Berlin Brandenburger Tor

 Von der Bonner zur Berliner Republik

Was gern vergessen wird: der Beschluss über den Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin 1991 war äußerst knapp und wäre ohne die 17 Stimmen der PDS , der gewandelten SED, heute „Die Linke“, vielleicht sogar gescheitert. Insoweit kann man durchaus von einer ersten gesamtdeutschen Entscheidung nach der Vereinigung von DDR und Bundesrepublik sprechen, die damals im Bonner Wasserwerk als Hauptstadtentscheidung in die Geschichte einging.

Es dauerte noch fast ein Jahrzehnt, ehe der Umzug tatsächlich möglich wurde. Das brachte es mit sich, dass der Sozialdemokrat Gerhard Schröder der ersten Kanzler der Berliner Nachkriegsrepublik wurde, dessen letzter Vorgänger in der alten und neuen Hauptstadt der Reichskanzler Adolf Hitler war.

Der im Herbst 1998 abgewählte Altkanzler Helmut Kohl hatte es nicht fertig gebracht, den Beschluss von 1991 zeitig umzusetzen. Der Widerstand in den West-Parteien von CDU, und vor allem der CSU, aber auch bei SPD und FDP gegen Berlin war groß. Die Debatte über das Ende der rheinischen Republik und dem Regierungssitz Bonn, hatte aber auch zuweilen groteske Züge. Dahinter verbarg sich die Befürchtung, dass Deutschland mit der Hauptstadt Berlin als bevölkerungsstärkstes Land in Europa seine Rolle als wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg nicht mehr aufrecht erhalten könnte.

Bonn war es gewohnt, sich aus außenpolitischen Entscheidungen wie den ersten Irak-Krieg, den die USA ohne UN-Votum vom Zaun brachen, mit Hinweis auf die Teilung herauszuhalten. Außenpolitik mit dem Scheckbuch war nach der Vereinigung nicht mehr möglich. Es war vorbei, sich von außenpolitischer Verantwortung freikaufen zu können.

Aber ebenso klar war, dass die Hypotheken des Naziterrors möglichst abgearbeitet werden mussten, die in Bonn unter Adenauer und der Uion nur zögerlich angegangen worden waren. Es blieb beispielhaft  eine klaffende Wunde: Die ungeklärte Wiedergutmachung an Millionen Zwangs- und Sklavenarbeitern. Sie vor allen hatten es ermöglicht, dass im II.Weltkrieg das Leben erträglich blieb, bis die Lufthoheit verloren, der Krieg das Reich erreichte, und die Bombengeschwader  der Alliierten ihre Last über Deutschland abladen konnten.

Es war Kanzler Schröder, der schon in Hannover mit den ersten Verhandlungen begann und die Industrie überzeugte, in eine Stiftung einzuzahlen, die den ehemaligen Zwangsarbeitern zugute kommen sollte. Sie wuchs schließlich auf zehn Milliarden Euro auf, und war dennoch nur eine Geste, die deutlich machen sollte, dass diese Menschen und ihr Leid nicht vergessen waren.

Rückblickend war es vor allem der Ära Schröder zu danken, dass die Berliner Republik aus den Schatten der jüngeren Geschichte heraustreten konnte. Nicht zuletzt das klare Nein, sich am zweiten Irakkrieg zu beteiligen, und die Bundesrepublik  von außenpolitischen Abenteuern fernzuhalten, waren Voraussetzung, dass das wiedervereinigte Land heute in der Europäischen Union eine zentrale und zugleich ausgleichende Rolle spielen kann.

 

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Uwe-Karsten Heye

Der Print- und Fernsehjournalist arbeitete unter Gerhard Schröder als Regierungssprecher bevor er als Generalkonsul nach New York ging. Heye ist Autor mehrerer Bücher und bloggt vor allem zu den Themen Rassismus und Antisemitismus.


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