Zechen im Ruhrgebiet

Vom Ruhrgebiet können die Volksparteien viel lernen: Solidarität statt Egoismus – Zusammenhalt und Verantwortung

In wenigen Wochen wird die letzte Tonne Steinkohle aus der Zeche Prosper in Bottrop gefördert. Dann geht eine Epoche zu Ende, die die Region an der Ruhr und die dort lebenden Menschen geprägt hat. Und um das nicht zu vergessen: Ohne die Kohle wäre der Aufstieg der Bundesrepublik aus und auf den Ruinen des Zweiten Weltkriegs nicht möglich gewesen. Das deutsche Wirtschaftswunder hat im Ruhrgebiet seine Wurzeln gehabt. Der Kumpel hat mit seiner Maloche tief unter der Erde dafür gesorgt. Daran hat NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gerade erinnert und dabei auch auf die Verantwortung der Unternehmen für ihre Beschäftigten hingewiesen. Unter Tage waren sie alle gleich, da spielte die Herkunft keine Rolle, auch nicht die Religion, entscheidend war die Verlässlichkeit. Jeder musste sich vor Ort auf den anderen verlassen können, egal ob er Deutscher war oder Pole oder Türke, Italiener oder Grieche. Die Arbeit unter Tage habe die Menschen zusammengeschweißt, betonte Laschet. Der gebürtige Aachener weiß, wovon er redet, sein Vater war Steiger.

Diese Solidarität hat das Revier ausgemacht, sie war das Kennzeichen der Region, die nicht immer hübsch anzusehen war. Damals, als die Zechen mit ihren Schloten das äußere Bild prägten. Als die Hände der Kumpel noch schwarz waren von der Arbeit vor und mit der Kohle, als die älteren Kumpel vornehmlich im Herbst in den Fenstern ihrer Häuser lagen und nach Luft rangen. Viele hatten Staublungen, eine tückische Kumpel-Krankheit. Überall lag der Ruß herum, auf der Straße wie den Fensterbänken, die Farbe der Häuser war grau. Ja, so war das und so sah das aus. Der Kumpel ging gern in seine Kneipe, trank ein Pils und nen Korn dazu.

Bilder aus der Vergangenheit. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und habe den Zusammenhalt dort erlebt. Dieses Gefühl gibt es noch heute. Vieles hat sich verändert, die meisten Zechen sind abgerissen worden, hier und da gibt es den Pütt als Denkmal wie auf Zollverein in Essen. Dort kann man die Geschichte des Bergbaus in einer sehenswerten Ausstellung Revue passieren lassen. Es lohnt sich, der Blick zurück in eine vergangene Zeit. Die deutsche Steinkohle war über viele Jahre hoch subventioniert, der Staat steckte Milliarden in die Industrie, hielt sie buchstäblich über Wasser, damit die Region nicht absaufen würde. I

Volkes Stimme an der Ruhr

Im Ruhrgebiet ist Volkes Stimme zu Hause, der Ruhri ein Mann des kurzen und klaren Wortes. Hier weiß man, was Arbeit bedeutet und was es bedeutet, wenn man arbeitslos ist und Stütze bekommt, wenn die Kinder ihre Eltern nicht zur Arbeit gehen sehen. Hier ist man nicht pingelig, man krempelt die Ärmel hoch und packt an. Aber hier vergisst man auch nicht, wenn einem was versprochen und nicht gehalten wird.

Politiker vor allem der Volksparteien SPD und CDU können hier Nachhilfestunden nehmen, wenn sie wissen wollen, wo der Schuh drückt, wo es kneift, wo es wehtut. Aber sie müssen zu den Leuten gehen, ihnen zuhören und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie sich um ihre Sorgen kümmern werden. Und diese Sorgen sind oft genug ganz nah zu besichtigen. Da ist die schlechte Straße, die heruntergekommene Schule, überhaupt die ganze Infrastruktur gerade in den Arbeitergegenden. Wer durch Stadtteile von Gelsenkirchen fährt, oder durch Wattenscheid, oder durch Dortmund, oder Duisburg, sieht, wie vernachlässigt manche Ecken in der Vergangenheit wurden. Dass hier inzwischen anders gewählt wird, darf niemanden verwundern. Es reicht eben nicht, in der Zeit der Wahlkämpfe mal kurz vorbeizukommen und ein paar Parolen loszuwerden. Das wirkt sowieso ziemlich unglaubwürdig.

