NRW

NRW: 70 Jahre und noch immer keine Einheit?

Das Land, das vor sieben Jahrzehnten entstand, war nie das Ergebnis einer Liebesheirat, sondern eher eine Zweck- und Vernunftehe. Gewiss sind Westfalen und Rheinländer längst nicht mehr einander fremd, doch richtige Freunde sind sie bis heute auch nicht unbedingt geworden. Die Westfalen beklagen nicht selten, dass die Landespolitik, die im rheinischen Düsseldorf gemacht wird, das Rheinland bevorzugte und die westfälischen Regionen teilweise fast stiefmütterlich behandelt.

Schmelztiegel mit Flüchtlingen und Migranten

Nordrhein-Westfalen ist mit seinen rund 18 Millionen Einwohnern das größte Bundesland und wohl auch der größte Schmelztiegel von Menschen, die hier geboren sind, und von denen, die vor Jahrzehnten als Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten kamen, oder von denen, die in jüngster Zeit als Migranten aus Syrien, Afghanistan oder anderen Krisenregionen an Rhein, Ruhr und Lippe eine sichere Bleibe fanden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war NRW wie ein Magnet. Vor allem das Ruhrgebiet bot in den Steinkohlezechen und Stahlwerken, im Maschinenbau und vielen Zulieferbetrieben Chancen auf Arbeit und materiellen Aufstieg. Doch seit etwa drei Jahrzehnten befinden sich einst so starke Regionen wie etwa das Ruhrgebiet, in dem rund 4 Millionen Menschen leben, in einem schwierigen Strukturwandel.

Schwieriger Strukturwandel

Arbeitgeber und Gewerkschaften, Manager und Betriebsräte haben mit guter politischer Flankierung diesen Wandel sozialverträglich gestaltet. Niemand fiel ins Bergfreie. Gewiss, es ist auch viel Neues entstanden. Doch sollten sich alle in NRW jetzt im Rausch der Jubiläumsfeier zu einem klaren Aufbruch in die Zukunft aufraffen. Die Landesregierung muss mit massiver Unterstützung des Bundes eine konzertierte Aktion starten, die in den nächsten Jahrzehnten NRW wieder in die Spitzengruppe unserer Republik bringen sollte.

Gute Ressourcen für die Zukunftsgestaltung

Die Ressourcen dafür sind vorhanden. Zum einen bietet allein die Größe und Vielfalt des Landes beste Voraussetzungen. Die Menschen sind weitgehend qualifiziert. Mit besonderen Programmen wären Weiter- und Umqualifizierungen gut möglich. Vor allem sollten mit gezielten Maßnahmen die vielen Langzeitarbeitslosen möglichst schnell in den Arbeitsmarkt gebracht werden. Kein Jugendlicher darf auf der Strecke bleiben, selbst wenn die Schulabschlüsse nicht ausreichen sollten. Jede Investition in die Nachqualifizierung ist kostengünstiger als der sonst vielfach vorgezeichnete, fast schicksalhafte Weg in ein Hartz IV-Dasein.

Rohstoff Wissen nutzen!

Die Dichte der Universitäten, Fachhochschulen und anderer Bildungsinstitutionen ist nirgendwo in Deutschland so groß wie in NRW. Das ist ein Pfund, mit dem NRW in der zunehmend digitalisierten und globalisierten Welt in Zukunft noch stärker wuchern könnte. Das gilt für alle Bereiche der Technologie ebenso wie zum Beispiel der Medizin. NRW sollte die Hochburg etwa für den gesamten e-health-Sektor werden. Noch mehr Input und Anstrengungen sowie auch der gezielte Einsatz von Geld sollten für die Entstehung von Leuchttürmen her, um etwa in der Medizin weltweit Aufmerksamkeit zu erreichen, ja vielleicht sogar Nobelpreisträger aus NRW hervorzubringen.

Infrastruktur verbessern!

NRW hat eine gute Verkehrsinfrastruktur – etwa mit dem dichtesten Autobahnnetz. Zugleich ist es derzeit das Stauland Nr. 1. Hier muss ein weiterer Schwerpunkt für die zukünftigen Weichenstellungen liegen – mit dem Neubau von Straßen, mit dem Ausbau des Regionalverkehrs auf der Schiene, mit der besseren Nutzung der Kanäle, mit neuen Logistik-Systemen sowie mit einer optimal abgestimmten Strategie für den Luftverkehr. Mobilität ist einer der wichtigsten Standort- und Produktionsfaktoren der nächsten Jahrzehnte! Auf den Brachflächen von ehemaligen Zechen und Stahlwerken ist vieles möglich, was für die Entwicklung des e-commerce notwendig wird.

Gegen Slums und Ghettos

Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus den Veränderungen der städtischen Strukturen. Wer heute zumeist auf den Norden großer Städte im Ruhrgebiet – von Dortmund bis Essen – blickt, wird sofort begreifen, dass es höchste Zeit ist, die Verslumung und Ghettobildung zu stoppen. Neue Quartiere müssen geschaffen werden – ohne Zweifel eine Herkulesaufgabe für die Wohnungsbaupolitik und die Städteförderung. Allerdings gibt es auch dafür eine Reihe von gelungenen Beispielen: Alte Bergbauwohnungen wurden renoviert etwa von der RAG-Montangrundstücksgesellschaft unter Führung von Professor Noll, Flächen für neue Betriebe hergerichtet, Zechenwohnungen privatisiert und modernisiert. Neue Wohnungsformen sind dabei ausprobiert worden – zum Beispiel Quartiere, in denen junge Familien zu bezahlbaren Mieten Tür an Tür mit älteren Menschen wohnen und gute Nachbarschaft pflegen. Zugleich wurde vielfach das Umfeld – mit Kitas, Schulen, Spielplätzen, Erholungszonen usw. – freundlich gestaltet. NRW sollte in den nächsten Jahrzehnten attraktive Wohnorte schaffen, das lockt auch viele junge Menschen aus anderen Regionen an.

Dynamische Unternehmer anlocken!

Schließlich muss der neue Aufbruch ein Signal für dynamische Kräfte sein, die hierzulande unternehmerische Aktivitäten entwickeln wollen.
Universitäten, Hochschulen und Technologiezentren sollten noch viel stärker als bisher Brutstätten für neue Unternehmen werden. Erste Ausgründungen etwa auf dem Campus-Gelände wie zum Beispiel in Aachen weisen in die richtige Richtung. Strukturwandel ist nur mit Innovationen möglich, mit neuen Produkten, Dienstleistungen und Prozessverfahren. NRW ist außerordentlich reich an Potenzialen, die in neue Firmen eingebracht werden können. Denn nur so werden neue zukunftsträchtige Arbeitsplätze geschaffen, nur so Wachstum generiert, Eliten aus anderen Regionen angelockt.

Heimatgefühle stärken!

Wenn auch NRW nach der ersten Halbzeit seines Bestehens, die eine einzigartige Erfolgsstory war, in der zweiten etwas zurückgefallen ist, so können Rheinländer ebenso wie Westfalen mit Stolz auf ein Land mit einer solchen kulturellen, landschaftlichen und sportlichen Vielfalt blicken. Dieses Bewusstsein gilt es zu stärken! Die Menschen aus NRW müssen als „Botschafter“ für das Land gewonnen werden, damit sie in Bayern, Baden-Württemberg oder in welch’ anderem Bundesland auch immer begeistert und positiv für ihre Heimat werben. Auch das wird den neuen Aufbruch beflügeln, damit NRW in der Zukunft ein ganz starkes Stück Deutschlands mitten in Europa bleiben, damit NRW zu einer echten Einheit wird.

 

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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