Druck der Wirtschaftsverbände auf Exitstrategie

Corona und die Unvernunft der Wirtschaft

Soviel geballte Unvernunft, und die an der Spitze unserer Wirtschaft – da fragt man sich, wie es mit Deutschland aufwärts gehen soll, wenn die Corona-Krise vorbei ist. Oder man kann auch so fragen: Sind die Führungsleute von Industrie-, Handel und Mittelstand wenn  nicht von Corona so aber von einem anderen Virus befallen, der ihnen aufs Hirn geschlagen ist ?

Unisono verlangen sie in Interviews und Briefen an die Bundesregierung etwas, von dem sie selbst wissen sollten oder könnten, dass das nicht zu leisten ist. Ihre Forderungen laufen im Klartext darauf hinaus, dass Kanzlerin Angela Merkel gefälligst den genauen Termin für das Ende der Corona-Pandemie voraussagen soll.

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, tönt in einem Zeitungsinterview: „Unsere Unternehmen wollen und müssen wissen, in welchen Stufen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder anlaufen soll“ – und zwar gefälligst direkt nach dem 6. Mai. Und Mario Ohoven vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) fordert von der Kanzlerin: „Heben Sie den Lockdown auf, bevor es zu spät ist.“ Es sei verantwortungslos, dass die Politik keinen Ausstiegsfahrplan vorgelegt habe.

Als könnte irgendjemand den Corona-Infektionsverlauf genau voraussagen. Denn allein von dem hängt es ab, wann und in welchen Schritten die Auflagen gelockert werden können.  Präzise Ansagen sind unmöglich – auch für eine Bundeskanzlerin. Diese Regeln der Logik sollten eigentlich auch Wirtschafts- und Industriekapitäne beherrschen.

Die Spitze des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) drängelt ebenfalls. Sie aber liefert selbst den Beleg dafür, dass genaue Ausstiegs-Zeitpläne nicht möglich sind. In einem Schreiben des DIHK heißt es: „Es kann durchaus ein Weg aus der Krise sein, auf regionale Besonderheiten Rücksicht zu nehmen. Wenn in Rosenheim die Ansteckungen steigen sollten, muss das nicht unbedingt zur Folge haben, dass in Bremen die Geschäfte schließen.“ Eben !!! möchte man hinzufügen. Allgemein gültige präzise Planungen sind nicht möglich – schon wegen dieser regionalen Unterschiede, die niemand vorherbestimmen kann. Vor allem aber sind Disziplin oder Leichtsinn, Vernunft oder Unvernunft der Bürger unkalkulierbare Faktoren. Die bestimmen den Infektionsverlauf und damit, wie weit die nächste Lockerung gehen kann oder ob Erleichterungen auch mal wieder zurückgenommen werden müssen. Das ist alles nicht zu berechnen.

Besonders peinlich für die drängelnden Spitzenleute der Wirtschaft, wenn die Industrie selbst die Corona-Situation verschärft und den Ausstieg damit weiter nach hinten schiebt: Aus Pforzheim kam die Meldung, 300 rumänische Werksvertragsarbeiter einer Fleischfabrik hätten sich mit dem Corona-Virus infiziert – 300 !!!. Das Unternehmen selbst ließ verlauten, angesteckt „hätten sich vor allem ausländische Mitarbeiter, die relativ nah beieinander wohnten“. Sprachlicher Euphemismus. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hingegen drückt es unverhohlen so aus: „Das Geschäftsmodell einer in Schrottimmobilien abgeschobenen Armee osteuropäischer Billigarbeiter könnte kippen.“ So sei das Elend der Mitarbeiter dieser Fleischfabrik in einem heruntergekommenen Gebäude zu besichtigen. Dort hausten 16 Personen in einer Vier-Zimmerwohnung. Da steckt man sich eben leicht an.

Ähnliches hört und liest man immer wieder von anderen osteuropäischen Zeitarbeitern. Die waren erst kürzlich massenhaft nach Deutschland eingeflogen worden; vor allem, um dafür zu sorgen, dass wir auch in diesem Jahr genug vom Edelgemüse Spargel auf den Teller bekommen – und bitte nicht zu teuer.

Auch dazu schrieb der „Spiegel“: „In den beengten, stickigen und oft heruntergekommenen Containern, in denen viele rumänische Erntehelfer leben, ist die Infektionsgefahr nun Berufsrisiko.“ Inzwischen wurden allein in einem Bad Krozinger Betrieb vier Rumänen positiv getestet. Fazit, den Industrie- und Handelsbossen ins Stammbuch geschrieben: Es gibt im Kampf gegen Corona zu viele unbestimmbare Faktoren. Und die machen einen genauen Zeitplan für den Ausstieg aus den Beschränkungen unmöglich. Einer dieser Faktoren ist die Verantwortungslosigkeit von Wirtschaftsunternehmen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann(geralt), Pixabay License

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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