Scheitern - Symbobild

Dieter Wellershoff: Der Sieger nimmt alles, Teil 1: Die Jagd nach dem großen Geld

Der Roman erschien im Jahre 1982 und wurde von der konservativen Literaturkritik wegen seiner kapitalismuskritischen Implikationen als Angriff auf die „freie Marktwirtschaft“ verstanden. In der Tat: Dieter Wellershoff zeigt die Mechanismen des hemmungslosen Profitstrebens auf; vor allem aber, was mit den Subjekten geschieht, die sich dieser Logik unterwerfen.

Der Roman schildert den Aufstieg und das Scheitern des Geschäftsmannes Ulrich Vogtmann. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, beginnt er ein Studium und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs herum. Es gelingt ihm nur schwer, irgendwo Fuß zu fassen. Bis er eines Tages als Werkstudent in der Firma des Unternehmers Pattberg beschäftigt wird. Dieser erkennt die Fähigkeiten des jungen Mannes und überträgt ihm allerlei Sonderaufgaben. Vogtmann scheint zu allem zu gebrauchen zu sein. Pattberg gewinnt Gefallen an der unkonventionellen Art Vogtmanns und stellt ihn als Chauffeur an.

Er fuhr gern Auto, hatte schon als Taxifahrer Geld verdient. Doch dies war eine andere Arbeit: Er wurde vor allem Pattbergs Zuhörer. Immer wenn sie zu Geschäftsverhandlungen mit Einkäufern und Großhändlern in die weitere Umgebung fuhren, erging sich Pattberg in weitschweifigen, von Tiraden vorgetäuschter Lebenserfahrung durchsetzten Erzählungen über das Geschäftsleben, die Zeitläufte und sein Hobby, die Jagd. Vogtmann gewann den Eindruck, daß diese dauernde Selbstdarstellung einerseits gerade ihn als Publikum suchte, ihn andererseits aber ignorierte.

Während einer dieser Begegnungen fragt Pattberg, was Vogtmann nach dem Studium machen will. Dieser antwortet zur Verblüffung Pattbergs: Viel Geld.

Er sah das mißtrauische, befremdete Gesicht, mit dem Pattberg ihn musterte, und fügte hinzu: „Einfach aus Sport.“ „Aber wozu?“ fragte Pattberg, als ob er diese Erklärung nicht verstanden hätte. „Das wird sich schon zeigen. Es ist eine Tätigkeit wie jede andere.“ „Was?“ „Geldmachen.“ „Ja“, sagte Pattberg.

Er lehnte sich zurück. Sein Gesicht verschloß sich vor Ablehnung …

Stellen wie diese zeigen, dass sie verschiedenen Lebenswelten angehören. Pattberg ist der Vertreter eines Typs von Unternehmer, der sich noch traditionellen Werten verpflichtet fühlt. Diese Unternehmer sind  – im Unterschied zu den modernen Managertypen – noch Eigentümer ihrer Firma, die sie entweder selbst aufgebaut oder vom Vater geerbt haben. Sie schöpfen ihr Selbstbewusstsein aus dem Wissen um diese Tradition und Herkunft. Es ist schwer, heute Besitz zu haben, die Leute wissen nicht mehr, wieviel Arbeit dahintersteckt, läßt er Vogtmann wissen.

Für diesen ist Geldmachen eine Tätigkeit wie jede andere: reiner Selbstzweck. Vogtmann unterscheidet denn auch zwischen kleinem und großem Geld. Das kleine Geld ist bloß eine Sache des Fleißes. Um das große Geld zu machen, braucht man Phantasie, belehrt er Pattberg. Man sieht: Die Beiden trennen Welten.

Gleichwohl ist es Pattberg, der Vogtmann zur Geburtstagsparty seiner Tochter einlädt. Aber was heißt einlädt: Ganz beiläufig erwähnt er die Einladung, so dass diese einer Distanzierung gleichkommt. Vogtmann, als Subalterner, spürt die Ignoranz, die in der Einladung gelegen hatte, ganz genau. Deutlicher, als Pattberg es getan hatte, konnte man niemanden fühlen lassen, daß man keinen Wert auf ihn legte. Es war schon fast eine Beleidigung. Aber warum bloß?

