Coronavirus Welt

Corona trifft uns alle – Es verändert das Leben der Reichen und der Armen

Corona trifft uns alle, die Reichen und die Armen, die Rentner, die Reisenden, die Künstler, die Spargelbauern, die Flieger und die Autobauer, die freien Unternehmer, die Pfleger, die Ärzte, die Kassiererinnen bei Rewe und Edeka, Aldi und Netto, Junge und Alte, die Welt im Westen wie im Osten, im Süden und Norden. Das Virus trifft  Prinz Charles, selbst die Kanzlerin muss in Quarantäne. Es verändert unser Leben, es verändert uns. Zum Beispiel Udo Lindenberg. Der Rocksänger aus dem westfälischen Gronau, der seit 26 Jahren im feinen Hamburger Hotel „Atlantic“ wohnte und lebte, hat dieses Domizil mit Alsterblick wegen Corona verlassen müssen. Er hätte zwar bleiben dürfen, aber ohne Hotelservice wird das Leben selbst im Atlantic beschwerlich. Oder nehmen wir die Obdachlosen. Wo sollen sie hin? Wo finden sie was zum Essen, wenn Suppenküchen geschlossen sind, wenn es kaum noch Flaschen zum Sammeln gibt in ziemlich leeren Städten und kein Bundesliga-Spiel leere Bierflaschen hinterlässt, die ihnen einen Verdienst bescheren.

Abstand halten, am besten zwei Meter, so liest man die Empfehlung am Flughafen Düsseldorf. Keep Distance! Überall ist das zu sehen, vor den Drogeriemärkten bilden sich Schlangen, weil nur noch eine begrenzte Zahl von Kunden reingelassen wird, die anderen müssen draußen warten, stehen auf dem Trottoir oder gar am Straßenrand, in gehörigem Abstand voneinander. Was wir früher in der DDR gehasst haben, das Schlangestehen, jetzt ist es fast der Normalfall. Und mit wenigen Ausnahmen halten sich die Menschen daran. Abstand gilt auch im Privaten, keine Umarmungen bei der Begrüßung, kein Händeschütteln, eine kleine Verbeugung, ein Lächeln, hin und wieder hebt jemand die Hand zum Gruß. Abstand halten, das Virus auf Distanz halten, wenn es denn geht.

Regierung und Opposition einig

Bilder wie diese hat es in der 71jährigen Geschichte des Deutschen Bundestages noch nicht gegeben: Man hatte sich über die Fraktionen verständigt, dass nur eine begrenzte Zahl von Abgeordneten im Plenum des Parlaments Platz nehmen durfte, um Abstand wahren zu können. Es hat funktioniert, auch hier im sogenannten Hohen Haus, das seiner Würde gerecht wurde, als es um die Verabschiedung des größten Schulden-Pakets in der Geschichte der Republik ging. Regierung und Opposition waren sich mit Abstrichen einig, die AfD tanzte ein wenig aus der Reihe und Alexander Gauland meinte, das Thema Flüchtlinge in seine Worte mit einbauen zu müssen, weil es ja bei der Corona-Krise auch um Grenzschließungen geht. Der Mann hat nicht verstanden, dass sich die Zeiten geändert haben, dass der Zusammenhalt der Deutschen gefordert wird, der Gemeinsinn der Demokraten, um der größten Krise Herr werden zu können. Parteipolitische Streitereien, Profilsuche zu Lasten anderer, das alles steht nicht zur Debatte. Es geht um vieles, mancher meint sogar um alles, was immer sich dahinter verbirgt. Denn es ist ja wahr: die Krise hält  die ganze Welt in Atem, in China wie in Amerika, in Russland wie in Frankreich, Afrika. Für das alles gibt es kein Drehbuch, hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz gesagt. Es ist einmalig, so oder so.

Es ist da beinahe natürlich, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Video-Botschaft die Bürger in Deutschland beschwört, Abstand zu halten, dass er die Heldinnen und Helden, die in der Krise Großes leisten, lobt: die Pfleger, die Krankenschwestern, die Ärzte, die Kassiererinnen, die Busfahrer, man könnte die Liste um viele Jobs erweitern, Menschen, die durch ihre Arbeit riskieren, angesteckt zu werden. Der Präsident, der den Blick über die Grenzen wirft, bittet die Mitbürgerinnen und Mitbürger um ihre Solidarität für Italien, Frankreich und Spanien, Länder, die es besonders erwischt hat. . Wörtlich fügte er an:  „Es zerreißt uns das Herz“, wenn man all das Leid in der Welt sieht, man denke nur an die Bilder von Italien, an die Szenen aus den Krankenhäusern, an die Bilder von den LKW, auf denen die Leichen abtransportiert werden. Nein, Herr Gauland, es ist nicht der Augenblick, sein parteipolitisches Süppchen zu kochen. Es geht um Menschen in aller Welt, um Leben und Tod. So hat es UN-Generalsekretär Antonió Gueterres gesagt, das Corona-Virus bedrohe die Ärmsten der Armen auf dem Globus. Man nehme als Beispiel nur den Jemen, über den wir gerade in einem Beitrag in unserem Blog geschrieben haben. Es geht wahrlich nicht nur um Mehl und Klopapapier, wenngleich wir in Deutschland gelegentlich beim Anblick leerer Regale in den Supermärkten exakt diesen Eindruck gewinnen könnten. Abstand halten, kein nervöses Gedränge, plötzlich scheinen mehr Menschen Zeit zu haben, die vor dem Bäckerladen stehen und geduldig warten, bis sie an der Reihe sind.

