Swetlana Alexijewitsch

Eine bemerkenswerte Frau: Swetlana Alexijewitsch

Sie ist eine stille, sehr aufmerksam zuschauende wie zuhörende Frau mit einem zurückhaltenden Lächeln. Mehr als 12 Jahre hat Swetlana Alexijewitsch in Schweden und in Deutschland im Exil gelebt. Vor fünf Jahren – 2015 – passieren zwei entscheidende Dinge im Leben der 1948 im ukrainischen Iwano –  Frankiwsk geborenen weißrussischen Schriftstellerin. Ihr wird der Literaturnobelpreis verliehen und sie kehrt aus dem Ausland nach Minsk zurück. Ihr Hanser-Verleger Karsten Kredel stellt damals fest: „Sie hat ein literarisch wie menschlich einzigartiges Werk geschaffen. Ihre Bücher sind eine Chronik des „Homo sovieticus“, für die sie ein eigenes, zwischen Belletristik und Dokumentation liegendes Genre geschaffen hat.“ In der Begründung für die schwedische Auszeichnung an Swetlana Alexijewitsch hieß es seinerzeit unter anderem: Sie habe den Preis „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, erhalten. Das war damals richtig und das ist es heute auch angesichts der Situation in Weißrussland.

Ein halbes Jahrzehnt lebt und arbeitet sie nun wieder in Minsk, nicht ohne Konflikte mit den staatlichen Institutionen. Sie ist nicht verbittert. Sie ist nicht verzagt. Nach wie vor nicht. Aber sie ist erschöpft, „manchmal ein bisschen“, wie viele andere Frauen und Männer auch, die gegen das System Lukaschenka demonstrieren und arbeiten,  von ihm bedroht werden. Einige gehen, wie Swetlana Tichanowskaja,  ins Exil. Die Präsidentschaftskandidatin floh nach Litauen. Ihre Mitstreiterin Marija Kolesnikowa blieb und gehört dem von ihr und Tichanowskaja gegründeten Koordinationsrat an. Wie Swetlana Alexijewitsch auch. „Hau ab, solange es noch nicht zu spät ist, solange du die Leute nicht in den entsetzlichen Abgrund eines Bürgerkrieges gestürzt hast, “ hielt Alexijewitsch Lukaschenka vor kurzem entgegen, nachdem der öffentlich behauptet hatte, der 35 Köpfe umfassende Koordinationsrat und die Oppositionellen würden eine mit dem Westen koordinierte Machtergreifung planen. Kolesnikowa wies das umgehend entschieden zurück, Alexijewitsch ebenso.  Vielmehr sei klar: Der amtierende Präsident von Belarus sei nicht in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen.

In ihrem 2013 erschienenen Buch „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, das ihr „Opus magnum“ ist, sowie in „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ gibt sie menschlichen Stimmen, Erfahrungen und Schicksalen einen Raum, die in den kollektiven Utopien keinen Platz haben. Sie formuliert das so: „Aus tausend Stimmen, Episoden unseres Alltags und Daseins, aus Worten  und aus dem, was sich hinter ihnen und zwischen den Zeilen verbirgt, setze ich zusammen, nein, nicht eine Realität, sondern eine Vorstellung, ein Bild… Ich setze das Bild meines Landes und seiner Menschen zusammen, die in meiner Zeit leben. Ich wünschte, aus meinen Büchern würde eine Art von Chronik werden, eine Enzyklopädie, die mehr als ein halbes Dutzend Generationen umfasst, deren Vertreter ich nicht erlebt habe. Dazu ist zu sagen:  Das hat sie mit ihren bisherigen Arbeiten voller Zuneigung und Eindeutigkeit, einfühlsam und genau erreicht.

Sie ist die Tochter einer Ukrainerin und eines Weißrussen. Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie in der von der Wehrmacht verwüsteten Ukraine geboren. In Minsk hat sie studiert. Journalismus zunächst. Sie hat als Lehrerin, als Reporterin und Redakteurin bei Zeitschriften und Zeitungen gearbeitet. Zu sowietischen Zeiten. Das Auseinanderfallen des Imperiums war noch weit weg, vielen auch gar nicht vorstellbar. In diesem System aber ist sie aufgewachsen, ausgebildet worden. Und wer in diesen Monaten – gut 30 Jahre später – ihr Buch „Secondhand-Zeit“ zur Hand nimmt, wird, mit einigem Abstand zwar, über diese Generation lesen, die nach 1990 orientierungslos wurde, unter die Räder kam, sich verirrte, am Ende des zurückliegenden, am Anfang des neuen Jahrhunderts. Verschreckt, erschüttert auch von der Katastrophe von Tschernobyl 1986, die Alexijewitsch „eine Katastrophe der russischen Mentalität“ genannt hat. Was sie auch war.

Bildquelle: Wikipedia, Elke Wetzig, CC BY-SA 3.0

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Jörg Hafkemeyer

Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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