Wegweiser

Rechtsschwenk Marsch!

Was für ein Aufschrei: Der SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjahns möchte Olaf Scholz als Kanzlerkandidat loswerden. Er wird dabei von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer unterstützt. Sie sondiert, wie der Coup gelingen könnte. Die Medien sind voll davon, beschreiben genüsslich das Chaos in der SPD, erzählen von der Selbstzerstörung einer Volkspartei, von Misstrauen der Genossen untereinander. Schäumende, giftige Spritzen, vor Verachtung lechzende Kommentare.

Sorry, das Szenario ist ausgedacht. Nicht ganz. Es findet seitenverkehrt in der CDU statt, wo Jens Spahn, der sich derzeit von vielen Seiten kritischen Nachfragen wegen seiner Impfpolitik stellen muss, gezündelt hat. Hinter den Kulissen lotete er mit Unterstützung des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier aus, ob und wie er den NRW- Ministerpräsidenten Armin Laschet, mit dem er als Teampartner die Führung der CDU übernehmen wollte, aus dem Boot werfen könne. Oder ihn wenigstens zwingen könne, ihm wenn schon nicht den CDU-Vorsitz, so doch die Kanzlerkandidatur zu überlassen. So berichten „Bild“ und die Nachrichtenagenturen.

Eisiges Schweigen dazu bei den Leitartiklern der Republik. Was für sie bei der SPD ein Skandalon gewesen wäre, ist den großen Denkern der Leitmedien keine Zeile wert. Die „Süddeutsche Zeitung“ verpackt diesen CDU-internen Skandal mit wenigen Sätzen in einen Bericht über die Kritik an Spahns Vorgehen bei der Impfstrategie. Überschrift: „SPD schießt sich auf Spahn ein“. Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Selbst im innerparteilichen Grabenkrieg der CDU lässt sich noch eine Kurve finden, die Sozialdemokraten anzuschießen: Guter kritischer Journalismus. Oder???

Gute Reise beim Rechtsschwenk Marsch! Auf diese Lektüre kann man verzichten. Frei nach Heinrich Böll, der einst bekannte, er vertue die Zeit nicht mehr damit, aktuelle Zeitschriften wie den „Spiegel“ zu lesen. Wenn sie ein Jahrzehnt alt seien, dann schaue er rein und wisse, welchen Fehlurteilen sie aufgesessen seien.

Dann schreibt mal schön, aber seid sicher, dass wir diesen Journalismus wie einst der verehrte Böll nicht mehr lesen wollen.

Bildquelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay License

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


'Rechtsschwenk Marsch!' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    11. Januar 2021 @ 13:39 Wolfgang Lieb

    Lieber Norbert Bicher,
    als Ruheständler hat man ja die Zeit, viel und viele verschiedene Zeitungen zu lesen. Böll hat mit seinem Verzicht auf Aktualität zwar Recht, aber bei mir herrscht eine deformation professionelle, also lese ich auch Aktuelles. Und aus dieser Erfahrung kann ich Ihre Kritik etwa an der „Süddeutschen“ nur teilen, aber auch für andere Blätter wie vor allem die FAZ, den Spiegel oder auch die Zeit gilt, jeder Vorschlag, ja jeder Gedanke, der vom Meinungsspektrum der Kanzlerin bzw. der CDU/CSU abweicht wird niedergemacht, siehe z.B. die Debatte über die Bewaffnung der Drohnen oder auch nur die Nachfragen der SPD nach der Strategie beim Ordern der überlebensnotwendigen Impfstoffe gegen das Corona-Virus. Vor allem die „Süddeutsche“, die ja im Wirtschaftsteil mit ihrem Redaktionsleiter Marc Beise schon immer dogmatisch marktgläubig war, hat seit geraumer Zeit einen Rechtsschwenk vollzogen. Es lohnt kaum noch, sie neben der FAZ zu lesen. Beim Spiegel überwiegt zunehmend die zeitraubende Geschwätzigkeit den kritischen Biss. Ihr Hinweis, wie unterschiedlich Grabenkämpfe in der CDU/CSU und Streit in der SPD medial aufgegriffen werden, ist wichtig und zutreffend.
    Herzliche Grüße
    Ihr
    Wolfgang Lieb

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