Vogtmann vermutet, dass Pattberg lediglich als Vollstrecker eines fremden Willens fungiert. Es mußte dessen Tochter Elisabeth sein, die ihn vorschickte. Elisabeth hatte er nach einer der Dienstfahrten kennengelernt. Nichts an ihr hatte ihn interessiert, und auch jetzt, als er ihr vorgestellt wurde und sie aus der Nähe sah, war der erste Eindruck seiner schnellen, abschätzenden Musterung, daß sie für ihn nicht in Frage kam.

Dennoch nimmt Vogtmann die Einladung zur Geburtstagsparty an, auf der er sich isoliert und wie in einem falschen Film fühlt. Es ist Elisabeth, die sich schließlich um ihn kümmert. Die beiden tanzen miteinander und begegnen sich danach öfter. Elisabeth sieht in Vogtmann einen Menschen, der auf der Suche ist.

Ich sehe Sie so. Sie sind ein Mensch, der etwas Besonderes will, sagt sie zu ihm. Vogtmann antwortet: Und es nie bekommt. Darauf sie: O doch. Wenn Sie es richtig wollen. Vertrauen Sie doch auf sich. Die Welt steht Ihnen doch offen. Das ist nicht wahr, sagt er, überhaupt nicht.

Viel Geld haben wäre gut, sagt er, das öffnet einem wirklich die Welt. Nein, widersprach sie, das überschätzen Sie. Vor allem müssen Sie wissen, was Ihnen wichtig ist. Man muß sich selbst und seine wirklichen Werte kennen.

Dieser kurze Dialog ist charakteristisch für die Beziehung der Beiden. Trotz allen Bemühens von Seiten Elisabeths: beide bleiben einander fremd. Für Elisabeth ist die Welt, in der sie aufgewachsen ist, die natürliche. Wohlstand, Sicherheit, Geld haben – das ist für sie nichts Besonderes, nicht einmal etwas Erstrebenswertes. Für Vogtmann ist es eine Welt, die unerreichbar scheint. Elisabeth ahnt die Beschädigungen, die Vogtmann auf seinem Lebensweg erlitten haben mag. Sie spürt seine Einsamkeit und möchte ihm helfen. Aber kann sie ihm helfen?

Vogtmann bleibt ihr gegenüber reserviert und verschlossen. Elisabeth interessiert ihn nicht. Als er seinem Freund Reichenbach gegenüber sein Desinteresse bekundet, antwortet dieser lapidar: Das überleg dir. Man stößt nicht ein paar Millionen von der Bettkante.

Der Hauptstrang des Romans besteht aus der Schilderung der wirtschaftlichen Aktivitäten Vogtmanns. Über einen Zeitraum von etwa 25 Jahre schildert er dessen geschäftlichen Niedergang vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des sogenannten Wirtschaftswunders. In dieser Zeit steigen viele sozial auf. Es ist  auch die Zeit zahlreicher Firmen- und Geschäftsgründungen. Der wirtschaftliche Erfolg wird zum Maß aller Dinge; er entscheidet darüber, ob jemand gesellschaftliche Anerkennung genießt oder nicht. Dem jungen Vogtmann bietet die Heirat mit der Tochter Pattbergs und der darüber vermittelte Einstieg in die Firma seines Schwiegervaters die willkommene Gelegenheit, seinem Lebensziel, möglichst viel Geld zu verdienen, schnell näherzukommen.

Er arbeitet sich rasch ein. Doch schon bald ist ihm der Rahmen, in welchem Pattberg wirtschaftet, zu eng. Auch sieht er im Senior den Kleinbürger, der auf Sicherheit setzt; dessen Krämergeist, der ihm vorsichtiges Handeln souffliert, verachtet er. Vogtmann will höher hinaus, er will expandieren und versteigt sich in waghalsige Geschäfte.

