Fußabdrücke

Wie Corona uns verändert – auch die Politiker

Vor Monaten galt der Mund-Nasenschutz noch als Virenschleuder, jetzt gehört er zu unserem Alltag. Jeder, fast jeder trägt ihn, wenn er ein Geschäft betritt, wenn nicht, wird er gemahnt.“Das ist nicht fair“, monierte freundlich, aber bestimmt die Chefin in einem Haushaltswarengeschäft in Bonn-Kessenich mein Verhalten. Ich hatte den Mund-Nasenschutz vergessen, als ich noch schnell am Morgen eine Kartusche für unseren Sodastreamer kaufen wollte. In meiner Not hielt ich mir die rote Einkaufstasche vors Gesicht, aber den Abstand zur Kundin an der Kasse nicht ein. „Mehr Abstand bitte, nicht der Kundin auf die Pelle rücken.“ Recht hat sie, es war schlicht nachlässig von mir, ja fahrlässig,ohne Mundschutz in ein Geschäft zu gehen. Wir alle sind schließlich verantwortlich, jeder für sich und damit auch für die anderen. Mit dem Mund-Nasenschutz schützen wir die Verkäuferinnen und Verkäufer, den Nachbarn in der U-Bahn, in der Bank, auf dem Markt, schlicht überall vor einer Infektion mit dem Virus, der uns alle bedroht. Wir schützen ihn, er, wenn er sich richtig verhält, uns.

Jeder trägt Verantwortung. Das hilft ein Stück. Abstand halten gehört dazu, kein Händeschütteln, Husten in die Armbeuge. Das hat man uns beigebracht. Viele verhalten sich entsprechend, nicht alle. Das alles hat mit Respekt zu tun, Achtung vor dem Mitmenschen. Gleichgültigkeit erhöht das Risiko, angesteckt zu werden. Die Infektionszahlen schnellen in die Höhe- und doch fahren die Leute in den Urlaub, feiern sie in viel zu großen Gruppen und eng aneinander gereiht in Stuttgart, Hamburg, Berlin oder in Dortmund. Ich könnte andere Städte nennen, wo die Menschen sich auch nicht klüger verhalten. Das Oktoberfest ist abgesagt, die Cranger Kirmes auch. Erste Ansagen werden mit Blick auf die Karnevalssaison gemacht, die am 11. 11 beginnt, die fünfte Jahreszeit im Rheinland. Schon wird Karneval mit Weihnachten verglichen, das werde ja auch nicht abgesagt. Jeder Vergleich hinkt, auch der. In Kirchen gehört Abstand zum Anstand, sind die Reihen zusätzlich lichter geworden. Bundesliga mit vollbesetzten Stadien kann sich kaum einer vorstellen, andererseits fehlt solchen Spielen die Stimmung, sie gleichen Geisterspielen.

Schimpfen auf die Politik ist zwar modern, aber der falsche Weg. Jeder fange bei sich an. Nehme Rücksicht und zeige Respekt. Und wer aus dem Urlaub das Virus in die Heimat schlepppt, muss sich testen lassen und die Kosten selber tragen. Es kann doch nicht sein, dass auch hier die Allgemeinheit zur Kasse gebeten wird. Zum Thema Demonstrationen gegen Corona-Auflagen ist eigentlich alles gesagt, bei mir löst es nur Kopfschütteln aus. Es wird teils der Eindruck erweckt, als würde die Politik mit den verhängten Einschränkungen uns das Leben in Freiheit nehmen. Wer so redet, hat Diktaturen nie erlebt, weder die braune der Nazis noch die rote der Kommunisten. Es sind Einschränkungen auf Zeit, die helfen sollen, das Virus einzudämmen und Menschen zu schützen. Dass nicht alles richtig gemacht wurde und wird, hängt damit zusammen, dass die Pandemie auf keinem Fahrplan stand. Wissenschaft ist ein laufender Prozess, laufend verändern sich die Erkenntnisse. Man muss lernen, den Virologen zuzuhören und zu lernen, was sie uns empfehlen.

Dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in die Kritik geraten ist, hat er sich selbst zuzuschreiben. Allzu vollmundig hatte er sich ins Zeug gelegt und so getan, als marschiere sein Bayern-Land voraus, die Vorstufe zum Paradies(Seehofer), das Musterland mit Laptop und Lederhose, das zu den Sternen aufbrechen will und sogar ein eigenes Raumfahrtprogramm plant. Und in diesem Bayern mussten freiwillige Helfer Protokolle an Teststationen händisch in den Computer eingeben. Es darf gelacht, zumindest sich gewundert werden, hatte doch derselbe Söder von einem Dienst des Freistaates gesprochen, „den wir für Deutschland machen.“ Größer geht es nicht. Hochmut kommt vor dem Fall, der dann peinlich ausfiel. Es sollte ihm eine Lehre sein, der Umgang mit der Pandemie. Hatte er, der selbstredend gar keinen Gedanken auf die Kanzlerkandidatur verschwendet-mein Platz ist in Bayern-, nicht davon geredet, nur wer Krise könne, habe die Statur für das höchste Amt, gemeint das Kanzleramt?

