Generationenvertrag

Ja zum Generationenvertrag, Nein zur Fußball-Bundesliga

Wie es Euch gefällt, frei nach William Shakespeare, das hätten vielleicht nicht wenige Zeitgenossen gern, wenn es darum geht, mehr Lockerungen wegen des Corona-Virus endlich zu verkünden und Schluß zu machen mit Kontaktsperren und anderen Behinderungen des ach-so geschätzten Lebens in Freiheit. Aber egal, was die illustre Runde mit der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten beschließen wird, es wird nicht so sein wie vor dem Beginn der Pandemie. Abstand halten statt Nähe suchen, Händewaschen, Mundschutz, keine größeren Menschenansammlungen. Ob, in welcher Form und ab wann Hotels und Gaststätten wieder geöffnet werden, wann endlich alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen wieder zur Schule gehen, wann die Museen, Theater, Opern, KInos wieder für den Publikumsverkehr freigegeben werden, wir werden es erfahren. Ebenso neugierig sind wir Freizeitsportler darauf, wann die Sportplätze wieder geöffnet werden für uns, wann wir wieder Tennis spielen dürfen, wann die Isolation der Alten beendet und sie wieder mit ihren Kindern und Enkeln sich austauschen dürfen. Und ich freue mich wieder auf Treffen mit Freunden bei einem Wein und einer Nudel.

Aber die Lage ist unklar, sie wirft Fragen über Fragen auf. Was auch auf der Agenda der Politik steht: die Fußball-Bundesliga will ihre Saison fortsetzen, Geisterspiele so gut wie ohne Publikum soll es geben. Es geht hier um Geld, einzig um Geld, Werbegelder, die man schon bekommen hat und die man sonst zurückzahlen müsste wie die Einnahmen aus dem Ticket-Geschäft. Es geht um Millionen, darum soll gespielt werden, was eigentlich aus medizinischer Sicht mindestens fraglich ist. Wie soll der 1,5 Meter Abstand gewahrt werden, will man Spiele ohne Zweikämpfe, ohne Abgrätschen? Wer dem anderen zu nahe kommt, wird abgepfiffen, Abstands-Freistoß, beim zweiten oder dritten Mal die gelbe Karte? Wie will man verhindern, dass Spieler angesteckt werden, dass der eine den anderen infiziert, dazu die Betreuer, Trainer, Ersatzspieler, die Ärzte. Es geht eigentlich nicht, aber der Fußball soll ja eine Sonderrolle spielen, die Saison soll zu Ende geführt werden. Was passiert, wenn die Infektionen nach jedem Spiel steigen?

Um ehrlich zu sein, Herr Watzke, Herr Hainer, das ist der neue vom FC Bayern, und wie die Verantwortlichen alle heißen: der Fußball macht sich in dieser Situation lächerlich. Es wird tatsächlich argumentiert, ohne Spiele würden Vereine in Existenznöte geraten. Warum bezahlt man den Spielern solche Riesen-Gehälter, warum Zig-Millionen Ablöse für einen Kicker aus Frankreich oder woher auch immer? Da liegt doch das Problem der Vereine, die im Grunde nur noch Millionäre auf den Platz schicken. Ob die irgendwas mit Bayern zu tun haben, Schalke oder Dortmund, oder Köln, interessiert niemand. Es werden Millionen Gelder eingesammelt, Audi zahlt, BMW, VW, Bayer Leverkusen, Gazprom, Adidas, und daraus werden die Gehälter gezahlt, plus Prämien für ein Tor, einen Sieg, ein Unentschieden, für die Meisterschaft, den Pokal, die Qualifikation zur Champions-League usw.  Es geht um Geld, nur ums Geld, ob der Neuer noch weiter für München spielt, ob der Herr Sané ins Bayerische wechselt oder auf der Insel bleibt, es ist langweilig.

Wer rettet die Kultur?!

Wir haben eigentlich andere Probleme. Es geht darum, unter Pandemie-Bedingungen ein Leben zu organisieren, damit möglichst viele Menschen überleben, damit möglichst wenige Menschen sich anstecken, bis endlich ein Impfstoff gefunden wird, der uns ein Leben nach und mit dem Virus ermöglicht. Das Leben, dazu gehört die Arbeit in den Krankenhäusern mit Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, die hoffentlich verschont bleiben von Corona. Und dafür müssen sie ausgestattet werden, mit Masken und Kleidung. Alles auf Abstand, so will man es von uns beim Rewe, beim Edeka, in der U- wie S-Bahn, wie in der Tram, im Zug wie im Flugzeug, wie im Büro, an der Werkbank, in der Uni, überall dort, wo wieder gearbeitet werden darf unter den neuen Bedingungen.Das Leben ohne Schule und Kita ist vor allem für Familien schwierig, oft bleibt die ganze Arbeit an den Müttern hängen, die Homeoffice machen und nebenbei die Schulaufgaben der Kinder überwachen, einkaufen, kochen, einfach alles. Das ist Schwerstarbeit.

