Integration, Humanität

20. Juni- Weltflüchtlingstag - 70, 8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht: Toxische Sprache in der öffentlichen Debatte im Widerspruch zur weltweiten Flüchtlingsbewegung

Filippo Grandi, Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, hat in Berlin den Weltflüchtlingsbericht „Global Trends“ vorgestellt. Unvorstellbare Zahlen. Nahezu 70, 8 Millionen Menschen als Flüchtlinge, Vertriebene oder Asylbewerber weltweit. Mehr Menschen, als in Frankreich oder Großbritannien leben. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat seit seiner Gründung 1950 noch nie einen so hohen Wert ermittelt. 91 Prozent aller Flüchtlinge leben nicht in der EU. Viele Zahlen.

Auch nach Deutschland kommen immer noch Flüchtlinge – allerdings ist die Zahl der Asylbewerber deutlich zurückgegangen. Vergangenes Jahr waren es knapp 162.000 Menschen, 2016 wurden bei uns noch 722.400 Anträge auf Asyl gestellt.
Vollkommen im Gegensatz zu diesem Rückgang der Anträge und auch der Zahl der Menschen, die in Europa Schutz gefunden hat, entwickelt sich unsere öffentliche Debatte, wenn es um Fluchtschicksale, Fluchtursachen und Integration in unsere Gesellschaft geht.

„Wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen“ – dieser Satz ist uns allen bekannt. Viele denken ihn, viele sprechen ihn deutlich aus. Er spiegelt nicht nur die Skepsis gegenüber einer offenen Flüchtlingspolitik, sondern auch die Angst vor Kontrollverlust. Vor Veränderungen in einer globalen Welt, vor komplexen Verflechtungen, die für uns alle in ihrer Gänze kaum noch nachvollziehbar sind. Wie diffus diese Ängste sein können, wird besonders deutlich, wenn wir beobachten wie Sorge und Skepsis der Bürgerinnen und Bürger Europas wachsen, während die tatsächlichen Zugangszahlen Geflüchteter nach Europa radikal eingebrochen sind.

Kein Land der Erde kann allen Geflüchteten Zuflucht bieten. Fakt ist aber, dass die ganz überwiegende Mehrheit nicht bei uns, sondern von den Anrainerstaaten ihrer Herkunftsländer aufgenommen wurden. Dazu zählen vor allem volkswirtschaftlich stark herausgeforderte Staaten und arme Länder. So ist beispielsweise jeder 6. Mensch im Libanon ein Flüchtling. Vor diesem Hintergrund rückt der Satz „Wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen“ auf einmal in den richtigen Kontext – die Krise findet nicht bei uns statt. In der EU leben rund 512 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Rund 2,7 Millionen Flüchtlinge fanden Schutz auf europäischem Boden – die Debatten um Überforderung in Flüchtlingsfragen können also nichts Anderes sein, als Symptome für Herausforderungen, die ganz woanders auf der Welt stattfinden.

Die Menschen werden weiterhin fliehen – vor Krieg, Verfolgung, Gewalt oder Klimafolgen. Die 18.000 Toten und Vermissten seit 2014 im Mittelmeer führen uns dies deutlich vor Augen.

Es geht darum, in den Krisenländern ausreichend Bleibeperspektive zu schaffen. Aber vor allem müssen wir Europa an seine eigene Fluchtgeschichte erinnern und denjenigen Schutz bieten, die ihn benötigen. Und zwar auf der Basis eines solidarischen Europas in Form eines Interessenausgleiches der EU-Länder, die die Steuerung von Migrationsbewegungen und die Glaubwürdigkeit des Asylsystems gleichermaßen vorantreiben.

Es geht also gar nicht nur um die Frage, wieviel Menschen bei uns in Europa Schutz finden. Aber wir müssen uns der Verantwortung globaler Herausforderung stellen. Und wir können die Menschen, die bereits bei uns Schutz gefunden haben, zu unseren gleichberechtigten Mitmenschen machen. Laut einer Stichproben-Befragung der UNO-Flüchtlingshilfe, deutscher Partner des UNHCR, zusammen mit der Agentur pollytix strategic research GmbH im deutschen Mittelstand zum Thema „Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen“ sind wichtige Meilensteine geschafft. Das Fazit ist ermutigend und sehr positiv. Fast alle Unternehmen machen gute bis sehr gute Erfahrungen mit Geflüchteten als Arbeitnehmer*innen und haben gleichzeitig zwei klare Wünsche an die Politik: verfügbare und berufsbegleitende Sprachkurse, damit Deutschkenntnisse gestärkt werden, sowie Rechtsicherheit, um etwa Abschiebungen während einer Beschäftigung zu verhindern. Das sind konkrete Anforderungen an die Politik, die es unmittelbar zu lösen gilt. Denn nur so wird sich auch die öffentliche Debatte wieder auf das konzentrieren, was wirklich ist: unsere Verantwortung und unsere Solidarität.

Die UNO-Flüchtlingshilfe, der deutsche Partner des UNHCR, trägt durch seine Informationsarbeit dazu bei, die Fakten und tatsächlichen Entwicklungen dieser weltweiten Herausforderung zu stärken; um so auch in Deutschland zu einer sachlich basierten Debatte beizutragen.

Bildquelle: Pixabay,  Capri23auto, Pixabay License

 

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Peter Ruhenstroth-Bauer

....ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe (www.uno-fluechtlingshilfe.de), dem deutschen Partner des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR). Zuvor war er u.a. Stellvertretender Chef des Bundespresseamtes und als Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Er ist Lehrbeauftragter für Politische Kommunikation/Regierungskommunikation an der Universität Potsdam und der Hochschule Magdeburg.


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