vergessen, der zunächst eine Kate beim benachbarten Lago di Massaciuccoli, heute Torre del Lago Puccini, besaß und sich dann eine Villa in Viareggio errichten ließ.

Das Bild der Stadt ist im Ortskern von der Architektur der Belle Epoque und des Modernismus geprägt. Niedrige Gebäude mit wenigen Ecken und viel Schwung und Schnörkeln, viel buntem Glas und Metall, einer sehr schönen Promenade, auf der sich heute die Eingänge der „Stabilimenti balneari“ – die kostenpflichtigen Badeanstalten – und der Modeboutiquen für reiche Russen öffnen.

Als Folge der Pseudo-Sozialpolitik des Faschismus wurden in den 20er und 30er Jahren auch Ferienlager für die Kinder der staatlichen Bediensteten und Sozialbauten errichtet, so dass Viareggio heute (noch) sowohl die Wünsche der internationalen Klientel als auch der Familien (die meisten der Badegäste) erfüllen kann. Wirtschaftlich spielt hier natürlich der Tourismus eine sehr wichtige Rolle – das Meer im Sommer, die ganz berühmten Karnevalszüge im Winter -, aber auch die Werften sind bedeutend, die unendlich lange Yachtboote bauen, und die Marmor-Industrie aus den nahe gelegenen „Alpi Apuane“, ja, die von Michelangelo.

Gelassenheit im Umgang mit der Pandemie

Auf der langen Fahrt von Bonn hierher haben wir eine Stippvisite in Frankreich, in Noeuf Brisach, gemacht, das ist eine ehemalige Festung mit Exerzierplatz und Bollwerken. Es war noch nicht der 15. Juni, das Datum der Eröffnung der Grenzen des Landes, aber wir konnten ohne jegliche Kontrolle von Breisach nach Colmar fahren. Elsaß war besonders von Covid-19 getroffen und viele Kranke wurden in den schweren Tagen der Krise nach Deutschland transportiert. Trotzdem erlebten wir dort eine weitere Überraschung. An einem Supermarkt sahen wir, wie die Einheimischen ohne Mundschutz rein- und rausgingen. Und plötzlich wussten wir nicht mehr, wie wir uns zu verhalten hatten. Das Städtchen war praktisch menschenleer, vielleicht wegen der Mittagspause der Läden und des langen Wochenendes vor dem nationalen Feiertag (14. Juli). Aber diese Gelassenheit-höflich formuliert- im Umgang mit den empfohlenen Maßnahmen gegen die Pandemie hat uns etwas irritiert.
Deswegen war ich besonders neugierig, wie man in Italien damit umgehen würde.
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In der Stadt, in meinem Fall die unmittelbare Umgebung von Florenz, war man sehr vorsichtig. Draußen konnte man sich ohne Mund-Nasen-Schutz frei bewegen, aber sobald man jemanden traf, egal ob man mit Bekannten und Nachbarn ein Schwätzchen hielt oder einfach nur an ihnen vorbei ging, musste man den Mund-Nasen-Schutz anziehen. Genau so war es in den Läden. Angesichts dieser Prozedur fragte ich mich, wie alles am Strand aussehen würde, mit welchem Abstand man die Sonne genoß, vielleicht mit Trennwänden zwischen den Sonnenschirmen, mit Kennzeichen, Markierungen, die den eigenen Radius irgendwie darstellen, würde gar die Temperatur der Touristen gemessen? Noch größer war daher meine Überraschung, als ich sah, dass nichts, gar nichts mehr da war, worüber die Fernsehkanäle berichtet hatten, es war keine Rede mehr von den ausgestrahlten Maßnahmen.

Die Mundschutzmaske wurde meistens als Armreif getragen, nur beim Betreten von geschlossenen Räumen bzw. Läden wurde sie angezogen, die Temperatur wurde nicht gemessen, Desinfektionsstationen standen zwar am Eingang von Badeanstalten und Läden, wurden aber von der Kundschaft nicht regelmäßig benutzt. Ein ähnliches Bild ergab sich beim Besuch der verschiedenen Wochenmärkte, bei denen man alles kaufen kann, von Schrauben über die Wohnungsausstattung bis zu Lebensmitteln. In Viareggio fand der Wochenmarkt wie immer statt, abgesehen natürlich von den Schutzmasken. In Lido di Camaiore, ein paar Kilometer weit weg davon, galten noch die Maßnahmen, die bei der Wiedereröffnung der Geschäfte in Kraft gesetzt worden waren und zwar bis zum 31. Juli. Vor den verschiedenen Ständen sah ich Sperren aus mobilen Ketten, die Korridore bildeten mit Eingang und Ausgang, damit die Leute einander nicht berührten, man musste die Hände desinfizieren, bevor die Ware angefasst wurde.

