Thomas Mann über München 1923

Ein weißes Haus auf braunem Platz – Das NS-Dokumentationszentrum in München

Es ist ein weißes Haus, schlicht, vier Stockwerke hoch steht dieser Kubus im Bauhausstil an einem geschichtsträchtigen Platz. Die Rede ist vom NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz(den hatten die Nazis in einen Aufmarschplatz verwandelt) in München, genau dort, wo die Nazis einst ihre Parteizentrale errichtet hatten, das „Braune Haus“. Adolf Hitler hatte München den wenig ruhmreichen Titel „Hauptstadt der Bewegung“ verliehen, quasi als Ausgleich dafür, dass Berlin die politische Hauptstadt war. Aber er wollte herausstellen, dass in der bayerischen Metropole der Aufstieg der NSDAP angefangen hatte. 70 Jahre brauchten die Münchner, um ein solches Doku-Zentrum am 30.April 2015 einzuweihen, genau 70 Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner am 3. April 1945.

München, diese schöne Stadt, die ein wenig selbst verliebt sich früh den Ehrentitel „Weltstadt mit Herz“ gab und sich darin sonnte, aber darüber verdrängte, dass sie die Brutstätte für den Nazi-Terror war. So wurde nach dem Krieg aus der Hauptstadt der Bewegung die Hauptstadt der Verdrängung, wie es Kritiker zu Recht ausgedrückt haben. Das Absinken einer Kunststadt zu einem Hort der Reaktion, wie es Thomas Mann beklagte und München „die eigentlich dumme Stadt“ nannte. Der Gründungsdirektor des Zentrums, Prof. Winfried Nerdinger räumte ohne Umschweife diese Unkultur des Verdrängens ein: „Ganz generell kann man sagen, dass München sich schwerer getan hat als alle anderen deutschen Städte in Deutschland, weil es auch mehr mit der Geschichte behaftet war als jede andere Stadt. Hier ist alles entstanden.“

Wie Hitler sich eine Stadt gefügig macht

Das NS-Dokumentationszentrum verzichtet bewusst auf NS-Devotionalien, auf Ehrendolche mit Brillanten oder SS-Uniformen. Man will die Auseinandersetzung mit den Tätern, man will, wie es Nerdinger gesagt hat, kein Spektakel darstellen oder Gründe dafür liefern. Deshalb auch die eher nüchterne Atmosphäre des Doku-Zentrums im Innern des Gebäudes. Der Besuch beginnt im vierten Stock und mit dem Beginn des ersten Weltkriegs, es folgt der Aufstieg der braunen Bewegung, es wird mit Bildern und Schriften gezeigt, wie Hitler sich eine Stadt wie München „buchstäblich gefügig gemacht hat, wie schnell, brutal und systematisch mit der Ausgrenzung und Verfolgung des politischen Gegners begonnen wurde- und von Mitbürgern, die nicht ins Schema einer rassisch reinen Gesellschaft passten“.(FAZ)

Auf den vier Etagen wird nachgezeichnet, wie es die Nazis schafften, zu dem zu werden, was sie wurden und wie alles in Schutt und Asche endete. 6000 Menschen beschäftigte die Nazi-Partei in ihrer Herzkammer. Historische Filme laufen ab, der eine zeigt die Kranzniederlegung zu Ehren der Toten des Hitler-Putsches 1923, fast religiös wirkt die Szene. Im Zentrum der „Ehrentempel“ für die Toten und Hitler. Der andere Film zeigt das Ende der braunen Barbarei, wie die Amerikaner Jahre nach dem Kriegsende alles in die Luft sprengen ließen.