Kein öffentliches Leben

Das öffentliche Leben findet nicht statt, zumindest nicht in der uns gewohnten Form. Fußgängerzonen fast ohne Fußgänger, Geschäfte ohne viel Publikums-Verkehr, Straßen ohne Autoschlangen, Trambahnen und U-Bahnen, die leer irgendwo rumstehen. Schockstarre kann man das Bild nennen. Abstand überall, wo früher Nähe gewünscht war. Kneipen, Cafés dicht, Hotels ohne Touristen, kein Skifahren in den Bergen, überhaupt kein Urlaub. Das gesellschaftliche und soziale Leben ist heruntergefahren, um den Kollaps des Gesundheitssystems zu vermeiden. Damit die, die dennoch erkranken, Platz finden, ein Bett, eine medizinische Behandlung, die sie wieder gesunden lässt. Und natürlich hoffen wir alle, dass wir keine italienischen Verhältnisse erleben müssen. Wenngleich wir hier einräumen, dass ungeachtet des Leids, das viele Italiener seit Tagen erleben, sie gleichwohl auf den Balkonen stehen und singen, ihre Nationalhymne oder irgendeine Oper. Toll ist das, welch menschliche Wärme wird da vermittelt!

Solidarität wird gelebt, weil die Zurückhaltung eines Jeden den anderen schützen kann, weil das Zuhausebleiben Leben retten kann.

Die Krise verteilt die Lasten ziemlich ungleich. Der Buchhändler muss seinen Laden schließen, er weiß nicht, ob er nach der Krise das Geschäft wieder öffnen kann, ob er wirtschaftlich überlebt. Das gilt auch für die vielen Wirte, die vielen kleinen Selbständigen, die sonst beim Aufbau von Messen helfen und dadurch ihr Geld verdienen und jetzt ohne Job dastehen. Ob staatliches Geld ihr berufliches Überleben sichert, kann man nur hoffen. Es ist ja die Frage, wielange die Krise dauert, wann endlich der Impfstoff da ist, der das Virus auslöscht.  Was wird aus den vielern Kunstschaffenden, wenn das Theater nicht irgendwann wieder spielt? Ob sich dann der Vorhang wieder öffnet? Auch Frisöre sind ohne Arbeit, wer weiß, wie lange sie das durchhalten. Was wird aus dem Masseur, wenn er die müden Muskeln und Waden nicht mehr bearbeiten darf? Gibt es ein Hinterher?

Und wie soll das funktionieren, wenn Rentner, weil sie mehr gefährdet sind als junge Arbeitskräfte, isoliert werden sollen, aber die schaffenden Zeitgenossen wieder ins Büro oder an die Werkband gehen sollen? Was wird aus den Autobauern, den Fliegern, den Stewardessen und all den Menschen in den Urlaubsgebieten, die vielleicht über Monate nichts zu arbeiten haben? Können sie einfach wieder anfangen, wenn endlich grünes Licht gegeben wird? Geht das so einfach, den Motor, wenn er denn wochenlang stillstand, wieder mit voller Kraft fahren zu lassen? Was wird aus  den Bundesliga-Klubs, wenn in diesem Frühjahr nicht mehr gespielt würde? Die Herren Millionäre sollen ja bereit sein, auf Teile ihres beträchtlichen Einkommens zu verzichten. Wenn in diesem Sommer nicht mehr gekickt würde, müssten sie wohl Gelder zurückzahlen, die sie als Werbung  eingenommen hatten. Ich gebe zu, das Thema beschäftigt mich nicht so sehr, hier wird auf hohem Niveau gejammert.

Veränderungen im Zeitraffer

„Veränderung im Zeitraffer“ lese ich einen Beitrag in der SZ über die Veränderungen in den Redaktionsräumen des renommierten Münchner Blattes, das ich seit Jahr und Tag abonniert habe. Die Redaktion organisiere sich neu, so schnell, wie noch nie in 75 Jahren Süddeutscher Zeitung. Auch bei der SZ gilt das mit dem Abstand, muss man in großen Konferenzen  Abstand halten, recherchiert und schreibt so mancher Redakteur seine Beiträge im Home-Office. Schön zu lesen, dass die gedruckte SZ gerade in  Krisenzeiten gelesen wird, dass die Zugriffe auf deren Online-Portale so hoch seien wie nie zuvor.

Corona verändert unser aller Leben. Es schränkt viele Freiheiten ein, die wir mühsam erkämpft haben: die Versammlungsfreiheit, die Bewegungsfreiheit, die Reisefreiheit. Zeitlich begrenzt werden diese und andere Beschränkungen sein, aber niemand weiß, wann die Beschränkungen enden, weil niemand mit einigermaßen Verlässlichkeit sagen kann, wann denn der Höhepunkt der Pandemie erreicht ist und wann es abwärts geht mit dem Virus und für uns wieder aufwärts oder besser: auswärts, ins Freie, auf den Tennisplatz, ins Café, die Kneipe, ins Theater. Ob die Krise zu Verwerfungen führt? Wer will das sagen? Es wird Abstiege geben, die Menschen böse erwischen können.

Die Grundrechte werden wir uns auf Dauer nicht nehmen lassen. Die Demokratie hier im Lande ist gefestigt genug und das Parteiensystem erfährt in der Krise wieder mehr Vertrauen. Weil die Bürgerinnen und Bürger spüren, dass die Politikerinnen und Politiker sich kümmern, dass sie ihre Arbeit ernstnehmen. Der Ausnahmezustand dieser Gesellschaft könnte die Spaltungen überwinden, sie wieder zusammenschweißen und für Vertrauen sorgen. Es könnte auch sein, dass wir in der Krise unsere Freiheiten wieder schätzen gelernt haben. Und unsere Demokratie, die es zu verteidigen gilt, weil sie nicht selbstverständlich ist.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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