Wedding 1947: Tauschzentrale

BRENNHOLZ FÜR KARTOFFELSCHALEN

Berlin. Mai 1945. Der Krieg ist aus. Gebückt, verängstigt laufen die Menschen durch die Straßen. Vorbei an Ruinen. An eingedrückten Hauswänden entlang. Frauen sind kaum zu sehen. Sie haben Angst vor den marodierenden russischen Soldaten. Geschossen, gebombt wird nicht mehr. Einen Überblick hat kaum jemand. Die Reste der Schiller- und Goetheparks werden in Küchenherden verheizt. Ein Brikett Kohle ist ein Vermögen wert. Durch die Weddinger Sprengelstraße – zwischen dem berühmten Virchow Krankenhaus und dem Westhafen gelegen – rumpeln von müden, klapprigen Gäulen über das Kopfsteinpflaster gezogene Pferdewagen, beladen mit Brennholz. Auf dem Bock schwingt der Kutscher eine Glocke, ruft: „Brennholz für Kartoffelschalen!“ Holz ist knapp. Kartoffeln sind es auch. Es mangelt an Lebensmitteln. Geld ist nichts wert. Es gibt keine Arbeit. Selten halten die Pferdewagen an. Die Tauschgeschäfte laufen schlecht. Das alte Arbeiterquartier ist schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Nach den schweren Kämpfen während der Schlacht um Berlin entlang der Weddinger Schul-, See- und Badstraße sind ein Drittel der Gebäude des Arbeiter – Bezirks durch Bomben und Artilleriebeschuss zertrümmert, zerstört. Die Anwohner verschüttet, ausgebombt. Die Flugzeugmotorenfabrik gegenüber der Sprengelstraße 22 ist zertrümmert. Der Westhafen ist verödet. Die Vermissten werden gesucht, die Toten auf den Gemeindefriedhöfen an der Seestraße begraben. Die Hinterbliebenen versuchen sich zu trösten, sich im Nachkriegselend zu organisieren.

Diese Bilder und Erinnerungen werden im kommenden Frühjahr 75, der Wedding im Herbst 2020 100 Jahre alt. Viele der Überlebenden, die 1945 Kinder und Jugendliche waren, leben nicht mehr. Die, die gegen die Nationalsozialisten Widerstand geleistet haben oder Juden waren, auch nicht. Mindestens 672 haben die Nazis umgebracht.

An sie wird vor allem in diesen kommenden Wochen und Monaten im einstigen Arbeiterbezirk erinnert: In dem kleinen Kulturverein in der Brüsseler Straße steht Sebastian El Rawas und erwartet den Verleger Walter Frey, der den Verlag Wedding-Bücher betreibt. Sie haben zu diesem Abend eingeladen, um das Buch vorzustellen „Das darfst Du nicht! Von St. Petersburg nach Berlin Wedding.“ Erinnerungen von Walli Nagel, die Frau des Malers Otto Nagel, mit dem sie ab 1925 nach ihrer Rückkehr aus der sowjetischen Ostseemetropole im Berliner Wedding lebte, unter anderem mit Käthe Kollwitz und Heinrich Zille befreundet waren. „Sie hat diese spannende Autobiografie erst Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben,“ erinnert Walter Frey, „als Autobiografien von Frauen noch recht ungewöhnlich waren.“
Die Veranstaltung ist gut besucht. Junge und ältere Frauen und Männer aus dem Kiez, interessiert, konzentriert zuhörend. Frey`s kleinen Verlag gibt es seit etwas mehr als zwei Jahren und wer an diesem Abend in sein Programm schaut, den führt der Weg am nächsten Tag in die die Sprengelstraße kreuzende Tegeler Straße zu Kurt Steffelbauer.

Die frühere 29. Volksschule im Sprengelkiez gibt es noch heute unter dem Namen Brüder Grimm Schule. An ihr hat Kurt Steffelbauer in den 30ger Jahren unterrichtet und gegen die Nazis gekämpft. Im Mai 1942 ist er im Gefängnis Plötzensee hingerichtet worden. Eine Gedenktafel am Schuleingang erinnert an seinen Widerstand ebenso wie das Buch von Heidrun Joop „Kurt Steffelbauer – Ein Berliner Lehrer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“. Sebastian El Rawas ist Lehrer und unterrichtet an der Schule, an der Kurt Steffelbauer einst tätig war. Für den jungen Lehrer ist die Spurensuche wichtig, nicht nur, weil sie Erinnerungen aufweckt, auch weil ihre Funde so viel mit heute zu tun haben.

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, Bild 183-R66756 / CC-BY-SA 3.0

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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