Um seinen Geschäften nachzugehen, muss Vogtmann sehr viel Auto fahren und beim Pendeln zwischen Siegburg und München weite Strecken zurücklegen. Die Art, wie Wellershoff diese Fahrten schildert, lässt Rückschlüsse auf die Befindlichkeit und den Charakter Vogtmanns zu. Da er mit den ausgeweiteten Geschäften notwendigerweise die heimische Fabrik vernachlässigt und  auch eine schleichende Entfremdung von seiner Familie stattfindet, haben die Fahrten nach München für ihn einen gewissen Fluchtcharakter. Hier, allein im Auto, zieht er sich zurück und heraus aus ehelichen Spannungen, hier ist er nur noch er selbst; hier kann er seinen Gedanken nachhängen und Pläne schmieden; hier kann er Zurückliegendes vergessen und verdrängen. Die Autofahrt als Befreiung statt als Belastung. Das Fahren tilgt die Strecke und übt das Vergessen, heißt es einmal. Oder auch: Nie war sein Kopf so frei wie während des Fahrens. Aber auch beim Fahren wirkt er oft wie ein Getriebener, der wenig Rücksicht auf alles nimmt, was ihm möglicherweise im Wege ist.

So rast er einmal in einen Schwarm von Rabenvögeln, als er nach Streitigkeiten mit Pattberg und Elisabeth überstürzt aus dem Urlaubsquartier in Dänemark abreist. Dieses Ereignis wirft ein Licht auf seinen mentalen und emotionalen Zustand. Er war nicht wirklich bei sich  gewesen, hatte sich nicht entspannen können, da geschäftliche Sorgen ihn umtrieben.  Seine gedankliche Abwesenheit korrespondiert mit dem Muster, immer und überall kämpfen zu müssen und nur nach vorne zu blicken, dorthin, wo er seine Zukunft wähnt.

Die Vögel waren plötzlich vor ihm aufgetaucht, so als wären sie flach über die Straße auf ihn zugeflogen, ein Schwarm von Selbstmördervögeln, zwei mußte er erwischt haben. Am Wagen schien nichts passiert zu sein. Wieder rutschte die Tachonadel über die Mitte der Skala nach rechts, und erneut begann das flüssige Vorbeigleiten der dämmrigen Landschaft. Er mußte das Tempo halten, um rechtzeitig am Flughafen anzukommen.

Die Schilderung eines unbeabsichtigten Zwischenfalls, bei dem nur die Vögel Schaden nehmen, zeigt Vogtmanns kurzes Aufschrecken aus einem Zustand wie in Trance, und dann nicht etwa ein Anhalten und kurzes Innehalten, um sich über einen möglichen Schaden zu vergewissern, sondern die Wiederaufnahme des Tempos. Vogtmann ist sich schnell gewiss, dass nicht er an dem Zwischenfall schuld ist, sondern die Selbstmördervögel.  Damit ist für ihn die Sache erledigt, er kann sich bei solchen zufälligen Vorkommnissen nicht länger aufhalten. 

Es gibt noch eine zweite Schilderung von Vogtmanns Autofahrten, und diesmal setzt er sein eigenes Leben aufs Spiel, indem er bei einem schweren Unwetter über die Autobahn rast, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch diese Szene ist aufschlussreich: Vogtmann verspürt geradezu einen Kitzel, einen Reiz darin, bei höchster Gefahr an anderen vorbeizufahren, andere hinter sich zurückzulassen. Auch hier hat das Fahren  Symbolcharakter für seinen ökonomischen Kampf und seine Sehnsucht, daraus als Sieger hervorzugehen.

Er konnte nur hoffen, glatt durchzukommen. Die Bahn war jedenfalls leerer geworden, denn viele Lastzüge standen jetzt auf den Parkplätzen. Die Fahrer warteten den Durchzug der Wetterfront ab, die sich zu einem Unwetter auszuwachsen begann. Er hielt sich auf der Überholspur und fuhr mit kaum vermindertem Tempo an allen Wagen vorbei. Unwetter erregten ihn, sie hatten etwas Festliches. Sie forderten ihn heraus, und sie versprachen etwas. Alles gehörte dem, der seine Mittel richtig einsetzte, sein Können, seine Wachsamkeit … Das Fahrzeug und sein eigener Körper hielten ununterbrochen Kontakt, sie sprachen miteinander, sie arbeiteten gemeinsam, sie schafften es.