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet(CDU) galt lange Zeit als klarer Favorit für den Vorsitz der Bundes-CDU, den Annegret Kramp-Karrenbauer freiwillig abgibt, weil sie als erste Nachfolgerin von Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin ins Strudeln geriet, vielleicht auch, weil sie sich mit der Übernahme des Verteidigungsressorts übernommen hat. Nicht wenige konnten diesen Schleudersitz für höchste Weihen nutzen, mir fällt nur Helmut Schmidt ein. Zurück zu Laschet. Der CDU-Vorsitz ist mit dem Anspruch verbunden, die Kanzlerkandidatur der Union zu übernehmen. Doch Laschet zögerte, anders als Söder packte er nicht an, weil er nicht wusste, wie es weitergehen werde. Diese Unsicherheit warf ihn im Rennen um die Spitzenplätze zurück. Aber nicht die CDU-Konkurrrenten wie Merz und Röttgen machen ihm zu schaffen, sondern der Franke aus Nürnberg, der eigentlich gar keine Ambitionen auf das Kanzleramt haben will, wie er immer wieder betont. Was ihm kaum jemand abnimmt, weil man ihn kennt den 1,94-Meter-Mann Söder, der gern nach der Macht greift und der sich in der Nachfiolge von Franz-Josef Strauß sieht, seinem Vorbild, der es damals gegen Helmut Schmidt nicht geschafft hatte. Wie es auch einer seiner engsten Berater, Edmund Stoiber, nicht gegen Gerhard Schröder gepackt hatte. Wenn er gerufen würde, so las sich gerade in einem SZ-Inrterview mit Barbara Stamm, der ausgeschiedenen Landtagspräsidentin, könne es sein, „dass er sich die Frage stellen lassen muss, ob er nicht in der Verantwortung ist.“ Es klingt etwas verschwurbelt. Deutschland braucht Söder? Das wäre denn doch zu viel.

Dass Laschet so etwa wie ein Getriebener wirkt, ist verständlich, weil er Antworten geben muss auf Fragen, die eben nicht so klar zu beantworten sind. Was für einen Politiker eine schwierige Nummer ist, ein Balancieren wie auf einem Seil. Was soll er, der Rheinländer, zum Karneval sagen, jetzt im Sommer 2020, wenige Monate vor dem CDU-Parteitag, auf dem der erste Teil der Merkel-Nachfolge geregelt werden soll? In NRW haben die Schulen mit Mund-Nasenschutz für Schülerinnen und Schüler in den höheren Klassen begonnen. Das werde überprüft, hörte ich ihn sagen. Was wird er machen, wenn die Zahlen mit Neu-Infektionen weiter in die Höhe gehen? Alles dicht machen, Schulen, Läden,Kneipen, das ganze Theater von vorn mit dem Risiko, dass die Wirtschaft nicht auf die Beine kommt?

Es ist schon ein bisschen zum Sichwundern, dass Angela Merkel zu einer Zeit, da klar ist, dass sie nicht mehr antritt als Kandidatin der Union für das Kanzleramt, dass diese Frau Merkel das höchste Ansehen genießt. Träte sie an, sie würde gewinnen. Hatte man ihr nicht vor Jahren, als sie Abertausende von Flüchtlingen ins Land ließ und trotz aller Kritik und Einwände fast trotzig bemerkte: „Wir schaffen das! “ in Bayern „die Herrschaft des Unrechts“ vorgehalten, gar mit einer Klage gedroht? Merkels Karriere ist einmalig, sie kam unerwartet, niemand hatte sie nach der Wende auf dem Schirm, zugetraut hatte ihr das kaum jemand. Man denke an den Abend der Wahl 2005, an all ihre innerparteilichen Gegenspieler wie Roland Koch oder Friedrich Merz, unvergessen, wie über Merkel in den Medien geschrieben wurde-eine Frau, evangelisch, keine Kinder, aus dem Osten, ohne Hausmacht- unvergessen dann der rasante Aufstieg der „Mutti“ zur mächtigsten Frau mindestens in Europa wenn nicht zeitweise der Welt, von der die Laschets, Merz, Röttgens und Söders sich den Ritterschlag erhoffen, den sie niemandem erteilen wird. Das wird mindestens eine Genugtuung sein für sie, die es allen gezeigt hat. Und vielleicht wird man dann etwas vorsichtiger mit dem Urteil „kanzlertauglich“ umgehen. 16 Jahre wird Angela Merkel 2021 regiert haben, länger als Adenauer, so lange wie Kohl, der sie einst als “ mein Mädchen“ bezeichnete und dessen politische Ära sie mit einem Aufmacher in der FAZ für beendet erklärt hatte.

Merkel geht übrigens freiwillig.

Bildquelle: Pexels, gemeinfrei

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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