Als wäre alles schon vorbei

Ganz anders die Lage, wenn man mit Behörden und Institutionen zu tun hat. Man muss einen Termin ausmachen für viele Dienste, zum Beispiel für Bankgeschäfte. Das gilt sogar für die einfachsten Angelegenheiten, wenn man Geld an der Kasse abheben will, das gilt auch, wenn man in eine Bibliothek will oder oder ein Museum.
Aber warum gibt es solche krassen Unterschiede? Warum wurde ich neulich von einer etwas älteren Dame, die vor einem Marktstand keinen Mundschutz trug, schroff angesprochen, weil ich angeblich den Mindest-Abstand nicht einhielt? Warum habe ich von einem Benutzer eines Sonnenschirms nebenan den Satz gehört: „Als es den Covid-19 gab“? Als wäre alles schon vorbei. Es ist schwer zu glauben, dass die besagten Nachbarn aus der Gegend von Crema und Lodi kamen, also aus der „Zona rossa“, woher das Virus kam und sich ausbreitete

Trotzdem hängen immer noch an den gußeisernen Gittern vieler Balkone Tricolore oder Fahnen, professionelle und handgemachte, mit Schriftzügen wie: „Insieme ce la faremo“ (zusammen schaffen wir es). Auch an den Stränden sehe ich die weiße Fahne, die zeigt, dass man ohne Risiko baden kann. Haben die Italiener schon vergessen, was los war, wie viele Tote zu verzeichnen waren, haben sie die LKWs der Militärs vergessen, die die Opfer aus Bergamo weg transportierten, die Schwerkranken, die in Deutschland, auch in Bonn, aufgenommen wurden?

Sicherlich sehnen sie sich nach Normalität. Der Ausnahmezustand nervt viele Mensche, man kann das nicht lange aufhalten, so etwas kann nicht einmal eine Regierung anordnen, die besonders streng bei den Covid-19- Maßnahmen war, die das Leben eingrenzen.

Die Italiener, die bei Naturkatastrophen und Notfällen großartig und großzügig sind, immer an der Front, machen sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze, am meisten natürlich diejenigen, die in der Tourismusbranche tätig sind. Hier an der Küste sind Lokale und Strände nur am Wochenende gut besucht, nicht komplett ausgelastet, am meisten von Italienern selbst, die aus Angst den Belpaese nicht verlassen. Die ausländischen Touristen sprechen am meisten Holländisch und Russisch oder andere slavische Sprachen, nur vereinzelt hört man Deutsche oder Österreicher, ein paar Schweizer sind auch da.

Florenz, Rom ,Venedig – leer

Anders das Bild in Lignano Sabbiadoro und Jesolo, wohin die Deutschen wieder gekommen sind, schildern erleichtert die Hotelbetreiber. Oder im Innern der Toskana, in Siena und Umgebung, wie in San Gimignano, in einer Gegend, wo viele Deutsche und Engländer seit Jahrzehnten ein Feriendomizil besitzen. Die immer wieder besuchten Kunststädte, Florenz, Rom und Venedig sind dagegen leer. Manche Taxifahrer, die normalerweise die Nachtschicht fahren und richtig viel Geld nach Hause bringen, bevorzugen jetzt manchmal, lieber zu Hause zu bleiben und die Familie am Strand zu besuchen. Große Hotelketten haben nicht einmal die Hälfte ihrer Häuser wieder geöffnet. Die große Kette „Starhotel“ z. B. besitzt in Italien 29 Luxushotels, 24 davon betreibt die Firma direkt, fünf weitere sind verpachtet. Heute sind nur 12 davon offen, die Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze, die meisten sind noch in Kurzarbeit oder bekommen die „cassa integrazione straordinaria“, eine Art Notfallarbeitslosengeld, das hier im Lande immerhin 80% des letzten Gehalts beträgt. Wie es weitergeht im September, kann noch keiner vorhersehen.

Inzwischen sind die vier harten Verhandlungstage für den Recovery Fund in Brüssel Geschichte. Gekennzeichnet durch den nervenzerrenden Kampf zwischen dem Lager der Virtuosen und dem der stark betroffenen Länder aus Südeuropa, sind sie mit einer Einigung zu Ende gegangen, mit der man schließlich und endlich zufrieden sein kann. Auf der einen Seite haben die Virtuosen einen „sconto“, einen Rabatt der eigenen Beiträge bekommen, auf der anderen haben die Länder aus Südeuropa fast die ganze Summe bekommen, die sie beantragt hatten.

An erster Stelle kann die EU selbst zufrieden sein, die endlich eine Form der Einigkeit nach außen zeigen konnte. Und das geschieht auch dank der Unterstützung von Frankreich und Deutschland, die diesmal nicht nur im Namen des stärksten europäischen Duos sprachen. Viellicht hat man eingesehen, dass eine solche Krise nur mit Einigkeit gelöst werden kann?