Es ist, als ob er mit seinem Gefährt verschmilzt – das Gefährt zum Gefährten wird. Aber das Auto bleibt ein Ding,  mit dem man sich je nach Fahrstil und äußeren Bedingungen in große Gefahr begeben kann. Das Unwetter als Herausforderung und als Verheißung von Künftigem?  Auch hier wieder die Parallele zum Geschäftlichen: Vogtmann stellt sich den Risiken und Gefahren, fühlt sich aufgrund seines Könnens, seiner Wachsamkeit und im Bewusstsein des richtigen Mitteleinsatzes dieser Herausforderung gewachsen. 

Vogtmann wird in seinem geschäftlichen Tun als ein äußerst widersprüchlicher Charakter dargestellt. Er ist nicht der typische Aufsteiger, der sich anpasst und die Normen seiner Umwelt internalisiert. Zwar möchte er hoch hinaus und wirtschaftlichen Erfolg haben. Aber andrerseits bleibt er sich auch treu. Er spürt, dass er zu den Kreisen der oberen Geschäftswelt nicht dazugehört. Deutlich wird ihm das auf einer Party im Zusammensein mit Repräsentanten der sogenannten wirtschaftlichen und kulturellen Elite. Vogtmann fühlt sich fehl am Platze und verlässt die Party vorzeitig. Aber er wollte weg hier und mit niemandem von der Party mehr zusammen sein. Zu wem gehörte er eigentlich? Wer zu ihm? Elisabeth? Christoph(der Sohn; J.F.) ? Sie waren so fremd wie alle anderen.

Auch in der Familie Pattberg bleibt er ein Fremder und  verweigert sich bestimmten Anpassungsritualen. Wohl auch deshalb, weil ihm diese Verhaltensrepertoires gar nicht zur Verfügung stehen. Er entwickelt zwar eine erstaunliche Durchsetzungsfähigkeit und  Rigorosität im wirtschaftlichen Handeln, aber es gelingt ihm nur bedingt, den eiskalten Geschäftsmann abzugeben. Er, der aus bescheidenen Verhältnissen kommt, trägt Eigenschaften aus dieser sozialen Herkunft mit sich herum, die ihn einschränken und behindern und die er hasst:

Und alle Generationen vor ihm hatten das als Demut und Geduld empfunden, als Gehorsam und Bescheidenheit, und er erst hatte begriffen, daß es nicht Tugenden waren, sondern Fesseln. Und von da an hatte er versucht, sich davon zu befreien … Seele bedeutete Angst, Hemmung, Ergebung, und es war eine Eigenschaft der Oberschicht, keine Seele zu haben.

Auch im Bewusstsein seiner vermeintlichen Schwächen kann Vogtmann diese nicht gänzlich abstreifen: Er kann nicht aus seiner Haut. Er träumt davon, in der großen Welt des Wirtschaftslebens nach oben zu kommen und mitzuhalten. Zunächst mit Erfolg. Als dann die ersten Einbrüche kommen, macht ihn das nicht vorsichtiger, sondern ungeduldiger und waghalsiger. Vogtmann scheint der Instinkt für Gefahren zu fehlen. Immer wieder versucht er, den Entwicklungen auf dem Markt zuvorzukommen und rechnet mit Geschäftserfolgen, die noch keineswegs sicher sind. Seine Geschäfte werden immer undurchschaubarer. Er lässt sich auf Konstruktionen ein, die er nicht mehr überblickt. Er wird vom Handelnden zum Getriebenen, der an irgendeinem Punkt nicht mehr zurück kann. Und er wird das Opfer von Machenschaften anderer.