Kaum Distanz zu den braunen Rabauken

München im NationalsozialismusDeutlich wird demonstriert, dass nicht der verlorene Erste Weltkrieg oder die niedergeschlagene Räterepublik der Stoff war, der den Nazis den Aufstieg erleichterte, es war vielmehr die Reaktion der Bürgerlichen. Rechtskonservative waren auf dem Vormarsch, deutsch-völkisches Gedankengut machte sich breit, Juden waren in diesen Kreisen unbeliebt. Und die Nazis sah man als Mittel zum Zweck, um Linke zu bekämpfen. Da nahm man in Kauf, dass die SA-Leute Rabauken waren, bessere Schlägertrupps. Von einer Distanz zu den braunen Horden war wenig zu sehen, auch die katholische Kirche in Bayern hielt Kontakt zu Hitler, man kann im Doku-Zentrum nachlesen, wie Kardinal Faulhaber Hitler einschätzte. Der Besucher erfährt, wie namhafte Familien den Nazis den Boden bereiteten, indem sie sie in die Gesellschaft aufnahmen. Darunter die Inhaber der Klavier- und Flügelfabrik Bechstein und die Verleger Bruckmann und Hanfstaengl.

Und dass die Menschen von all dem nichts gewusst haben oder gewusst haben wollten, nichts von den Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen, von denen es in München und Umgebung 120000 gab, die beim Rüstungshersteller Krauss-Maffei oder bei BMW arbeiten mussten, dem widersprechen Bilder des Zentrums, die den Vorbeimarsch der Zwangsarbeiter zeigen.
München die Hauptstadt der Braunen. Die Feldherrnhalle war eine zentrale Kultstätte der Nazis, wer sie passierte, musste mit den rechten Arm zum Hitler-Gruß heben oder er musste mit Problemen rechnen. Das Hofbräuhaus war das Stammlokal der Nazis, hier wurde ihr Programm verkündet, das Pressehaus des „Völkischen Beobachters“ stand in der Schellingstraße, Studenten der Uni werden wissen, dass diese feine Adresse gleich in der Nähe der Hochschule ist. Hitlers „Mein Kampf“, gerade neu kommentiert, eingeordnet und verlegt, wurde in der Nähe des Isartors verlegt.

Weiße Rose und Geschwister Scholl

Andererseits tat sich die NSDAP bei den Reichstagswahlen ziemlich schwer. Noch am 5. März 1933 erreichte sie mit knapp 38 Prozent weniger als im Durchschnitt des übrigen Reichs. München war eben nicht nur die Stadt rechter Ideologen, hier gab es auch Widerständler wie die Weiße Rose. Man muss nur in den Lichthof der Uni gehen. Dort haben die Geschwister Scholl letztmals ihre Flugblätter verteilt, ehe sie verhaftet wurden.

Das Zentrum liefert Beispiele für die Mitschuld bayerischer Soldaten an den NS-Verbrechen. So wird die 1. Gebirgsdivision erwähnt, die in Griechenland und auf dem Balkan an Massenmorden, begangen an Zivilisten und italienischen Kriegsgefangenen, beteiligt gewesen sei. Juden in München wie in anderen Städten auch wurden von den Nazis verfolgt. Tausende von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der Chef der Arisierungsstelle, Hans Weber, meldete am 30. Juni 1943: “München ist judenfrei.“

Feine Gesellschaft hatte die Nazis hofiert

München und seine Vergangenheit. Schon 1946 erinnerte ein Straßenschild „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ an die Opfer des Nazi-Terrors. Die Täter bedachte man vorerst lieber mit Schweigen. Mag sein aus Scham, mag sein, weil nicht wenige Mitglieder der feinen Gesellschaft nichts mehr davon wissen wollten, dass sie Hitler hofiert hatten. So wurde die Gestapo-Zentrale an der heute längst wieder feinen Brienner Strasse schnell von ihrer Nazi-Vergangenheit befreit und das Gelände verkauft. Der schon erwähnte und gesprengte „Ehrentempel“ am Königsplatz war lange von Gras bedeckt.

Das heutige Doku-Zentrum, das auch einen Blick in die Gegenwart mit Neonazis und ihren Verbrechen wirft, damit niemals vergessen werde, was einst geschah, ist ein Ort der Aufklärung, der die Anfänge der NS-Ideologie und speziell der Nazis in München analysiert, dabei die Gesellschaft in der Zeit Hitlers unter die Lupe nimmt und eben das Heute und die Zukunft nicht außen vor lässt. Eine gute Ausstellung, für die man sich Zeit nehmen muss, nüchtern, dabei klar und informativ. Der Besuch lohnt sich- auch ein zweites Mal.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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