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ARD und ZDF – Staatsfernsehen die einen, Aufklärer die anderen

Zwei Sendungen, die man archivieren und in Medienseminaren immer wieder vorführen sollte: Die ARD-„Tagesthemen“ und das ZDF „heute journal“ am Tag der Amtseinführung von Annegret Kramp-Karrenbauer als neue Verteidigungsministerin. Die Quintessenz: So unterschiedlich kann öffentlich-rechtliches Fernsehen sein – die „Tagesthemen“ als lamm- oder lahmfrommes Staatsfernsehen, in geistig gebückter Haltung produziert, und das „heute journal“ als aufklärend kritisches TV-Magazin mit dem unbedingten Willen, Wortbruch, Ungereimtheiten und Respektlosigkeit von Politikern gegenüber dem Wähler aufzuzeigen.

Moderatorin Pinar Ataley eröffnete die Tagesthemen, als wollte sie einen Rosamunde-Pilcher-Film ansagen: „Ein feierlicher Tag in Berlin neigt sich dem Ende zu.“ Und mit dem ersten Einspielfilm ging es genauso weiter. Journalistische Gartenlaube: Da sitzen Kanzlerin Merkel, Ursula von der Leyen und AKK im Schloss Bellevue brav wie Konfirmandinnen nebeneinander und Reporter Christian Feld sinniert zu musikalischem Wohlklang aus dem Off: „Wäre das hier ein Gemälde, wie würde es wohl heißen ? – Vielleicht die drei Damen mit dem Siegerlächeln.“ Die neue Verteidigungsministerin übernehme „ein Ministerium mit Risiken und Nebenwirkungen.“ Doch dann verheißt Reporter Feld: „der Job ist aber auch eine Chance“. Ein bisschen Mäkelei von Opposition und SPD an Wortbruch und mangelnder Kompetenz der AKK wird auch eingefangen. Das Gesamtprodukt ansonsten unkritisch und oberflächlich, bestenfalls begleitende Berichterstattung. Und mit dem Vertrauen des braven Untertans in seine Obrigkeit entlässt ARD-Reporter Feld den Zuschauer mit der beruhigenden Gewissheit: „Annegret Kramp Karrenbauer übernimmt ein schwieriges Amt, aber den Schritt in die Regierung wird sie sich gut überlegt haben.“

Und dann darf auch Moderatorin Pinar Ataley noch mal nett sein. Live-Schalte zu AKK in Berlin: Nicht einmal ansatzweise eine Frage, die den eindeutigen Wortbruch der CDU-Vorsitzenden thematisiert, die doch noch vor kurzem jegliches Ministeramt für sich ausgeschlossen hatte. Stattdessen nur Vorlagen, die AKK die Gelegenheit bieten, sich und ihre Entscheidung ausführlich und rundherum zu loben.

Ganz anders 45 Minuten zuvor das ZDF „heute Journal“. Anchorman Claus Kleber legt sofort los, zielt auf die „Zwölf“: Dieser Wechsel der AKK an die Spitze des Verteidigungsministeriums werfe  Fragen auf. „Die drehen sich um Kompetenz, um die Halbwertzeit politischer Grundsatzerklärungen, um die Rolle von Machtstrategien und um die wahren Sorgen“ des Verteidigungsministeriums. Damit ist das Tableau von Wortbruch, Verlogenheit und Ungereimtheiten von Anfang an ausgebreitet. Danach der Film von Daniel Pontzen – eine rasante Minidokumentation über die „erstaunliche Flexibilität“ der Kramp-Karrenbauer schon im Saarland und dann in Berlin mit serienweise falschen Versprechungen, „Hintertürchen-Rhetorik“, leichtfertig verworfenen Grundsätzen. Der gesamte Beitrag vorgetragen mit meisterhaft ironischen, feinziselierten und niemals respektlosen Formulierungen. Auch das blieb immer öffentlich-rechtlich, aber es klärte auf statt zu verkleistern.

Und auch im „heute journal“ zum Schluss das Live-Gespräch des Moderators mit AKK. Clebers Fragen entlarvten die Wortbrüche und den Kompetenzmangel der neuen Verteidigungsministerin. Diese Fragen punktgenau, hartnäckig und gnadenlos.  Sie thematisierten unter anderem, dass es Kramp-Karrenbauer vorrangig um die eigene Karriere zur CDU-Kanzlerkandidatur und nicht um die krisengeschüttelte Truppe gehe. Die Fragen waren so angelegt, dass sich die Parteichefin und Ministerin mit ihren ausweichenden Antworten immer noch mehr selbst entlarvte und blamierte.

Die ARD-Tagesthemen hatten an diesem Tag 2,04 Millionen Zuschauer, also eine Quote von 9,7 Prozent; das heute Journal 4,6 Millionen Zuschauer und damit 18,1 Prozent. Gut so !!!

Bildquelle: Pixabay, Bild von OpenClipart-Vectors , Pixabay License

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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