Was hatte sich eigentlich verändert? Warum hatte er kein Glück mehr? Seit Wochen wich alles, was er erreichen wollte, vor ihm zurück, und es schien besser zu sein, nichts mehr zu tun, anstatt weiterzukämpfen. Die Augen schließen und alles laufenlassen: Das war es vielleicht. Er mußte aufhören zu kämpfen und einfach leben, etwas, das er nie gekonnt hatte. Leben. Es war immer nur eine Erwartung gewesen, der dauernde Versuch, endlich irgendwo anzukommen, wo das Leben stattfand. Nun saß er hier, und das war es … Es war angenehm, so demoralisiert zu sein, wie er sich fühlte.

In solchen Momenten überkommt Vogtmann die Ahnung, falsch gelebt zu haben. Was heißt falsch gelebt ? Noch gar nicht gelebt zu haben. Er hat gekämpft, sich abgerackert, während das Leben anderswo stattgefunden hat. Es ist einfach an  ihm vorbeigegangen. Aber zurück kann er nicht mehr. Er kann nicht einfach aussteigen. Zu sehr hat er sich in seine riskanten Geschäfte verstrickt. Er muss weiterkämpfen, immer weiter. Auch wenn er längst ahnt, dass dies zu nichts mehr führt.

Auch sein Scheitern nimmt ihm nicht die Illusion, doch recht gehabt zu haben. Zumindest musste er sich das einreden. Er war nur der Logik wirtschaftlichen Handelns gefolgt, ohne zu merken, dass nicht er es war, der diese Logik bestimmte. Die Gesetzmäßigkeiten des Konkurrenzkampfes waren undurchschaubar. Der Einzelne war ihnen ausgeliefert. Jeder einzelne Marktteilnehmer mochte aus seiner Perspektive rational handeln. Aber erst im Nachhinein entschied sich, wer am Markt bestehen konnte und wer unterging. Wirkliche Alternativen gab es nicht. Jedenfalls ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung nicht mehr. Die Dinge liefen wie sie liefen. Er konnte sie nicht mehr beeinflussen. Aus einem Glücksspiel war ein Krieg geworden. Der Krieg aller gegen alle – vor allem aber gegen ihn. So empfand er es jedenfalls.

Erst die Arbeit, dann das Spiel. Und wer hatte eigentlich gesagt, im Krieg sei es besser, eine falsche Entscheidung zu treffen als überhaupt keine? Guter Spruch fürs Leben, weil Leben auch ein Krieg war. Sein Krieg hatte angefangen, als der andere zu Ende ging. Gut, er hatte eine falsche Entscheidung getroffen und doch recht gehabt. Oder er würde recht behalten, er würde seine Schlacht schlagen und gewinnen. Der Sieger bestimmte, was in den Geschichtsbüchern stand, und der Verlierer konnte nicht widersprechen. Dem Verlierer wurde der Mund gestopft. Er biß ins Gras, er mußte Erde fressen. Hatte den ganzen Mund voll Blut! Verdammte Scheiße, wie war er jetzt darauf gekommen? Er hatte doch nicht mehr daran denken wollen.

Vogtmann wird in diesen Momenten, in denen er in den Abgrund blickt, immer auch von seiner Vergangenheit eingeholt. Die Erinnerung an Demütigungen und Niederlagen in der Kindheit blitzt auf, wo er stets der Verlierer war. Man hatte ihn in seiner Kindheit und Jugend gequält, verhöhnt und erniedrigt. Im Internat lief er jahrelang mit zu kleinen Schuhen herum, wodurch sich seine Zehen verkrüppelten. Wellershoff erwähnt diese verkrüppelten Zehen bereits am Romananfang, als er schildert, wie die Leiche Vogtmanns aus dem Hotel gebracht wird – ein ungewöhnlicher Beginn für einen Roman, gewissermaßen vom Ende her erzählt – und dann an verschiedenen Stellen immer wieder, als hätten sie Symbolcharakter für die frühen Beschädigungen, die Vogtmann in seinem Leben davongetragen hat. Mit Gewalt muss er sich von diesen Erinnerungen und Bildern losreißen, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Gleichwohl kann er die Angst nicht bekämpfen und sich der Einsicht nicht länger verschließen, dass er gescheitert ist.

