Abschwung

Der Anfang des Schreckens

Das ist nur der Anfang des Schreckens und noch lange nicht sein Ende! Gemeint ist die aktuelle Meldung, wonach das BIP, das Bruttoinlandprodukt der deutschen Volkswirtschaft, im ersten Quartal dieses Jahres um 2,2 Prozent geschrumpft ist. Ab einem Minus von zwei Prozentpunkten spricht man von Rezession. Das ist der stärkste Verlust seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, – und wir sind gerade erstmal an ihrem Anfang. Ob es eine steile Talfahrt oder ein regelrechter Absturz wird, steht erst fest, wenn das Statistische Bundesamt die Zahlen für die Monate, April, Mai und Juni veröffentlichen wird.

Wir erinnern uns. Im Januar war noch nicht von Pandemie die Rede obwohl es bereits Berichte und Bilder aus dem chinesischen Wuhan gab. Ab Februar wurden die Schatten dunkler, die sich über Europa legten. Mitte März schlossen Gaststätten, Geschäfte und Betriebe. Der so genannte „Lockdown“ begann. Die Experten sind besorgt, weil der Covid19-Virus bereits im ersten Quartal dieses Jahres wirtschaftlich sehr großen Schaden angerichtet hat, obwohl die beiden ersten Monate gemessen an der Wirtschaftsleistung noch nicht besonders unter der Pandemie litten.  Das lässt nichts Gutes ahnen.

Unternehmen investierten deutlich weniger. Die Deutschen halten sich beim Konsum spürbar zurück, was sicherlich nicht zuletzt auch an den geschlossenen Läden und Kaufhäusern lag. Nur der Bau und die Ausgaben von Bund, Ländern und Kommunen bremsten die rasante Talfahrt leicht. Die Bundesregierung schätzt das Minus bei der Wirtschaftsleistung für das gesamte Jahr 2020 auf ein Minus von 6,3 Prozent. Schon damit wäre die Rezession größer als im Finanz-Krisenjahr 2009 (-5,7%). Schätzungen von Wirtschaftsverbänden und Wirtschaftsforschungsinstituten beziffern den Einbruch der Wirtschaft sogar mit bis zu minus 10 Prozent.

Jetzt werden die Beschränkungen der Bürger in ihrem sozialen Leben langsam wieder zurückgefahren und die „Zumutung für unsere Demokratie“ gemildert, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nennt. Auch wenn es den Menschen schwerfiel, ihren Alltag umzukrempeln, konnte die Bundesregierung mit ihrem Krisenmanagement punkten. Die rasant gestiegenen Zustimmungswerte für Merkel und ihre Minister unterstreichen das. Doch die wahre Qualität des Krisenmanagements wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen; – dann, wenn die aufgelegten Hilfs- und Konjunkturmaßnahmen Wirkung zeigen oder auch nicht. Verpuffen die eingesetzten Milliarden ohne die erhoffte nachhaltige Erholung unserer Unternehmen, weil die Gelder einfach nur mitgenommen werden, wie bei früheren „Konjunkturprogrammen“ in den 70er Jahren, oder gelingt es den stotternden Konjunkturmotor wieder auf Touren zu bringen? Die Antwort auf diese Frage bestimmt das endgültige Urteil über die Politik in der Krise.

„Der Politik“ wird gerne eine Art Allzuständigkeit zugeschoben. Aber das Ergebnis ihrer Programme kann sie nur bedingt beeinflussen. Deutschland ist bekanntlich eine der führenden Exportnationen. D.h.: Der wirtschaftliche Erfolg unserer Volkswirtschaft, wird auch davon abhängen, wie sich die traditionellen Absatzmärkte im Ausland entwickeln werden. Deshalb waren die Reden der Vorstandsvorsitzenden auf den virtuellen Hauptversammlungen der großen Unternehmen von einer Grundstimmung in Moll getragen. Zwar gebe es erste Anzeichen dafür, dass der „chinesische Markt wieder anspringt“. Für die USA und etliche andere Märkte auf der Welt, fehlen die Hoffnungsschimmer.

In der Türkei verfällt die Währung weiter und mittlerweile ist jeder dritte Arbeitnehmer arbeitslos. Auch in der britischen Wirtschaft hinterlässt der Covid19-Virus ein Feld der Verwüstung. Das hängt mit einem grundlegenden Strukturproblem der britischen Volkswirtschaft zusammen. Sie bezieht 84 Prozent des BIP aus dem Konsum.

