Die Anderen

Politischer Sprachgebrauch – Zu oft mangelt es an Empathie und Verantwortung für Schutzbedürftige

Warum benutzen wir die Worte „asozial“ und „Asoziale“  noch? Sind die Worte sprachlich oder sachlogisch zwingend? Im Duden findet sich das Wort „asozial“ erst 1929; es hat Popularität durch die Nazis erhalten – es ist, wie die stellvertretende Präsidentin des Bundestages, die Linken- Abgeordnete Petra Pau am 13. Februar im Parlament sagte: „Nazi- Jargon“.

Gibt es nichts in unserer Sprache, das diese Worte verdrängen könnte? Der Sozialwissenschaftler und Minderheitenforscher Professor Wolfgang Ayaß schreibt, es sei ein „abwertender Sammelbegriff“, der vor allem in der Nazi-Zeit und später in der DDR verwendet worden sei. Er verwende oft statt „Asoziale“ die Worte „soziale Außenseiter“. Alles, so scheint  mir, ist besser als ein Wort, in dem noch immer Verbrechen gegen die Menschlichkeit und eine grenzenlose Verachtung mitschwingen. Es ist ein Täter-Wort und keins mit Empathie für menschliche Wesen.

Die Auseinandersetzung  über die Worte „Neger“, „Ohrfeige“, „Eskimofrauen“, „Zigeuner“ und andere mehr in Büchern für Klein und Groß wurde zugunsten des Ersatzes geführt und weitgehend gewonnen. 50 Prozent der Deutschen waren dafür, zu ersetzen, 48 Prozent dagegen (erstaunlich: „Je höher der Bildungsabschluss der Interviewten, desto größer ist der Anteil derer, die gegen eine Reform der Kinderbücher sind. So plädieren 85 Prozent der befragten Volksschüler ohne Lehre für eine Anpassung der Texte, doch nur 37 Prozent der Deutschen mit Hochschulreife“).

Warum soll Ersatz der Worte „Asozialer“ und „asozial“ nicht möglich sein? Immer noch und immer wieder „asozial“? Der Sprachgebrauch „Asoziale“ verweist, ob es dem einen oder anderen passt oder nicht, ist irrelevant, auf den Zivilisationsbruch nach 1933. Es gilt Dolf Sternberger: „Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen. Seien wir auf der Hut“ (Sternberger, Dolf: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen,  Seite 324).

Der von SPD und CDU/CSU- Fraktion am vergangenen Donnerstag im Bundestag eingebrachte und angenommene Antrag: „Anerkennung der von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten“ enthält das Wort „Asoziale“ 20 Mal; das Wort „asozial“ ein Mal. Ebenso oft das Wort „Berufsverbrecher“ für die von den Nazis häufig wegen  kleiner und kleinster Delikte in Kz´s verbrachte Menschen.  Die Worte werden   in Anführungszeichen gesetzt und oft durch ein distanzierendes „sogenannt“ ergänzt.

Also noch Mal: Warum? Die erwähnte Abgeordnete Pau hat gezeigt, wie es gehen könnte. Sie sagte: „…„es gibt auch KZ-Opfer, die nicht so bekannt sind. Zu ihnen gehören sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Das ist natürlich Nazijargon. Zu ihnen zählten die Nazis Obdach- und Arbeitslose, Prostituierte und viele andere mehr, oder auch die Gruppe der Jenischen.“

Was spricht dagegen, die vielen Gruppen aufzuzählen, wie Petra Pau begonnen hatte? Zu den „Asozialen“ zählten die Nazis auch „Arbeitsscheue“, wie die Braunen sagten, Alkoholkranke, Bettler, „nach Zigeunerart lebende“, einfach Mittelose, die sich irgendwie durchs Leben schlugen, viele Frauen, die im Sinne der Braunen nicht angepasst lebten.

Was geht Nachfahren dieser menschlichen Wesen durch die Köpfe, wenn sie immer wieder „asozial“ lesen und hören müssen?   

Eine besondere Rolle nehmen hierbei die Jenischen ein, eine zu Tausenden zählende Volksgruppe (der Bundestag nannte 1982 in einer Schätzung die Zahl von 8000), die von den Nazis als Landfahrende, als nach „Zigeunerart“ Lebende, als „Unnütze“ verfolgt worden sind. Tatsächlich sind sie eine Minderheit mit eigener Kultur wie die als Minderheit anerkannte dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe, die deutschen Sinti und Roma und das sorbische Volk. Allerdings wird ihnen die Anerkennung als nationale Minderheit aus fadenscheinigen Gründen verwehrt. In der Schweiz sind sie als Minderheit anerkannt, in Österreich läuft das Verfahren der Anerkennung.

Räume ich in Gedanken  all das weg, was in der Geschichte von Parlament, Fraktionen und Fachleuten über Minderheiten geschrieben wurde, bleibt ein bestimmter „Rest“. Der besteht aus dem Willen, anderen eine Stimme zu geben, die nicht gehört und benannt worden sind, die vergessen werden und am Ende ihrer Rechte verlustig gehen. Unsere Geschichte fängt eben damit an, dass Namen gegeben und die dazu gehörenden Stimmen gehört werden. Dies gilt für mit den Eltern aus Aleppo geflohene Kinder ebenso wie für Völker am Amazonas, für Roma, die Rumänien verlassen mussten oder für stille alte Leute in Köln oder Berlin, die ein Vermieter auf die Straße setzen will. Das gilt auch für die Jenischen. Mit Stimme, Beachtung und Achtung beginnt unsere Geschichte.  

Menschen Gesicht und Stimme zu geben, das hat die  SPD seit ihrer Gründung geprägt und begleitet. Er war stets ein ganz starker Antrieb, Verantwortung  zu übernehmen, zu regieren, Schutzgesetze durchzubringen. Da gab es starke Persönlichkeiten, die das wussten. Zum Beispiel der frühere Partei- und Fraktionsvorsitzende  Dr. Hans- Jochen Vogel. Ich schätze, die SPD hat sich in der vergangenen Woche im Bundestag an diesen Tatbestand nicht erinnert.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann (geralt), Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


'Politischer Sprachgebrauch – Zu oft mangelt es an Empathie und Verantwortung für Schutzbedürftige' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    19. Februar 2020 @ 17:16 Venanz Nobel

    Wer den Nazis als «Asozialer» galt, gehört bis heute im Sprachgebrauch von Politik, Verwaltung und Wissenschaft zu einer «sozialen Randgruppe». Den einen Buchstaben «A» vermisst niemand. Aber als «Randgruppe» interessiert das existierende, oft gar extrem ausgebildete Sozialleben niemanden. Der Weg vom Rand zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe auf Augenhöhe bleibt versperrt. Die Wörter, die Namen, spielen dabei eine grosse Rolle. Solange man sich selbst in der Mitte des Honigtopfs suhlen kann, will sich kaum einer mit den leergeschleckten oder gar verdreckten Rändern beschäftigen. Ein Blick vom Rand durch das Fernglas macht die Sache auch nicht besser. Zu sehr verdeutlicht der Blick durch die Apparatur die Distanz. Die Anerkennung der Minderheiten mit ihren Selbstbezeichnungen ist ein unabdingbarer erster Schritt zu wahrer gleichberechtigter Integration. Wie wichtig der eigene Name ist, mag ermessen, wer in der Schulzeit mit einem unschmeichelhaften Spitznamen durchs Leben gehen musste. Erinnern Sie sich? Nennen Sie mich und meine kulturelle Minderheit beim Namen: Venanz Nobel, ein Jenischer

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