Fragezeichen

Corona-Krise – Laschet mehr Wahlkämpfer als Krisenmanager

In Krisen werden Schwächen und Stärken, Anspruch und Wirklichkeit nicht nur von Gesellschaften sondern vor allem die Qualitäten ihrer Eliten deutlich. Ihre Führungsfähigkeiten geraten jetzt viel stärker in den öffentlichen Focus, befinden sich auf dem demokratischen Prüfstand. Denn, wenn der augenscheinliche Wohlstand regiert, das quantitative Wachstum die veröffentlichte Wahrnehmung berauscht, die Schwachen, Enttäuschten und Verlierer des ungebremsten Fortschrittes in der alimentierten Vergessenheit verharren, dann ist scheinbar alles in Butter, dann erscheint keine Notwendigkeit für grundlegende Reformen. Krisen, das sind aber auch die Zeiten, wo sich politische Talente besonders herausbilden können, Kurswechsel besonders notwendig werden, wo das Hinterfragen von Althergebrachtem ansteht. Das gilt jetzt nicht nur für Gesundheitssysteme sondern gerade bei einer Pandemie stellt sich die Frage, wo sind die anderen Pandemien auf dieser Welt? Was ist mit dem Klimawandel, der rasanten Globalisierung, der irrwitzigen Rüstungsspirale, den brandgefährlichen Wettläufen zwischen China, USA, Indien oder Russland, dem Aufstieg reaktionärer Kräfte in Ungarn, Polen oder Brasilien? Was wird aus der EU? Welche Rolle spielt sie angesichts eines mächtigen Deutschlands, aus dem seit dem Außenminister Genscher kein namhafter Vorschlag oder Außenminister gekommen ist?

Wer glaubt in diesem Lande noch, das die Pandemien vor dieser Landesgrenze halt machen und es sich nach Corona wieder gemütlich einrichten lässt? Wird das Vergessen so schnell sein wie nach der Finanzmarktkrise vor gut zehn Jahren? Sicher, einige Finanzmarktrisiken sind danach ausgeschlossen worden und dem Bankensystem wurden einige zusätzliche Sicherungen eingebaut. Aber das war es dann auch. Weiter geht es seitdem nach kurzer Zeit des öffentlichen Nachdenkens in den alten Mustern von wirtschaftlicher Zügellosigkeit, Klimakatastrophe oder Rüstungswahnsinn. Die USA, einst zuverlässiger Partner und demokratischer Ankerplatz im Westen erlauben sich zudem einen irrlichternden Präsidenten als  Wunderdoktor, der seiner erkrankten Bevölkerung Spritzen mit Reinigungsmitteln zur Heilung empfiehlt. Alles nur Fake News, oder ?

Doch auch jetzt bieten sich wieder Gelegenheiten, Profile zu schärfen, Führungsqualitäten zu beweisen, Versäumtes nachzuholen, Lösungen anzubieten, den Menschen Hoffnung zu geben, ja Visionen aufzuzeichnen, statt nur selbstgefällig von künftigen Generationen zu finanzierende Milliardenprogramme zu verkünden. Sicher, wir sind bislang noch einmal gut davongekommen, doch die Widersprüche werden auch hierzulande deutlicher. Die Leerformeln der politischen Sonntagsredner geistern durch die Talkshows, das schrille Klagelied der Verbandsvertreter, wo jeder für sich die größte Not beansprucht bis hin zu den Bundesligamillionären, wird immer lauter. Systemrelevant scheint in dieser Republik das Tarnwort für Eigennutz zu sein.

Schauen wir einmal in die Politik. Hier ragt besonders Armin Laschet hervor, der immer schon aber besonders in diesen Zeiten jedes Mikrophon aufspürt und im Wahlkampf um die Nachfolge Angela Merkels wohl glaubt mit einem medialen Overkill zusätzliche Sympathien für sich zu gewinnen. Als rheinischer Generalvertreter für landesweite Lockerungsübungen wirkt er genauso unglaubwürdig wie er ist. Ja, selbst von konservativen Medien wird er gescholten und die Kanzlerin sah sich zu öffentlichen Warnungen vor leichtfertigen Lockerungsforderungen genötigt. Vielleicht ist Laschet oder seinen Beratern entgangen wie dünn das Eis ist auf dem auch wir noch wandern und wie diese Forderungen jene bestärken können, die ohnehin die Sicherheitsvorkehrungen missachten. Der NRW Ministerpräsident, der in einer natürlich öffentlichkeitswirksam einberufenen Corona-Kommission nach WDR-Recherchen ein Unternehmerehepaar installiert hat, welches seiner CDU und dem Koalitionspartner FDP über eine Million Euro Spendengelder zufließen ließ, wirkt mit jedem öffentlichen Auftritt immer unglaubwürdiger. So rief Laschet nach Angaben des Geschäftsführers des Nobelhemdenherstellers van Lack diesen Ende März an und bat um Schutzmasken, die auch an die Landesregierung geliefert wurden, so die Lokalausgabe Mönchengladbach der konservativen Rheinischen Post. Prima. Laschets Sohn Joe, ist für den königlichen Hemdenhersteller aus dem Rheinland als Modell-Influencer im Internet aktiv. Ein Landesvater muss sich eben um alles und jeden kümmern, oder?

In Talk Shows, wie jüngst bei Anne Will, vergaloppiert sich der Papa allerdings dann doch mit absurden Behauptungen, wie keine Zuständigkeit für die Schulen im Lande zu haben oder schiebt die Schuld an widersprüchlichem Handeln Virologen zu.

Schauen wir auf die Wirtschaft, die Autobranche. Auch bei ihr hat sich die Lobbyisten Maschine in Berlin heiß gelaufen. Schließlich locken auch in der Hauptstadt Milliarden Unterstützungsgelder aus dem Staatssäckel. Ein Hilfsprogramm für die Branche ist notwendig, ist jetzt schon zu hören.

VW-Chef Dies fordert dies und natürlich auch jenes, aber lobt gleichzeitig jenes der erfolgreichsten Jahre der Konzerngeschichte mit rund 20 Milliarden Euro Gewinn. Der Dieselskandal scheint verkraftet, verdrängt, vergessen, ja verloren gegangen zu sein im Kurzzeitgedächtnis der Manager, zur Verlustanzeige gehört wohl auch das Gewissen und die Scham. In der VW-Tochter Porsche sollen die Beschäftigten zudem rund 10 000Eur. Boni für das letzte Jahr erhalten. Wir dürfen gespannt sein, ob wie sich die IG Metall in dieser Frage verhält, denn auch sie ist mitverantwortlich für die öffentliche Moral und nicht nur für Tarife. Es bleibt auch die Frage, wo in diesen Zeiten das Engagement der Eliten bleibt für einen gesamtgesellschaftlichen Diskussionsprozeß, der sich nicht nur um die Fragen der Finanzierbarkeit dieser Pandemie hangelt. Lässt uns die Kritik nicht nur aus Südeuropa am deutschen Verhalten kalt? Am deutschen Wesen muss nicht die Welt genesen, aber Vorschläge für ein neues Europa, mit einer gerechteren Wirtschaftsordnung, einer verantwortungsvollen Nachhaltigkeit, besserer gemeinsamer Forschungs- und Produktionsstätten nicht nur für Medikamente, aber auch einer intelligenteren Verteidigungsgemeinschaft, diese Vorschläge dürfte nicht nur dieser Kontinent von unserem Land schon erwarten.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann(geralt), Pixabay

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


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