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Wenn es Ernst wird in Deutschland – Appell der Kanzlerin zur Solidarität

„Io resto a casa“. Meine bescheidenen Italienisch-Kenntnisse reichen aus, um das zu verstehen, was Italiens Ministerpräsident Conte mit diesem Dekret seinem Land verordnet hat: „Ich bleibe zu Hause“. Das gilt für viele Italiener, Ausnahmen sind nur erlaubt in dringlichen Fällen. Wer sich nicht dran hält, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Ausgerechnet Italien, dieses Land mit seinen fröhlichen Menschen, die immer unterwegs sind, gesellig, die gern feiern, ausgerechnet die Italiener sollen also für Wochen zu Hause bleiben, damit der Corona-Virus sich nicht weiter ausbreiten kann. Eine Prüfung für diese Gesellschaft, die auch vom Tourismus lebt, von all den Gästen aus aller Welt, die nun wegbleiben. Die große Leere in Venedig, in Rom, leer die Cafés, Theater, Stadien. Still ist es auf dem Stiefel geworden, lese ich in den Zeitungen und höre es in Beiträgen in Funk und Fernsehen.

Ich bleibe zu Hause- gilt das bald auch in Deutschland? Ich wäre mir da nicht sicher, dass es nicht so kommt. Das Robert-Koch-Institut spricht ja erst vom Anfang einer Epidemie, die nunmehr rund 1400 Menschen in Deutschland erfasst hat, die aber, wenn sie so weiter verläuft, in wenigen Monaten über eine Million Deutsche infiziert haben könnte. Und auch wenn die Todeszahlen hierzulande noch sehr niedrig sind, sie werden steigen. Per Dekret des Präsidenten oder der Bundeskanzlerin wird Deutschland nicht dicht gemacht werden können, soviel Machtfülle wie Conte hat hier kein Politiker. Bei uns geht das über Empfehlungen, die von den Ländern ausgehen. Das kann dann schon mal dauern, wie wir gerade beim Fußball erlebt haben, wo in Leipzig vor voller Kulisse gekickt wurde, wo aber am Abend das Spiel Gladbach gegen Köln und am Samstag Dortmund gegen Schalke als Geisterspiele ablaufen. Für einen Fußballfan und gewiss auch für die Mannschaften eine mehr als gewöhnungsbedürftige Veranstaltung, ohne Tor-Jubel, ohne Geschrei, Pfiffe, aber auch ohne Schmäh-Plakate.

Eine Republik in Watte gepackt

Zurück zu Italien. Wer je in diesem Land Urlaub gemacht oder gar dort gelebt hat, wer Italiener als Freunde hat, weiß um die Lebendigkeit der Städte, den Lärm, die leidenschaftlichen Gespräche, der weiß,  wie man das Leben in Rom, Florenz oder in Sizilien schätzt bei einem Glas Wein und ein paar Nudeln. Und jetzt ist alles ruhig, stillgestellt, eine Republik in Watte gepackt, wie das ein Journalist trefflich beschrieben hat. Ein Italien, das eigentlich unvorstellbar ist, mit geöffneten Geschäften aber ohne Kunden, mit Cafés voller leerer Stühle, mit Bussen ohne Fahrgäste, mit geschlossenen Schulen und dichten Universitäten. Und es findet kein Fußballspiel statt.

Die Bundeskanzlerin versucht die Gemüter in Deutschland zu beruhigen, mit einer für sie ungewöhnlichen Rede, voller Pathos, Wärme. „Unser Herz für einander ist auf eine Probe gestellt,“ begann die für ihre Nüchternheit bekannte Regierungschefin. Man müsse Zeit gewinnen, damit die Krankenhäuser nicht überfordert würden, wenn aus den wenigen Krankheitsfällen wirklich eine Epidemie werden sollte. Die Sorge wird von Experten geäußert, dass 60 bis 70 Prozent der Deutschen infiziert werden könnten, die meisten ohne Probleme, aber einige müssten mit Lungenkrankheiten auf die Intensivstation. Merkel rief die Bürgerinnen und Bürger zu Solidarität und Vernunft auf und sie wünschte sich, „dass wir diese Probe bestehen.“ Ähnlich hat sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet geäußert und an den Zusammenhalt der Gesellschaft appelliert. Das ist es, was nötig wäre, aber ist diese Gesellschaft dazu in der Lage? Ist sie nicht eher gespalten, egoistisch, geht nicht jeder lieber seiner Wege als sich um den anderen zu kümmern? Die Älteren, das sind die Risiko-Zeitgenossen, die mit einer Infektion schwerer zu kämpfen hätten als die Jüngeren, erklären uns die Mediziner und Virologen.  Und wenn diese Älteren dann noch Vorerkrankungen auswiesen, Diabetes hätten oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, seien sie umso mehr gefährdet. 