Neben der verständlich enthusiastischen Reaktion der italienischen Regierung selbst und der an der Regierung beteiligten Parteien (Demokratische Partei und Movimento 5 Stelle), hat man in Italien verschiedene Facetten des Konsenses gesehen. Neben den Parolen von Matteo Salvini und seiner xenophobischen Lega, die schon wieder das Gespenst der harten EU-Finanz-und Reformkontrolle der Krise Griechenlands an die Wand malt, hörte man eine leise Zustimmung seitens Berlusconi und seiner Forza Italia, gekoppelt mit der Forderung, Projekte schnell starten zu lassen. Auch Frau Meloni aus dem neofaschistischen Lager musste zugeben, dass Conte und sein Team ein relativ gutes Ergebniss nach Hause brachten. Man hört aber auch Dissenz, sogar aus den Reihen der kleineren Parteien, die die Regierung – nicht ohne Kritik – unterstützen. Darunter Italia Viva vom ehemaligen Premierminister Matteo Renzi, der unmittelbar nach der EU-Zusage plädiert hat für den Antrag vom EFSF seitens Italien, überzeugt, dass der Recovery Fund nicht genug ist, um die die Wirtschaft wieder belebenden Projekte zu finanzieren. Das EFSF ist aber ein Schlag ins Gesicht für den Movimento 5 Stelle von Luigi Di Maio, der zunächst auf keinen Fall bereit war, die Beantragung des Rettungsfonds mitzutragen.

Geschäfte mit Kitteln in der Lombardei

Alle diese Positionen zeigen – leider – die Leichtsinnigkeit der italienischen politischen Klasse, der ein Leader mit Charisma fehlt. Alles scheint mir halbseiden und zersplittert zu sein. Halbseiden auch der Skandal, der in der Region Lombardei wegen einer Lieferung von Kitteln in der Zeit der akuten Covid-Krise ausgebrochen war. Der Grund dafür ist, dass die besagten Kittel bei einer Firma bestellt wurden, die dem Schwager des Landesministers, Attilio Fontana, aus der Reihen der Lega gehört. Der Verdacht auf Nepotismus hat auf sich warten lassen, aber nun ist er doch da. Nach den ersten Untersuchungen der Staatsanwaltschaft sieht es so aus, dass nur ein Teil der Kittel geliefert wurde und zwar in Form einer Schenkung. Der Governatore (der Landesminister) Fontana selbst habe aus der eigenen Tasche (man spricht von 250.000 €) den eigenen Schwager bezahlt. Das Ganze hat mindestens ein Gschmäckle.

Bemerkenswert das Folgende: In Rekordzeit wurde die vor Jahr und Tag eingestürzte Brücke in Genua wieder aufgebaut, der Einsturz hatte 43 Menschen das Leben gekostet. Fragen bleiben, wenn mit der Brücke wieder Geschäfte gemacht werden, wer sie bewirtschaftet, verpachtet. Es dürfen nicht die zum Zuge kommen, denen man mindestens eine Teilschuld an der Tragödie anlastet.

In wenigen Wochen wird gewählt. Am 20. und 21. September sind Millionen Italiener zur Stimmabgabe für Wahlen von sieben Landesregierungen aufgerufen. Die Prognosen sehen z.Zt. das rechte Lager vorn. (Lega, Fratelli d‘Italia und Forza Italia hätten zusammen ca. 50 % der Stimmen). Sie würden gern den Progressisten Regionen wie die Toskana oder die Marche, traditionell ziemlich rot, wegschnappen. Nur die Koalition von Partito democratico und Movimento 5 Stelle auf der regionalen Ebene könnte ihren Plan durchkreuzen.
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Ein anderes Problem hat sich nicht erledigt, es war nur von anderen Dngen überlagert: Bis heute haben mehr Migranten als im gesamten letzten Jahr die italienische Küste (mehr als 12.000 statt rund 3.000) und damit europäischen Boden erreicht. Sie wurden in Aufnahmelagern aufgenommen, die – gelinde gesagt – mehr als ausgelastet sind. Inzwischen hat die italienische Regierung sogar ein Schiff gemietet, um sie unter Quarantäne zu halten. Die Situation ist explosiv, wie die Flucht von ca. 250 Asylsuchenden aus drei verschiedenen Zentren auf Sizilien gezeigt hat. Die Schiffe der NGOs wurden grundlos beschlagnahmt. Eine menschliche Katastrophe. Die italienische Regierung ist gefordert, Verantwortung zu zeigen, sie darf der ausländerfeindlicheh und neofaschistischen Politik Salvinis nicht folgen,

Das täte Italien gut, das täte Europa gut. Der Ausnahmezustand, den die italienische Regierung angesichts von neuen Covid-Fällen bis zum 15. Oktober verlängert hat, darf nicht dazu führen, dass wir wegschauen. Damit meine ich auch die EU.

Bildquelle: Pixabay

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Caterina Massai

Caterina Massai stammt aus Florenz, sie hat dort und in München Geisteswissenschaften studiert, sie lebt seit 23 Jahren in Deutschland und wohnt mit ihrer Familie in Bonn. Sie ist VHS-Dozentin und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin. Seit 2013 ist sie eingebürgert.


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