Gerade die Volksparteien SPD und CDU haben in der jüngeren Vergangenheit viele Stimmen verloren. Sie haben Wählerinnen und Wähler an die rechtspopulistische AfD verloren, weil sie im Umgang mit der AfD versagt haben. Weil sie ihre Politik fast nur noch auf die Migration gelegt haben, als wäre das das größte Problem. Es ist eines von vielen. Weil sie den Eindruck erweckten, als läge die Antwort auf die AfD in der Dauer-Fixierung auf die AfD, wie das die SZ beschrieb. Ja, es stimmt, es gibt rassistische Gruppen in der AfD, Fremdenfeinde, NPD-Sympathisanten. Es stimmt auch, dass die AfD im Grunde nur mit Parolen arbeitet, mit Ressentiments, Vorurteilen, abscheulichen Geschichtsbildern.

Pflege-Notstand, Infrastruktur

Darauf sollten sich die Politiker der CDU und der SPD aber nicht einlassen. Ihre Wählerinnen und Wähler erwarten vernünftige Antworten auf den Pflege-Notstand, sie erwarten, dass bei ihnen vor der Haustür die Straße hergerichtet und die Straßenbeleuchtung in Ordnung gebracht wird, dass es sauberer wird in ihrem Viertel, sicherer, dass mehr Polizisten und Lehrer eingestellt werden, dass der Unterrichtsausfall endlich bekämpft wird und nicht nur mit Worten, sondern mit Geld, damit Lehrer bezahlt werden. Sie erwarten, dass der öffentliche Nahverkehr verbessert und so erweitert wird, dass er die Vororte und die Dörfer außerhalb der Städte erreicht, wo sie wohnen. Damit sie von dort zur Arbeit fahren können, mit Bus oder Bahn. Sie erwarten, dass die Auto-Hersteller für ihren Betrug an den Diesel-Fahrzeugen bestraft werden, dass VW, Daimler, Audi und wie sie alle heißen, dafür sorgen, dass die schmutzigen Diesel auf Kosten der Auto-Firmen gesäubert werden. Es ist doch ein Unding, wenn der Autofahrer für den Betrug der Industrie zur Kasse gebeten werden soll, wenn von ihm erwartet wird, dass er Tausende von Euros aufbringen soll, um sich ein neues Auto zu kaufen. Die Diskussion um Fahrverbote ist ok. aber sie darf nicht zu Lasten der Verbraucher gehen. CSU-Bundesverkehrsminister Scheuer zum Beispiel hat hier ziemlich versagt.

Es gibt weitere Themen, die die Politiker anpacken müssen. Die Wohnungsknappheit in den Städten gehört dazu, es fehlen preiswerte Wohnungen, die sich der Normalbürger leisten kann. Es ist wirklich ein Skandal, wie man den sozialen Wohnungsbau heruntergefahren hat, wie man soziale Wohnungen aufs feinste sanieren ließ, damit die zahlungskräftige Kundschaft sie erwerben konnte. Otto Normalverbraucher schaute in die Röhre. Wer eigentlich kümmert sich um die Probleme der vier Millionen Alleinerziehenden?

Eine Menge zu tun

Oh, ja, es gibt eine Menge zu tun. Und die Volksparteien sollten nicht länger jammern, dass ihnen die Wählerinnen und Wähler weglaufen. Sie müssen halt zu den Menschen gehen und für die Menschen Politik machen. Soziale Politik, menschliche Politik, die die Menschen als solche spüren. Es heißt nicht umsonst soziale Marktwirtschaft. Es geht nicht um Parolen, es geht um Lösungen von Problemen, um die sich SPD und CDU kümmern müssen. Und es reicht nicht, nur von der inhaltlichen und personellen Erneuerung der SPD zu sprechen, wenn nicht erkennbar ist, dass etwas geschieht. Und es muss etwas geschehen. Die SPD steht in Umfragen bei 15 Prozent. Juso-Chef Kühnert hat seine umstrittene Parteichefin Andrea Nahles gerade aufgefordert, sich „mit den Großen, den Mächtigen, den Reichen in dieser Gesellschaft anzulegen“. Warum denn nicht?!

Es ist Zeit für Veränderung. Die CDU geht sie an. Am Freitag wird man sehen, ob Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder der junge Jens Spahn das Rennen macht um die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Chefin. Im neuen Jahr wird die CSU einen neuen Vorsitzenden wählen, Markus Söder soll Horst Seehofer folgen. Und wann folgt die SPD?

Bildquelle: Gemälde von Eva Hoyer

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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