Freund-Feind-Denken

Trump: Patriotisch gegen das Coronavirus

Gegen den Versuch, durch eine starke Einschränkung sozialer Kontakte die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, gibt es zwei Einwände. Der erste argwöhnt, die persönliche Freiheit werde zu sehr beschränkt, der zweite sorgt sich um „die Wirtschaft“.

Beide Einwände haben einen seriösen Kern, die Risiken sind indes in der Demokratie beherrschbar, auch die volkswirtschaftlichen.

Aber jetzt kommt Trump und wird, das ist meine Prognose, durch seinen Umgang mit der Corona-Epidemie einen Konflikt heraufbeschwören, wie es ihn lange nicht gab. Der Konflikt wird über die USA hinausreichen.

Trump will Präsident bleiben und riecht, dass ihm das nicht gelingen wird, wenn die US-Wirtschaft einen massiven Einbruch erlebt und der Absturz der Börsen nicht umgekehrt werden kann, bevor im November die Wahllokale öffnen. Folgt er dem Ratschlag der Wissenschaftler und macht sich auf Dauer eine Bekämpfung der Pandemie nach dem aktuellen Muster der Italiener, Franzosen oder Deutschen zu eigen, ist eine saftige Rezession in den USA so wenig zu vermeiden wie in den europäischen Ländern. Ob unter solchen Bedingungen die Börsen schon im dritten Quartal 2020 unwiderstehlich anziehen, kann man bezweifeln.

Trump muss sich nun entscheiden. Wochenlang hatte er trotz heftiger Warnungen mit trügerischen Verharmlosungen und Schönwetter-Prognosen eine energische Politik der US-Behörden sabotiert. Am 17. März schwenkte er komplett um und gebärdete sich geradewegs als Entdecker der Pandemie. Die neue Linie garniert er seitdem mit teils offener, teils unterschwelliger Anfeindung der Chinesen, sich selbst stilisiert er als allertatkräftigsten „Kriegspräsidenten“.

Nur, wie jetzt weiter?

Trump kennt die in der Breite (nicht in der Spitze) erbärmliche Verfassung des US-Gesundheitssystems zwar nicht aus eigener Anschauung, er weiß auch nicht, was es bedeutet, ohne Job, Geld und Versicherung auf den Tod krank zu werden, aber der Mann hat vorzügliche Wahlkampf-Profis, und die wissen Bescheid. Sie haben ihm ein ums andere Mal gesagt, dass er auf der Linie von Frau Merkel im November nicht gewinnen wird, selbst wenn er deren „Sozialismus“ imitiert und den Staat herausputzt. Es werden selbst dann einfach zu viele an dem Virus sterben, und „die Wirtschaft“ wird darben.

Aber warum dann der Schwenk?

Der Schwenk war erforderlich, um das Terrain für den „Kriegspräsidenten“ zu bereiten.  

Der „Kriegspräsident“ Trump wird von nun an das Virus nutzen, um alle Register gegen die politischen, nicht gegen die gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie zu ziehen, und er wird damit die Interessen seiner Klassen- und Wählerbasis energisch verteidigen.

Zum Auftakt hat Trump am Montag getwittert, die Behandlung der Krankheit dürfe keine übleren Folgen haben als die Krankheit selbst. Er weiß, dass es vor allem den großen Staaten dreckig geht, die selbst dann demokratisch wählten, als Hillary Clinton im Angebot war, New York und Kalifornien, und dass dort wie auch anderswo die Armen und nicht die Reichen am Abgrund stehen. Er erwartet, dass in den eher ländlich geprägten Staaten, deren Mehrheiten ihn ins Amt gehoben haben, es mit dem Virus glimpflich abgehen wird. Er vertraut darauf, dass er überwiegend Begeisterung auslösen wird, wenn er die Leute in seiner unnachahmlichen Art auffordert, mit aufgepflanztem Bajonett zurück an die Arbeitsstätten zu stürmen, denn wo gibt’s denn das: Die „Tapferen und die Freien“ lassen sich doch nicht durch eine Bazille ins Bockshorn jagen! Und immer wieder gegen die Chinesen, gern auch mal gegen die Deutschen.

Also kein Vertun: Der „Kriegspräsident“ Trump wird sich patriotisch kostümieren und wie schon beim letzten Mal keine Klassen mehr kennen, nur Helden gegen die Pandemie und die Feinde rundherum, vorneweg er selbst als Größter. Wer jetzt fragt, wie der Mann mit so einer Nummer durchkommen soll, der erinnere sich an das letzte Mal vor vier Jahren.

Bildquelle: Pixabay, Bild von John Hain, Pixabay License

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Karl-Heinz Klär

Historiker und Soziologe. 1983-87 Büroleiter von Willy Brandt. Langjährige Tätigkeit als Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei im Rheinland-Pfalz.


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