Der wirtschaftliche Ruin stößt ihn in eine tiefe Sinnkrise. Begreift Vogtmann, was ihm geschieht? Wohl kaum. Vielleicht ist es gar nicht möglich, einen Sinn im Sinnlosen zu finden.

Gegen die moderne Selbstermächtigung des Subjekts setzt Wellershoff dessen Dezentrierung. In dieser Hinsicht stimmt er mit dem amerikanischen Sozialphilosophen Richard Rorty überein. Dieser hat in seinem Aufsatz über Freud und die moralische Reflexion nachgewiesen, dass bereits Freud Schluss macht mit der bürgerlichen Ideologie des erhabenen, autonomen Subjekts. Nach Ansicht Rortys zeigt Freud, dass das Individuum etwas Mittelpunktloses, ja eine Schöpfung der Erinnerung darstellt – eine Zufallsgruppierung menschlicher Bedürfnisse. Damit erschüttert er die beherrschende Stellung des Ich zugunsten des Unbewussten, das als Zufallsmaterial mehr oder weniger zum Ich aufgebaut werden muss. Damit ist der Mensch nicht länger Herr des Geschehens, noch weniger der Vernünftigkeit des Wirklichen.

Es ist interessant, dass Rorty zu den Charaktertypen der Moderne, wie er sie vor dem Hintergrund der Deutung Freuds entwickelt, auch den Manager zählt. Im Unterschied zum klassischen Unternehmer, der oft noch selbst Hand anlegt und aus dem wirtschaftlichen Erfolg seines Unternehmens eine gewisse Sinnstiftung erfährt, handelt der moderne Manager in einem anonymen, sinnfreien Raum. Das Was und Wie seiner wirtschaftlichen Aktivitäten bleibt abstrakt. Er organisiert einen Prozess, dessen Resultat allein am wirtschaftlichen Erfolg gemessen wird. Dieser bestimmt sich nach Marktgesetzen, die er nur bedingt beeinflussen kann. Zum Inhalt seiner Tätigkeit fehlt ihm der Bezug. Ob er Schuhe produziert oder Automobile – das ist aus der Sicht dieses Managertyps ohne Bedeutung. Er hat das eingesetzte Kapital zu mehren. Das allein ist Zweck seines Tuns. Erreicht er diesen Zweck nicht, wird er ersetzt.

In der Figur des Ulrich Vogtmann hat Wellershoff uns diesen modernen Individualtyp vor Augen geführt. Einen Menschen, der am Leben vorbei lebt. Es ist eben nicht erst das Scheitern, das diesem Leben keinen Sinn mehr gibt. Selbst der Erfolg hätte diesem Menschen wohl kein erfülltes, glückliches Leben beschieden. Er wäre nach außen hin der Sieger, in seinem Innern jedoch das Opfer seines Sieges gewesen – als einer, der sich immerzu selbst bezwingt und darüber das Leben versäumt. Durch sein Scheitern wird diese Tragik seines Lebens nur sinnfälliger. An dem entfremdeten Leben, das er geführt hat, ändert das wenig.

Wie eine Prophezeiung mutet daher der Schluss des Romans an: Was wir jetzt erleben, sind nur die Vorspiele, heißt es dort. Hat Wellershoff Krisen, wie wir sie gegenwärtig erleben, vorausgeahnt? Sicher nicht in dieser Konkretion: als Finanzkrise, Klimakatastrophe oder Pandemie. Aber ein Autor seines Problembewusstseins wusste um die zügellose Dynamik eines Wirtschaftssystems, das auf der Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen beruht und das irgendwann an seine Grenzen stößt. Denn eine Gesellschaft, die alle sozialen und kulturellen Lebensbereiche dem Primat des Ökonomischen  unterwirft, untergräbt das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen (siehe hierzu Teil 2 von Petra Frerichs). Das könnte eine der Einsichten sein, die sich aus diesem Werk Wellershoffs gewinnen lassen. In diesem Sinne ließe sich sagen: Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.

Bildquelle: Pixabay, Bild von ggomezb, Pixabay License

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Er schreibt Romane, Gedichte, Essays und Rezensionen.


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