Wer rettet die Kultur, wenn über Monate kein Konzert stattfindet, keine Oper, kein Theater, kein Kino? Wer zahlt die Schauspieler, die keine feste Gage haben? Wie machen das die Gastronomen, deren Küche kalt ist, weil sie keine Gäste haben dürfen? Die Ausgaben gehen weiter, die Einnahmen bleiben aus. Wer kämpft für sie?Dabei wäre ein Leben ohne sie, ohne Theater und ohne die Kneipe, den Italiener, kein Leben, oder?

Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass wir alles tun, damit Risikogruppen, Menschen mit Behinderungen und Vorerkrankungen, Ältere mit Diabetes vor Corona schützen, sie aber trotzdem am Leben beteiligen. Sie stehen nicht auf dem Abstellgleis. Diese Gesellschaft in Deutschland lebt seit dem Zweiten Weltkrieg in und von einem Generationenvertrag, der besagt, dass die Jungen für die Alten da sind, das waren früher wir und davor unsere Eltern, und das sind heute unsere Kinder. So hat sich mal die Rentenversicherung aufgebaut, woran man gerade heute erinnern darf. Weil gerade Norbert Blüm zu Grabe getragen wurde, der langjährige Arbeits- und Sozialminister. Der Satz „Die Rente ist sicher“ stammt von ihm und er gilt noch heute und vor allem gilt das System, das diese Versicherung trägt. Es ist eine Solidarversicherung, in die so gut wie jeder einzahlt, auch der Staat, also alle. Diese Solidarversicherung gibt es auch für den Krankheitsfall, gegen die Arbeitslosigkeit, im Pflegefall, letzteres eine Versicherung, die von Norbert Blüm und seinem parteipolitischen Gegenspieler von der SPD, Rudolf Dreßler, gemeinsam über die Bühne gebracht worden ist. Gegenspieler? Blüm und Dreßler waren Freunde.  Gemeinsam haben sie es geschafft, weil diese Versicherung für alle gilt und von allen bezahlt wird. Und zur Solidargemeinschaft gehört, auch wenn es hier dringend Nachholbedarf gibt, das dritte Bein: Die Reichen helfen den Schwachen, heißt,die starken Schultern müssen mehr bezahlen als die schmalen Schultern. Das System hat diese Republik seit 1949 getragen, es hat einige Stürme überlebt, aber es gilt noch immer. Wir alle sind die Gesellschaft, sind eine Gemeinschaft, Egoismus a la Trump ist nicht unser Modell, gemeinsam sind wir stark. Das zeichnet diese Republik aus.

Leben steht über dem Geld

Leben und Gesundheit stehen über dem Geld, Triage gab es in Kriegszeiten, die gottlob lange hinter uns liegen. Es gibt hier bei uns kein Ausleseverfahren, keine Euthanasie, daran darf gerade jetzt erinnert werden, 75 Jahre nach dem Ende der schrecklichsten Diktatur, die wir in Deutschland je hatten, die weite Teile Europas in Schutt und Asche legte und 65 Millionen Tote kostete. Ein System, in dem Kranke, Schwache und Behinderte aussortiert wurden für medizinische Zwecke, dass sie dabei starben, gehörte zu diesem System, das der Menschenwürde spottete. Dass der Grünen-OB von Tübingen, Boris Palmer, sich zu folgenden Äußerungen hinreißen ließ- „Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise  Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“- ist eine solche Entgleisung, die mir die Sprache verschlägt. Später hat sich derselbe Palmer dann  mit den Worten entschuldigt: „Ich sage nicht, wir sollten die Alten sterben lassen“ und er ergänzte dann noch: Wir müssen die Alten mehr schützen.“ Warum hat er dann sowas gesagt? Herr Palmer ist mit 47 Jahren kein Jungspund, er hat sich schon manche Provokation geleistet, aber irgendwann Herr Palmer läuft ein Topf über. Und das ist hier der Fall. Er würde allen einen Gefallen tun, wenn er einfach gehen würde. 

Mit Vernunft hat uns die Politik bisher durch Corona geleitet, es hat bei uns viel weniger Tote und Infektionen gegeben als in Italien, Spanien und Frankreich, um nur die drei Nachbarn zu nennen. Wir sind bisher besser mit der Pandemie zu Recht gekommen, weil die Politik auf Sicht gefahren ist, mit Umsicht und Vorsicht. Ja, es wurden Freiheiten eingeschränkt, auf Zeit natürlich und wir werden sie uns wiederholen, wenn die Zeit reif ist dafür. Die Freiheiten wurden eingeschränkt, um das Virus besser zu bekämpfen. Wir sollten diesen Weg der Vernunft fortsetzen, Lockerungen gehören dazu, Schritt für Schritt sollten wir Einschränkungen lockern, aber dabei aufpassen, dass der bisher erzielte Erfolg nicht verspielt wird. Wir haben es selber in der Hand.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Anemone123, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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