Mehr Rücksicht auf andere

Also mehr Rücksicht auf die Älteren? Im Grunde gehört das zur DNA unserer demokratischen Ordnung mit sozialer Marktwirtschaft: der Dreiklang, der unser soziales System über Jahrzehnte abgesichert hat: die Jungen helfen den Alten, die Gesunden den Kranken, die Reichen den Armen. Daraus ist früher die Solidarität erwachsen, die die Republik, als sie aus den Ruinen des Krieges wieder erstand, prägte, sie ausmachte, die Hilfe über den Zaun, wie wir das im Ruhrgebiet nannten. Wo ist diese Solidarität geblieben? Es stimmt einiges nicht mit dieser Gesellschaft, wenn der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Gewalt gegen Kommunalpolitiker kritisiert und anmerkt, sie seien nicht die „Fußabtreter der Frustierten“. Die lokal Engagierten, so betonte das Staatsoberhaupt, seien das“ Fundament, auf dem das Gebäude unserer Demokratie ruht“. Er beklagte ein „Klima von Empörung, Enthemmung, von Herabsetzung und Hetze“. Und die Mtte der Gesellschaft schaut sich dieses in aller Ruhe an, anstatt die Stimme für die Bürgermeister zu erheben, sich vor sie zu stellen. 64 Prozent der befragten Bürgermeister haben in einer Umfrage zugegeben, schon mal in ihrem Amt beleidigt, beschimpft, bedroht oder angegriffen worden zu sein, nicht wenige haben körperliche Angriffe beklagt. Ähnliches spielt sich auf einer anderen gesellschaftlichen Ebene ab, wenn Sanitäter, die anderen helfen wollen, bei ihrer Arbeit bedroht und beschimpft werden, oder wenn Feuerwehrleute, die mit hohem Risiko auch für ihr Leben zumeist freiwillig Brände löschen, bei ihrer Arbeit attackiert werden. Was ist das für ein soziales Verhalten?

Wie werden wir reagieren, wenn wir italienische Verhältnisse bekommen? Schon jetzt hamstern nicht wenige Leute, was sie kriegen können, von Klopapier bis zu Eintöpfen, Desinfektionsmittel-Behälter werden aus Ämtern gestohlen. Es klingt wie ein Witz, trifft aber die Realität: Früher hieß es, mein Haus, mein Auto, mein Boot. Heute heißt es, mein Sakrotan, mein Klopapier, meine Nudeln. Ich. Ich. Solidarität, Rücksicht auf den anderen? Einander achten und aufeinander achten, das Wort hat Johannes Rau des öfteren gebraucht, wenn er an den Zusammenhalt der Menschen dachte, wenn  wieder mal ein Asylbewerberheim angesteckt worden war.

Noch gibt es in Deutschland wenig Infizierte, aber die Zahlen steigen. Und wenn sie weiter steigen, könnte auch Deutschland zum Risikogebiet erklärt werden, mit allen Folgen für die Wirtschaft, die Menschen, die Krankenhäuser. Wenn alles dicht gemacht werden müsste von den Kinos über die Diskos, Mucki-Buden, Schulen, Unis, Museen, Theater, Kneipen. Wenn man sich nicht mehr verabreden dürfte beim Italiener oder Spanier zum Essen und Trinken, wenn die Geburtstagsfete abgesagt werden müsste? Wenn es auch bei uns heißt: Io reste a casa.  Reporter in Rom berichten, Italien sei nicht wiederzuerkennen. Deutschland würde es nicht anders ergehen, wenn es so käme. Dann ist politische Führung gefragt, die verantwortlich handelt im Sinne der Gemeinschaft und die dafür sorgt, dass eines nicht passiert: Panik.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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