Welt nach Corona

Bessere neue Welt oder hässlicher alter Kapitalismus? Szenarien für die Zeit nach Corona

Umdenken nach Corona, Lehren ziehen und fortan alles besser machen? Die Aussicht auf eine neue, solidarischere Welt nach der Pandemie hat Zukunftsforscher, Philosophen und andere Optimisten beflügelt. Mehr Wertschätzung, mehr Rücksichtnahme, mehr Gerechtigkeit gehören zu den Erwartungen an den Neustart nach der Krise. „Alle warten auf die Welt nach Corona. Aber die Welt nach Corona beginnt jetzt“, sagt der Jugendrat der Generationen Stiftung. Und was sich da abzeichnet, enttäuscht die Hoffnungen bitter.

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer hat das kommen sehen. All die positiven Ausblicke auf die gesellschaftlichen Neuentwicklungen, zu der die Coronakrise unweigerlich führen müsse, bezeichnete er im Interview mit dem Deutschlandfunk schon Anfang April als „Gesellschaftsromantik“. Er dämpfte die „naiven“ Hoffnungen, denn: „Wir leben letztlich in einem kapitalistischen Staat und da ist es ja so, dass der Finanzkapitalismus kein besonderes Interesse an gesellschaftlicher Integration hat, sondern da geht es um die Kriterien von Nützlichkeit, Verwertbarkeit, Effizienz.“ Statt da mit Veränderungen zum Guten zu rechnen, müsse man vielmehr aufpassen, dass diese Kriterien jetzt nicht zunehmend auch auf Menschen angewandt werden. Die Coronakrise, so warnte er, sei ein Beschleuniger von noch größerer sozialer Ungleichheit.

Gegen die „fortschreitende soziale Spaltung“ wendet sich auch der Jugendrat der Generationen Stiftung mit seiner Kampagne „Generationen-Rettungsschirm“. Zum Auftakt demonstrierten 100 junge Menschen mit orangefarbenen Regenschirmen vor dem Kanzleramt. „Die wirtschaftlichen Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung drohen andere Krisen zu verschärfen“, sagte Hannah Lübbert, 19-jährige Sprecherin des Jugendrats. „Während große Konzerne unter Rettungsschirme schlüpfen können, fehlt ein Rettungspaket für die Menschen und für die Zukunft.“

„Wir sind nicht länger bereit, beim Ausverkauf unserer Zukunft zuzusehen. Wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht, müssen wir mitreden und aktiv werden“, sagte Co-Sprecherin Rifka Lambrecht (19). Der „Generationen-Rettungsschirm“ stellt vier zentrale Forderungen an die Bundesregierung: eine Kopplung von Wirtschaftshilfen an strenge ökologische und soziale Bedingungen, ein Umsetzen der Klimaziele, ein Ende des Leids an den europäischen Grenzen und ein Stopp der fortschreitenden sozialen Spaltung.

Auch eine internationale Initiative stemmt sich gegen das verantwortungslose „Weiter so“. Mehr als 350 Gesundheitsorganisationen aus 90 Ländern fordern eine „gesunde Erholung“ der Wirtschaft. In einem offenen Brief an die Staatschefs der zwanzig wirtschaftlich stärksten Länder (G20) formulieren sie den Appell, dass die enormen Investitionen in Schlüsselsektoren wie Gesundheitsversorgung, Verkehr, Energie und Landwirtschaft den Gesundheitsschutz und die Gesundheitsförderung in ihrem Kern verankern sollten. Die Initiatoren sprechen von der menschlichen und der planetaren Gesundheit und beziehen ihre Forderungen auch auf sauberes Wasser, saubere Luft und Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels.

„Wir haben die Fragilität von Gesellschaften in Zeiten einer gemeinsamen Bedrohung für Gesundheit, Ernährungssicherheit und Arbeitsfreiheit am eigenen Leib erfahren“, schreiben die Organisatoren, die weltweit 40 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen repräsentieren. Und weiter: „Die Auswirkungen dieser anhaltenden Katastrophe sind vielschichtig und werden durch soziale Ungleichheiten und fehlende Investitionen in öffentliche Gesundheitssysteme weiter verstärkt. In kurzer Zeit  haben wir Tod, Krankheit und psychische Belastung erfahren, auf einem seit Jahrzehnten nicht mehr erlebten Niveau. Diese Auswirkungen hätten teilweise durch angemessene Investitionen in Pandemie-Prävention, öffentliche Gesundheit und Umweltverantwortung gemildert oder möglicherweise sogar verhindert werden können. Wir müssen nun aus diesen Fehlern lernen, um stärker, gesünder und belastbarer aus der Krise zurückzukehren.“

Die menschliche Gesundheit sei bereits vor COVID-19 durch Luftverschmutzung beeinträchtigt worden, heißt es in dem Schreiben. Und: „Ein wirklich gesunder Weg aus der Krise lässt nicht zu, dass die Luft, die wir atmen, und das Wasser, das wir trinken, weiterhin verschmutzt werden. Ein solcher Weg darf die Klimakrise und Abholzung der Wälder nicht weiter voranschreiten lassen.“ Arbeitnehmer bräuchten Zugang zu gut bezahlten Arbeitsplätzen, die die Umweltverschmutzung und -zerstörung nicht verstärken. Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Verkehrsmittel müssten in den Städten Vorrang haben, unsere Flüsse und Himmel sauber und geschützt sein. Die Folge: „Die Natur gedeiht, unser Immunsystem wird widerstandsfähiger gegen Infektionskrankheiten, und niemand wird aufgrund von Gesundheitskosten in die Armut gedrängt.“ Und: bis zum Jahr 2050 wäre ein globaler BIP-Gewinn von fast 100 Billionen US-Dollar zu erzielen.

Die Generationen Stiftung strebt für ihre Kampagne zum Generationen-Rettungsschirm eine Million Unterschriften an und setzt auf Verhandlungen mit der Bundesregierung. „In den kommenden Wochen werden wir täglich Präsenz vor den Bundesministerien zeigen und weiter Druck auf die Regierung ausüben“, kündigte Sprecherin Franziska Heinisch an. Bundesweit unterstützen mehr als tausend Freiwillige die Kampagne. Zu den prominenten Unterstützern gehören Schauspielerin Annette Frier, Klimaforscher Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber und Schauspieler Hannes Jaenicke. „Die jungen Menschen im Jugendrat, deren Zukunft durch viele gegenwärtige Krisen unmittelbar bedroht ist, kämpfen mit dieser Kampagne um ihre Zukunft“, betont die Gründerin der Generationen Stiftung, Claudia Langer. „Veränderung ist nur möglich, wenn sich die Generationen verbünden und eine starke Allianz der Zukunft bilden.“

Den pessimistischen Einschätzungen von Heitmeyer zum Trotz und nach der Devise, wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das gilt auch für eine weitere Gefahr, die der Bielefelder Soziologe in Folge der Coronakrise befürchtet, die Gefahr der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Das werde derzeit, sagte Heitmeyer Anfang April, durch die Pandemie überdeckt. „Aber es ist alles vorhanden und wird, wenn mich nicht alles täuscht, danach wieder aufbrechen, und die Rechtsextremen beziehungsweise die autoritären Nationalradikalisten werden dieses auszunutzen versuchen.“

Bildquelle: Pixabay, Bild von Rafael Rafa, Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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