Kirche und Corona

Kirchen, versündigt Euch nicht !

Viele Kirchengemeinden sind drauf und dran, sich zu versündigen – und das ausgerechnet zum höchsten oder zweithöchsten Fest der Christenheit, zu Weihnachten. Mediziner, die an vorderster Front im Kampf gegen Corona stehen, appellieren, warnen, flehen, die Kirchen sollten am Heiligen Abend unbedingt auf Gottesdienste mit Gläubigen – sogenannte Präsenz-Gottesdienste – verzichten. Die Infektionszahlen steigen weiter dramatisch an. Inzwischen sterben in Deutschland täglich tausend Menschen an oder mit dem höchst ansteckenden Virus. Krankenhäuser müssen Notprogramme fahren, Ärzte und Fachpersonal fallen aus wegen Corona, Intensivstationen stehen vor dem Kollaps. Aber die Kirchenleitungen können sich nicht zu einem eindeutigen Verdikt durchringen, und viele Gemeinden wollen zum Christfest unbedingt Präsenz-Gottesdienste anbieten – als seien sie nicht von dieser Welt.

Der Chef des Robert-Koch-Instituts, gleichsam Deutschlands oberster Kämpfer gegen Corona, bat die Bürger in einem emotionalen Appell: „Bleiben Sie zuhause !“ Die Festtage sollte man nur im kleinsten Kreis verbringen und Treffen nur auf ganz wenige und immer dieselben Menschen beschränken. Der Bundesverband der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst forderte, an Weihnachten keine Präsenzgottesdienste zuzulassen. „Weil wir wissen, wie leicht sich das Virus gerade bei Gottesdiensten übertragen kann, dürfen wir angesichts der hohen Infektionszahlen kein zusätzliches Risiko eingehen.“ Prof. Stefan Kluge, Chef der Intensivmedizin im renommierten Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mahnte: „Wir als Intensivmediziner sagen: Geht doch bitte nicht zum Gottesdienst, weil uns jeder Kontakt gefährdet.“

Viele Geistliche bleiben davon offenkundig unbeeindruckt, als werde der liebe Gott es schon irgendwie richten. So will in Hamburg nur die Hälfte der evangelischen Gemeinden auf Präsenz-Gottesdienste verzichten. Die katholischen Kirchen der Hansestadt wollen ebenfalls die geplanten Gottesdienste veranstalten. Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski meinte selbstsicher: „Beides, die Durchführung von Präsenzgottesdiensten wie die Feier von Gottesdiensten in anderen Formen, ist je nach Situation vor Ort eine verantwortbare Entscheidung.“ ‚Ist es nicht !!!‘ möchte man dem Herrn Präses zurufen. Und wenn er’s nicht kapiert, möge er doch endlich mal einen Experten fragen.

Windelweich und lauwarm wie leider so oft der höchste deutsche Protestant, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Eine „generelle Absageempfehlung“ möchte er nicht aussprechen. Es werde in den Kirchen sehr genau darauf geachtet, dass keine Risiken entstünden. „Ach Gottchen“, möchte man stöhnen, um im Kontext zu bleiben. Auch Theater, Konzerthallen, Kinos, Restaurants und Bars hätten ausgefeilte Hygienekonzepte anzubieten, müssen aber geschlossen bleiben. Wäre man bei denen so lax wie viele Kirchen mit sich selbst, müsste man sie alle wieder öffnen. Nur gibt es eben um Veranstaltungen herum – weltliche wie fromme – immer wieder Kontakte zwischen Teilnehmern, die das tückische Virus blitzschnell nutzt. Es will einfach nicht respektieren, dass man zu Weihnachten doch ein wenig rücksichtsvoll sein möge.

Also zu Weihnachten Präsenzgottesdienste. Als lasse sich die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit nicht auch anders ausleben. Wenn nach den Feiertagen die Zahl der Corona-Kranken und der Toten weiter nach oben schnellt, wie von Experten befürchtet,  könnte man das den Kirchen nicht definitiv und nicht allein anlasten. Aber freisprechen können sie sich nicht. Kirchen sind für’s seelische Wohl zuständig. Und Weihnachtsgottesdienste, so argumentieren Hard-Core-Kirchgänger wie Geistliche, seien unverzichtbar für dieses seelische Wohl. Allerdings muss man dafür am Leben bleiben. Sonst ist nur noch der Herrgott persönlich zuständig.

Bildquelle: Ing. Lukas D. ALBERT / CC-4.0-BY-NC-ND

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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