 Die Arbeitslosenzahlen der USA schossen geradezu in die Höhe – im April dieses Jahres von 4,4 Prozent auf satte 14,7 Prozent. Das bedeutet: Mit mehr als 33 Millionen Arbeitslosen registrierten die US-Arbeitsämter die höchste Quote seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei fehlen noch über 7 Millionen Menschen, die eigentlich in der Statistik unter „unbeschäftigt wegen vorübergehender Entlassung“ geführt werden müssten. Offenbar scheuen sich die Offiziellen davor. Dann würden sich die Arbeitslosenzahlen mit einem großen Schritt jenen Werten nähern, die es in der großen Depression der 20er-Jahre gab. Damals waren geschätzte 25 Prozent aller Erwerbsfähigen ohne Job. Die psychologische Wirkung dieser Quote wäre verheerend. Präsident Donald Trump verspricht den Amerikanern trotzdem ein „phänomenales Jahr“. Doch das glauben inzwischen nur noch die Hard-Core-Fans des ebenso eigensüchtigen wie großspurigen Präsidenten.

Ist Deutschland also das gelobte Land? Die große Ausnahme? Viele Partner in der EU und in der Welt hoffen darauf, dass es die Deutschen wieder einmal schaffen und zur Konjunkturlokomotive werden. Aber auch bei uns steigt die Zahl der Arbeitslosen. Verglichen mit 2019 zählt die Arbeitslosenstatistik inzwischen über 400.000 arbeitslose Menschen mehr. Die Rechnung für das Kurzarbeitergeld wird immer höher.  Die Bundesanstalt für Arbeit schätzt die Kosten auf 30 Milliarden Euro für 2020.  Trotzdem geht es „uns ja noch Gold“, um den Titel eines Romans von Walter Kempowski zu bemühen.

Bei genauer Betrachtung der aktuellen Situation fällt mir als gelerntem Skeptiker auch die „Tante Jolesch“ ein. Das ist ein höchst vergnügliches Buch von Friedrich Torberg, in dem er Anekdoten aus dem Wien der k.u.k.-Zeit erzählt. Darin schildert der Autor, wie der „Neffe Franz“ von einem Autounfall berichtete, den er mit einem Schrecken und Blechschaden an seinem Fahrzeug überstanden hatte. Es sei „noch ein Glück“ gewesen, dass er nicht auf die Gegenfahrbahn, sondern ins Brückengeländer rutschte. Worauf die „Tante Jolesch“ lapidar feststellte: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch a Glück ist.“

Bildquelle: Pixabay, Bild von Mediamodifier, Pixabay License

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 227 Abonnenten.



Peter Hausmann

Peter Hausmann ist Mitglied der 12. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule (DJS). und war Teilnehmer am ersten Modellversuch von DJS und Ludwig-Maximilians-Universität zur Journalistenausbildung. Anschließend war er als freier Journalist unter anderem für den Münchner Merkur und den Bayerischen Rundfunk tätig, wo er 1982 eine Festanstellung als Redakteur erhielt. Sein thematischer Schwerpunkt ist die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Neben der journalistischen Arbeit erhielt er mehrere Lehraufträge zu den Themen Interviewtechnik und Rundfunkjournalismus an der Deutschen Journalistenschule München, der Ludwig-Maximilians-Universität und an der Katholischen Universität Eichstätt. 1988 wurde Peter Hausmann kommissarischer Leiter der Wirtschaftsredaktion Hörfunk beim Bayerischen Rundfunk. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß, Ende 1988, wechselte er zur CSU als Sprecher des CSU-Vorsitzenden, Bundesfinanzminister Theo Waigel. Ende 1992 kehrte er zum Bayerischen Rundfunk als Leiter der Wirtschaftsredaktion Hörfunk zurück. 1994 wurde Peter Hausmann Sprecher der Bundesregierung und Chef des Bundespresseamtes unter Bundeskanzler Helmut Kohl. Bis Mai 1998 war er als beamteter Staatssekretär Mitglied der Bundesregierung in Bonn. Von 1998 bis 2005 war Peter Hausmann Partner der Wirtschaftsprüfungs-, Steuer- und Unternehmensberatungsgesellschaft Deloitte & Touche, und im November 2005 wechselte er als Partner zur PR-Agentur Pleon. Als Nachfolger von Peter Schmalz war er von 1. November 2008 bis 31. Oktober 2014 Chefredakteur der von der CSU verlegten Wochenzeitung Bayernkurier. Peter Hausmann ist Vorstandsmitglied des Ortsverbandes Laim-West der CSU.


'Der Anfang des Schreckens' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht